Wo werden Öl und Erdgas in Deutschland gefördert?
Karte: Öl- und Gasinfrastruktur der deutschen Nord- und Ostsee
Dargestellt sind die maritimen und territorialen Grenzen Deutschlands, Natura-2000-Schutzgebiete gemäß FFH-Richtlinie, Öl- und Gasplattformen, Pipelines, Bohrungen sowie Förderflächenlizenzen. Quellen: European Marine Observation and Data Network (EMODnet); Flanders Marine Institute (VLIZ); World Database on Protected Areas (WDPA).
Nordsee
Die Nordsee zählt zu den weltweit wichtigsten Fördergebieten. Auf der Doggerbank, der größten Sandbank der Nordsee, wird seit dem Jahr 2000 Erdgas gefördert. Das Feld A6/B4 ist dort das einzige deutsche Offshore-Erdgasfeld und liefert jährlich mehrere Millionen Tonnen Gas. Obwohl die Fördermenge seit einigen Jahren abnimmt, ist ein Ende der Förderung derzeit nicht absehbar.
Auch in Deutschland gibt es eine Bohrinsel: Die „Mittelplate A“ befindet sich am südlichen Rand des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Die Betriebsgenehmigung wurde noch vor der Gründung des Nationalparks im Jahr 1985 erteilt. Das Erdölfeld Mittelplate/Dieksand ist das förderstärkste in Deutschland. Im Jahr 2018 wurden dort aus 26 Förderbohrungen insgesamt 1,1 Millionen Tonnen Erdöl gewonnen. Der Betrieb der Bohrinsel ist sehr umstritten. Umweltschützer*innen klagen dagegen und fordern die sofortige Beendigung der Förderung. Der Rückbau der Anlage soll in den 2030er Jahren vorbereitet werden, ein Ende der Förderung ist erst für 2041 in Sicht.
Bohrinsel "Mittelplate" im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer
(Ra Boe / Wikipedia
/
Mittelplate im Jahr 2010
/ https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)
Ostsee
In der Ostsee gibt es deutlich weniger Vorkommen als in der Nordsee. Zwischen 1984 und 2000 wurde dort Erdgas gefördert, bis die Plattformen Schwedebeck A und B zurückgebaut wurden. Aktuell wird über die Nutzung eines bislang unerschlossenen Öl- und Gasvorkommens vor Usedom auf polnischem Staatsgebiet diskutiert. Das betreffende Fördergebiet befindet sich im NATURA 2000-Schutzgebiet Pommersche Bucht, für das besonders strenge Naturschutzregeln gelten.
Wie funktioniert die Öl- und Gasförderung in der Nordsee?
Hubbohrinsel und Versorgungsschiff – für die raue Nordsee braucht es ein hohen Einsatz von Ressourcen, um dem rauen Wetter zu trotzen.
(wasi1370
/
pixabay)
In der Nordsee befinden sich fast 500 Förderplattformen zur Gewinnung fossiler Energieträger. Um ein Erdölfeld zu erschließen, werden von einer zunächst schwimmenden Plattform aus mehrere Bohrungen in den Meeresboden vorgenommen. Bei einem Erdölfeld mit beispielsweise vier Plattformen können insgesamt über 100 Bohrungen entstehen.
Das geförderte Erdöl und Erdgas wird über ein komplexes Pipeline-Netz abtransportiert. Diese Pipelines müssen wegen der starken Strömungen und des teils felsigen Meeresbodens besonders robust sein und werden mit großem Aufwand verlegt. Speziell gebaute Schiffe bringen die mit Beton ummantelten Rohre bis auf den Meeresgrund. Für Wartung und Versorgung der Plattformen ist zusätzlicher Schiffsverkehr nötig. Die Nordsee zählt zu den am stärksten befahrenen Meeresgebieten weltweit.
Welche Risiken hat die Öl- und Gasförderung?
Der Fall „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko ist das bekannteste Beispiel für die Risiken der Öl- und Gasförderung. Im Jahr 2010 kam es auf der Bohrplattform nach einem sogenannten Blowout zu einer Explosion. Dabei gelangten etwa 500.000 Tonnen Gas und rund 800.000 Tonnen Erdöl unkontrolliert ins Meer. Die Katastrophe forderte das Leben von elf Menschen und führte zum Tod von zehntausenden Meeressäugern, Vögeln und Schildkröten. Außerdem verursachte sie ein massives Korallensterben.
Obwohl solche Unfälle heute seltener vorkommen, sind Förderplattformen eine dauerhafte Bedrohung für die Meere – auch für das Wattenmeer der Nordsee.
Lärm durch seismische Untersuchungen und Betrieb
Schon die Suche nach Öl- und Gasvorkommen mit seismischen Schallkanonen sowie anschließende Erkundungsbohrungen erzeugen Unterwasserlärm, der insbesondere für hörsensible Meeressäuger eine erhebliche Belastung darstellt. Auch der Betrieb und der Rückbau der Plattformen führen zu Lärmemissionen.
Schäden am Meeresboden
Bei der Installation der Plattformen und Pipelines wird der Meeresboden gerammt und durchlöchert. Dadurch werden die dort lebenden Lebensgemeinschaften erheblich geschädigt oder zerstört.
Risiken durch Schadstoffe
Während des Betriebs der Plattformen gelangen Schadstoffe wie verunreinigtes Produktionswasser, Bohrschlamm und abgefackeltes Gas in die Umwelt. Dadurch werden verschiedene Chemikalien, darunter Schwermetalle, Phenole, aromatische Kohlenwasserstoffe, Zink und viele weitere Stoffe, ins Wasser eingetragen. Eine Havarie birgt ein besonderes Risiko, da hierbei unkontrolliert Schadstoffe ins Meer gelangen können.
Im Jahr 2025 wurden laut Havariekommando bei Überwachungsflügen über Nord- und Ostsee insgesamt 130 Fälle von Umweltverschmutzung durch Öl und unbekannte Substanzen festgestellt. 51 dieser Vorfälle traten in deutschen Gewässern auf.
Keine schöner Anblick und für die Meere giftig: Ein Ölfleck am Strand.
(Susafri
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via canva.com)
Rückbau von Förderplattformen
Auch der Rückbau ausgedienter Förderplattformen hat Auswirkungen auf die Meere. In der Nordsee stehen einige der ältesten Offshore-Öl- und Gasplattformen weltweit, die derzeit stillgelegt oder bereits im Rückbau sind. Besonders die Entfernung der unter Wasser liegenden Strukturen ist komplex, kostenintensiv und zeitaufwendig. Dabei müssen tausende Tonnen Stahl und Beton fachgerecht abgebaut und recycelt werden, um zu verhindern, dass anhaftende Schadstoffe weiterhin ins Meer gelangen. Der Rückbau greift zudem erneut in Meeresökosysteme ein, die sich während des Plattformbetriebs neu entwickelt haben.
Klimaschäden der Öl- und Erdgasförderung
Weit draußen in der Nordsee: Dichtes Gedränge um Gas- und Ölvorkommen.
(wasi1370
/
pixabay)
Bereits bei der Gewinnung von Öl und Erdgas entstehen CO2-Emissionen – sowohl durch den Betrieb der Anlagen als auch durch das Abfackeln von überschüssigem Gas. Durch Leckagen, also undichte Stellen an Bohrlöchern und Leitungen, gelangen kontinuierlich Öl und Gas in das Meereswasser. Methan ist der Hauptbestandteil von Erdgas und nach Kohlendioxid das zweitwichtigste Treibhausgas. Es wirkt etwa 80-mal stärker auf das Klima als Kohlendioxid.
Jährlich gelangen 75 bis 80 Millionen Tonnen Methan bei der Förderung von Erdöl und Erdgas in die Atmosphäre. Diese große Menge stellt eine nahezu unsichtbare Bedrohung für Meeresnatur und Klima dar.
CCS und die Verlängerung fossiler Förderung
Die Öl- und Gasindustrie setzt sich seit Jahren verstärkt für den Einsatz von Carbon Capture and Storage (CCS) ein und präsentiert diese Technik als Beitrag zum Klimaschutz. Dabei sollen industrielle Abgase dauerhaft im Boden, entweder an Land oder im Meer, gespeichert werden.
Wenn CO2 unter hohem Druck in den Untergrund gepresst wird, lässt sich das dort verbliebene Öl leichter fördern. Diese Methode ermöglicht es der fossilen Industrie, selbst die letzten Ölvorkommen unter den Meeren auszubeuten und damit den dringend benötigten Ausstieg aus fossilen Energien weiter zu verzögern.
Welche Folgen hat die Förderung für Ökosysteme?
Eine Studie aus dem Jahr 2024 belegt: Im Umkreis von 500 Metern um eine Bohrplattform nimmt die Artenvielfalt um rund 28 Prozent ab. Dadurch wird das Nahrungsnetz geschwächt. Weitere Belastungen wie Überfischung, Schifffahrt oder Überdüngung verstärken diesen Effekt zusätzlich.
Eine Ölverschmutzung hat besonders gravierende Folgen für Ökosysteme und ist vom Menschen kaum wieder rückgängig zu machen. Bei der Reinigung von Stränden mit Hochdruckreinigern wird das Öl häufig nur tiefer in den Boden gedrückt. Lösungsmittel, sogenannte Dispergatoren, zerteilen den Ölteppich lediglich in kleinere Partikel. Dadurch ist das Öl zwar weniger sichtbar, aber der Lebensraum Meer bleibt weiterhin durch die giftigen Substanzen belastet.
Auswirkungen auf Seevögel
Seevögel leiden besonders unter der Ölverschmutzung der Meere: Gelangt Öl in ihr Gefieder, nehmen sie es bei der Gefiederpflege auf und vergiften sich dadurch selbst. An ölverschmutzten Stellen verliert das Gefieder seine isolierende Wirkung, sodass die Vögel auskühlen und wertvolle Energie verlieren. Selbst bei fachgerechter Reinigung durch Menschen überlebt leider nur ein kleiner Teil der betroffenen Seevögel.
Versorgungsschiffe und Hubschrauberflüge stören täglich zehntausende Rast- und Zugvögel und stellen eine erhebliche Belastung für sie dar.
Auswirkungen auf Fische und andere Meerestiere
Fische nehmen Öl beispielsweise über ihre Kiemen oder durch verunreinigtes Futter auf. Besonders in den frühen Lebensphasen kann dies zu Fehlbildungen an Augen, Kiefer und Herz führen. Auch junge und erwachsene Fische leiden häufig unter einer eingeschränkten Herzfunktion. Dadurch sind sie weniger schwimmfähig und ihr Stoffwechsel wird beeinträchtigt. Verschmutzte Schwarmfische zeigen zudem ein verändertes Verhalten im Vergleich zu gesunden Tieren. Das beeinträchtigt die Zusammenarbeit im Schwarm, erhöht die Anfälligkeit für Fressfeinde und erschwert die gemeinsame Nahrungssuche.
Wenn Methan durch Leckagen ins Meerwasser gelangt, kann es dort zu einer lokalen Versauerung führen. Der pH-Wert des Wassers sinkt deutlich, was die Artenvielfalt bedroht. Besonders betroffen sind Korallen und Muscheln, deren Kalkbildung gestört wird. Auch Fische leiden, da ihr Geruchs- und Orientierungssinn beeinträchtigt werden kann.
Auswirkungen auf Meeressäuger
Für geräuschempfindliche Meerestiere wie Schweinswale und Seehunde sind die Schallkanonen bei seismischen Tests besonders belastend. Befinden sich Tiere in unmittelbarer Nähe, kann ihr Gehör dauerhaft geschädigt werden. Auch der anhaltende Lärm durch Bau- und Wartungsarbeiten stellt eine erhebliche Störung dar.
Auswirkungen auf das Klima
Wenn der Meeresspeigel steigt, nehmen auch die Sturmfluten an der Nordsee zu.
(Steffen_F
/
via canva.com)
Die fossile Förderung in Deutschland leistet einen Beitrag zur globalen Klimakrise und hat spürbare Auswirkungen auf das Wattenmeer. Die Wassertemperaturen im flachen Küstenbereich der Nordsee steigen besorgniserregend schnell. Dadurch verändern sich das gesamte Ökosystem und die Sedimentdynamik. Zudem beschleunigt sich der Meeresspiegelanstieg, was auch für die Menschen an der Küste eine wachsende Bedrohung darstellt.
BUND-Forderungen zur Öl- und Erdgasförderung
- Keine neue Förderung von Öl oder Gas – auch nicht durch die Hintertür mit CCS
- Seismische Untersuchungen mit Schallkanonen für die Öl- und Gassuche stoppen
- Ausbau der erneuerbaren Energien im Einklang mit dem Meeresnaturschutz
- Erhöhter Schutz des UNESCO-Weltnaturerbes Wattenmeer durch Nullnutzungszonen ohne Rohstoffabbau, Fischerei und Tourismus
- Einrichtung von Entschädigungsfonds für potenzielle Schäden durch Öl- und Gasunternehmen im Falle von Unglücken
- Mehr Transparenz und Kontrolle bei der Einleitung von Stoffen schaffen
So schützen Sie unsere Meere
Wir kämpfen für echten Schutz der Meere und ihrer Bewohner. Doch dafür brauchen wir Ihre Hilfe. Beispiele, wie Ihre Spende hilft:
- Mit 25 Euro helfen Sie uns, Müllsammel-Aktionen an Stränden durchzuführen. Zudem setzen wir uns für weniger Unterwasserlärm und ein Ende der Plastik- und Schadstoffeinträge ein.
- Mit 55 Euro ermöglichen Sie uns, an politischen Verhandlungen über Fischfangquoten teilzunehmen und Beifänge sensibler Arten wie der Kegelrobbe effektiv zu reduzieren.
- Mit 75 Euro unterstützen Sie uns, politischen Druck auszuüben – notfalls juristisch. Für den Schutz unserer Natur gehen wir im Fall der Fälle bis zur letzten Instanz.