Pferdemuschel

Die Pferdemuschel (Modiolus modiolus)

Die Pferdemuschel ist mehr als nur eine ungewöhnlich große Muschel. Als langlebige Baumeisterin am Meeresboden schafft sie Lebensräume, verbessert die Wasserqualität und trägt zur Kohlenstoffspeicherung bei. Ihr Schutz ist deshalb nicht nur für die Art selbst, sondern für ganze Ökosysteme der nördlichen Ozeane von großer Bedeutung.

Die größte heimische Miesmuschel

Pferdemuschel Die Pferdemuschel gehört zur Familie der Miesmuscheln  (By Magne Flåten - Own work, CC BY-SA 3.0)

Die Pferdemuschel gehört zur Familie der Miesmuscheln und ist die größte in deutschen Gewässern heimische Miesmuschelart. Mit einer Länge von bis zu 22 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu mehreren hundert Gramm ist sie deutlich größer als andere verwandte Arten und wird deshalb auch Große Miesmuschel genannt.

Außerdem kann die Pferdemuschel ein außergewöhnlich hohes Alter für eine Miesmuschel erreichen. Viele Tiere werden über 30 Jahre alt, einzelne Exemplare sogar älter als 50 Jahre. Je älter die Pferdemuschel, desto dicker und beständiger und damit brauner wird ihre Schale.

Lebensraum der Pferdemuschel

Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über die kalten bis gemäßigten Gewässern des Nordpazifiks und Nordatlantiks. In den Süden reicht es im Atlantik bis zur Halbinsel Floridas, im Pazifik bis zu den Halbinseln Koreas und Niederkaliforniens. Auch unsere heimischen Gewässer der Nordsee und westlichen Ostsee gehören zu ihrem Lebensraum, jedoch ist sie hier gefährdet und wird zunehmend seltener.

Leben am Meeresboden

Pferdemuscheln leben überwiegend in Tiefen ab etwa zehn Metern und bis zu 150 Metern, kommen jedoch seltener auch in Gezeitenbecken oder flacheren Gebieten vor. Wie die meisten Muschelarten sind sie sessil, verbringen ihr Leben also fest an einem Standort und bewegen sich kaum.

Nahrung der Pferdemuscheln

Ihre Nahrung gewinnen sie deshalb nicht über die Jagd, sondern durch Filtration. Dabei saugen sie Wasser an und entziehen diesem Kleinstlebewesen und organische Schwebstoffe. Deshalb findet man Pferdemuscheln vor allem an Standorten mit einer gleichmäßigen Wasserströmung, die sie kontinuierlich mit Nahrung versorgt.

Fortpflanzung der Pferdemuschel

Pferdemuschel Pferdemuscheln leben überwiegend in Tiefen ab etwa zehn Metern und bis zu 150 Metern.  (By Ryan Hodnett - Own work, CC BY-SA 4.0)

Auch ihre Fortpflanzung ist damit eng an die gegebenen Strömungsverhältnisse gebunden. Männliche und weibliche Tiere geben ihre Samen- und Eizellen gleichzeitig frei in das Wasser ab und hoffen auf zufällige Befruchtung. Die Strömung beeinflusst dabei nicht nur den Befruchtungserfolg, sondern auch die Ausbreitung der Larven und damit den genetischen Austausch zwischen verschiedenen Populationen.

Die Larven können sich bis zu 50 Tage lang frei in der Wassersäule treiben lassen. Erst wenn sich ihre Schale ausreichend entwickelt hat, zieht sie ihr Gewicht langsam auf den Meeresgrund. Dort heften sie sich mithilfe ihres eigens angefertigten Klebers, dem sogenannten Byssus, über mehrere einzelne Fäden an das Substrat und machen es sich dort für den Rest ihres Lebens gemütlich. Man findet sie so oft zumindest teilweise in Sand-, Kies- oder Schlickböden eingegraben.

Natürliche Feinde der Pferdemuschel sind vor allem Seesterne und Wellhornschnecken. Aufgrund ihrer Größe stellen diese Räuber für ausgewachsene Tiere jedoch meist nur noch eine geringe Gefahr dar.

Ökosystem-Ingenieure - Die Eichen des Meeres?

Pferdemuscheln können einzeln leben, ihren vollen ökologischen Wert entfalten sie jedoch in großen Gemeinschaften. Siedeln sich viele Tiere dicht nebeneinander an, verbinden sie sich über ihre Byssusfäden miteinander und mit dem Untergrund. Über Jahrzehnte entstehen stabile, dreidimensionale Strukturen am sonst kargen Meeresgrund. Diese nennt man biogene Riffe, also aus Lebewesen bestehende Riffe.

Diese Pferdemuschelbänke zählen zu den wertvollsten Lebensräumen der gemäßigten Meere. Ähnlich wie Korallenriffe bieten sie zahlreichen Arten Unterschlupf, Nahrung sowie eine Kinderstube. In und auf den Riffen finden sich unter anderem Kabeljau, Wittling, Pollack, Wellhornschnecken, Große Seespinnen, Pilgermuscheln, Hummer sowie Vertreter der Stachelhäuter, Algen, Hydroiden und Weichkorallen. Manche dieser Spezies findet man bis zu 20-mal so oft in Pferdemuschelbänken, als im offenen Meer.

Wichtige Funktionen für Ökosystem

Darüber hinaus erfüllen Pferdemuschelbänke wichtige Funktionen für das gesamte Ökosystem. Durch ihre Filtertätigkeit bereiten die Muscheln das Wasser auf und verbessern dessen Klarheit. Gleichzeitig stabilisieren ihre Riffe den Meeresboden, wodurch Sedimente weniger leicht aufgewirbelt werden. In diesen stabilen Sedimenten sowie in den organischen Ablagerungen innerhalb der Riffe kann eine langfristige Kohlenstoffspeicherung stattfinden. Diese natürliche Kohlenstoffsenke funktioniert allerdings nur, solange die Riffe ungestört bleiben.

In vielerlei Hinsicht lässt sich die Pferdemuschel daher mit einer Eiche an Land vergleichen. Wie die Bäume an Land, formt die Pferdemuschel ein Habitat unter Wasser, welches den Boden stabilisiert, Kohlenstoff speichert und verschiedenste Spezies anzieht, ernährt und schützt. Beide filtern ihre Umwelt – die Eiche die Luft, die Pferdemuschel das Wasser – und beide verraten ihr Alter durch gut erkennbare Wachstumsringe.

Pferdemuschel gefährdete Art

Leider gehen die Bestände der Pferdemuschel trotz ihrer enormen ökologischen Bedeutung zurück. In europäischen Gewässern gilt sie als gefährdet. In Deutschland wird sie auf der Roten Liste mittlerweile sogar als stark gefährdet aufgeführt.

Als eine zentrale Ursache gilt die Grundschleppnetzfischerei. Bei dieser Fangmethode werden schwere Netze über den Meeresboden gezogen und zerstören dabei den Lebensraum zahlreicher bodenbewohnender Arten. Da Pferdemuscheln sessil und bodenbewohnend sind, haben sie kaum eine Fluchtchance und landen zu Massen als Beifang in den Netzen. Gleichzeitig werden ihre langsam gewachsenen biogenen Riffe beschädigt oder vollständig zerstört. Der Wiederaufbau dieser Strukturen kann Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern.

Besonders kritisch ist, dass die Fischerei mit Grundschleppnetzen auch in Meeresschutzgebieten, wie der größten Sandbank der Nordsee, der Doggerbank, erlaubt ist. Da dies jedoch gegen geltendes Naturschutzrecht verstößt, klagt der BUND gegen die Bundesregierung.

Auch der Klimawandel ist ein Stressfaktor für Pferdemuscheln. Sie bevorzugen kaltes Wasser mit Temperaturen von bis zu 13°C und leiden bei höheren Temperaturen unter starkem Stress, der sogar zum Tod führen kann. 

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