Wo werden Öl und Gas in Deutschland gefördert?
Die Nordsee gilt als eines der bedeutendsten Förderreviere der Erde. Im deutschen Teil der Nordsee wird aktuell kein Öl mehr gefördert. Auf der Doggerbank, der größten Sandbank der Nordsee, wird jedoch seit dem Jahr 2000 Erdgas extrahiert. A6/B4 ist dort das einzige deutsche Offshore-Erdgasfeld und fördert jährlich Millionen Tonnen Gas im zweistelligen Bereich. Die Fördermenge ist seit mehreren Jahren rückläufig, ein Ende der Förderung jedoch noch nicht in Sicht.
In der Ostsee gibt es deutlich weniger Vorkommen als in der Nordsee. Von 1984 bis 2000 wurde dort Erdgas gefördert, bevor die entsprechenden Plattformen Schwedebeck A und B zurück gebaut wurden Derzeit wird die Nutzung eines noch unerschlossenen Öl- und Gasvorkommens vor Usedom auf polnischem Staatsgebiet diskutiert. Das Fördergebiet liegt unter dem NATURA 2000 Schutzgebiet Pommersche Bucht, für das strenge Naturschutzregeln gelten. 2025 kündigte die Bundesregierung ein Verbot der Öl- und Gasförderung in Meeresschutzgebieten im deutschen Teil der Nord- und Ostsee an.
Das vorläufige Ende der Ölförderung in Deutschland: Bohrinsel Mittelplate A
Bohrinsel "Mittelplate" im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer
(Ra Boe / Wikipedia
/
Mittelplate im Jahr 2010
/ https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)
Auch in deutschen Gewässern gibt es eine Bohrinsel: Die „Mittelplate A“ liegt am südlichen Rand des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Die Genehmigung für ihren Betrieb wurde noch vor Einrichtung des Nationalparks erteilt. Das Erdölfeld Mittelplate/Dieksand gilt als das förderstärkste in ganz Deutschland. Allein im Jahr 2018 wurden aus 26 Förderbohrungen insgesamt 1,1 Millionen Tonnen Erdöl gewonnen. Ihr Betrieb ist stark umstritten. Umweltschützer*innen gehen gerichtlich dagegen vor und fordern die sofortige Einstellung der Förderung. Bisher sind der Förderstopp und Rückbau der Anlage erst ab 2041 vorgesehen.
Wie werden Öl und Gas in der Nordsee gefördert?
In der Nordsee stehen knapp 500 Plattformen zur Gewinnung fossiler Energieträger. Um ein Erdölfeld zu erschließen, werden von einer vorerst schwimmenden Förderplattform nacheinander eine Reihe von Bohrungen in die Tiefen des Meeresbodens durchgeführt. Bei einem Erdölfeld mit beispielsweise vier Förderplattformen sind insgesamt mehr als 100 Bohrungen möglich. Das geförderte Erdöl und -Gas wird durch ein komplexes Netz von Pipelines abtransportiert. Diese Pipelines müssen aufgrund starker Strömungen und dem teils felsigen Meeresboden besonders widerstandsfähig sein und aufwendig verlegt werden. Dafür kommen eigens dafür gebaute Verlegeschiffe zum Einsatz, die die mit Beton ummantelten Rohre bis auf den Meeresboden herablassen. Die Instandhaltung der Pipelines und die Versorgung der Förderplattformen erfordert zusätzlichen Schiffsverkehr. Die Nordsee gilt als eines der am stärksten befahrenen Gebieten der Welt.
Umweltrisiken der Öl- und Gasförderung in Deutschland
Direkte Risiken: Folgen der Förderung für das Wattenmeer
Der Fall „Deepwater Horizon“ ist das wohl bekannteste Beispiel für die Risiken der Öl- und Gasförderung. 2010 explodierte die Ölbohrplattform infolge eines sogenannten Blow Outs, bei dem rund 500.000 Tonnen Gas und rund 800.000 Erdöl unkontrolliert aus einem Bohrloch austraten. Die Katastrophe im Golf von Mexiko tötete zehntausende Meeressäuger, Vögel, Schildkröten sowie elf Menschen und verursachte ein massives Korallensterben.
Auch wenn derartige Unfälle mittlerweile seltener sind, stellen Förderplattformen eine anhaltende Gefahr für die Meeresnatur dar. Schon die Suche nach Öl- und Gasvorkommen mit seismischen Schallkanonen und spätere Erkundungsbohrungen verursachen Unterwasserlärm, der vor allem hörsensible Meeressäuger maßgeblich belastet. Für die Installation der Plattformen sowie der Pipelines wird der Meeresboden gerammt, durchlöchert und mit ihm seine Lebensgemeinschaften zerstört. Während des Betriebs der Plattformen gelangen Schadstoffe durch die Einleitung von verunreinigtem Produktionswasser, Bohrschlamm und dem Abfackeln von Gas in die Umwelt. Dabei werden unter anderem Schwermetalle, Phenole, aromatische Kohlenwasserstoffe, Zink und zahlreiche weitere, teils unbekannte Chemikalien ins Wasser eingetragen. Im Jahr 2025 wurden bei Überwachungsflügen über Nord- und Ostsee insgesamt 130 Fälle von Umweltverschmutzung durch Öl und unbekannte Substanzen festgestellt. Davon ereigneten sich 51 in deutschen Gewässern.
Durch Leckagen, also undichte Stellen an Bohrlöchern und Leitungen, entweichen ebenfalls kontinuierlich Öl und Gas in die Wassersäule. Letzteres stellt eine fast unsichtbare Bedrohung für Meeresnatur und Klima dar. Eines der Hauptbestandteile von Erdgas ist Methan (CH₄), das neben Kohlendioxid (CO₂) zweite wesentliche Treibhausgas und 80 mal stärker klimaaktiv. 75-80 Millionen Tonnen Methan entweichen jedes Jahr bei der Produktion von Erdöl und Erdgas in die Atmosphäre.
Selbst der Rückbau von ausgedienten Förderplattformen bleibt nicht ohne Folgen für die Meere. In der Nordsee befinden sich einige der ältesten Offshore-Öl- und Gasplattformen der Welt, die sich im oder noch vor dem Rückbau befinden. Vor allem die Beseitigung der Strukturen unter der Wasseroberfläche ist aufwendig, teuer und langwierig. Tausende Tonnen Stahl und Beton müssen fachgerecht demontiert und recycelt werden, damit die an ihnen haftenden Schadstoffe nicht noch länger im Meer verbleiben. Beim Rückbau wird erneut in Meeresökosysteme eingegriffen, die während des Betriebs der Plattformen neu entstanden sind.
Auswirkungen auf das Ökosystem
Ölverschmutzung kann kaum rückgängig gemacht werden. Wenn Strände mit Hochdruckreinigern gesäubert werden, wird das Öl oft nur tiefer in den Boden gedrückt. Lösungsmittel, sogenannte Dispergatoren, zerteilen den Ölteppich in kleinere Teile. Dadurch ist das Öl für uns zwar weniger sichtbar, aber der Lebensraum Meer leidet weiterhin unter dem Öl und den giftigen Stoffen.
Der Austritt von Methan bei Leckagen ins Meerwasser kann zu einer lokalen Versauerung führen. Dabei sinkt der pH-Wert des Wassers massiv und gefährdet die Artenvielfalt, u.a. durch die Störung der Kalkbildung bei Korallen und Muscheln sowie Beeinträchtigung des Geruchs- und Orientierungssinns von Fischen.
Und auch der Betrieb der Infrastruktur beeinflusst das Ökosystem. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt: Im Umkreis von 500 Metern um eine Bohrplattform sinkt die Artenvielfalt um etwa 28 Prozent. Das Nahrungsnetz wird dadurch ausgedünnt. Andere Belastungen wie Überfischung, Schifffahrt oder Überdüngung verstärken diesen Effekt zusätzlich.
Auswirkungen auf Seevögel
Seevögel sind besonders stark von der Ölverschmutzung der Meere betroffen: Gelangt Öl in ihr Gefieder, nehmen sie es bei der Gefiederpflege auf und vergiften sich selbst. An verschmutzten Stellen frieren die Vögel, da das Gefieder nicht mehr isoliert, und sie verlieren dadurch wichtige Energie. Selbst wenn Menschen die Tiere fachgerecht reinigen, überlebt nur ein kleiner Teil der betroffenen Seevögel.
Auswirkungen auf Fische und andere Meerestiere
Wenn Wasser mit Öl und Chemikalien verschmutzt wird, hat das große Auswirkungen auf das Verhalten und die Überlebenschancen vieler Meerestiere. Fische nehmen Öl zum Beispiel über ihre Kiemen oder durch verunreinigtes Futter auf. Besonders in den ersten Lebensphasen kann das zu Fehlbildungen an Augen, Kiefer und Herz führen. Auch junge und erwachsene Fische zeigen oft eine schlechtere Herzfunktion durch das Öl. Dadurch können sie schlechter schwimmen und ihr Stoffwechsel wird beeinträchtigt. Verschmutzte Schwarmfische verhalten sich anders als gesunde Tiere. Das stört die Zusammenarbeit im Schwarm, macht ihn anfälliger für Fressfeinde und erschwert die gemeinsame Nahrungssuche.
Auswirkungen durch Lärm
Unterwasserlärm ist eine weitere Art von Verschmutzung, die bei der Öl- und Gasförderung entsteht. Schon bei der Suche nach Öl und Gas im Meeresboden werden laute Geräusche eingesetzt. Schallkanonen erzeugen bei seismischen Tests viele starke Geräuschwellen hintereinander. Diese Wellen werden vom Meeresboden zurückgeworfen und zeigen, wo sich Öl oder Gas befinden könnten. Für geräuschempfindliche Meerestiere wie Schweinswale und Seehunde wirken diese lauten Geräusche wie Explosionen. In der Nähe können sie das Gehör der Tiere dauerhaft schädigen. Aber auch weiter entfernt stört der Lärm das natürliche Leben der Meeresbewohner. Das gilt auch für den dauerhaften Lärm, der durch Bau- und Wartungsarbeiten entsteht. Versorgungsschiffe und Hubschrauberflüge stören zehntausende Rast- und Zugvögel. Ihr Lärm wirkt sich ebenfalls negativ auf das Verhalten von anderen Tieren wie Fische aus
Indirekte Risiken: Wie Öl- und Gasförderung das Klima belastet
Fossile Brennstoffe sind die Hauptursache für den menschengemachten Klimawandel. Bereits bei der Gewinnung von Öl und Erdgas entstehen CO2-Emissionen – sowohl durch den Betrieb der Anlagen als auch durch das Abfackeln von überschüssigem Gas. Die Förderung in Deutschland trägt zu diesem globalen Problem bei – mit regionalen Folgen für das Wattenmeer und andere marine Ökosysteme: Die Wassertemperaturen im Wattenmeer steigen in alarmierender Geschwindigkeit. Dies wiederum verändert das gesamte Ökosystem, die Sedimentdynamik und führt zu einem beschleunigten Meeresspiegelanstieg, der auch die an der Küste lebenden Menschen bedroht.
CCS: Öl- und Gasförderung durch die Hintertür
Seit Jahren forciert die Öl- und Gasindustrie den Einsatz von Carbon Capture and Storage (CCS) unter dem Deckmantel des Klimaschutzes. Mithilfe dieser Technik sollen industrielle Abgase im Boden an Land oder im Meer deponiert werden. Ein lohnender Nebeneffekt für die Industrie: Wenn CO2 mit hohem Druck unter den Boden gepresst wird, kann sich dort noch vorhandenes Öl verflüssigen und leichter an die Oberfläche gepumpt werden. Durch diese Technik kann die fossile Industrie die letzten Öl-Vorkommen aus den Meeren pressen und den Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter noch weiter verzögern. Der BUND setzt sich gegen CCS und für echte Klimaschutzlösungen ein, z.B. den Ausbau erneuerbarer Energien und dem Schutz der Meere als größte natürliche Kohlenstoffsenke des Planeten.
BUND-Forderungen
- Keine neue Förderung von Öl- oder Gas – auch nicht durch die Hintertür mit CCS
- Seismische Untersuchungen mit Schallkanonen für die Öl- und Gassuche stoppen
- Ausbau der erneuerbaren Energien im Einklang mit dem Meeresnaturschutz
- Erhöhter Schutz des UNESCO-Weltnaturerbes Wattenmeer durch Nullnutzungszonen ohne Rohstoffabbau, Fischerei und Tourismus
- Einrichtung von Entschädigungsfonds für potenzielle Schäden durch Öl- und Gasunternehmen im Falle von Unglücken
- Mehr Transparenz und Kontrolle bei der Einleitung von Stoffen schaffen
So schützen Sie unsere Meere
Wir kämpfen für echten Schutz der Meere und ihrer Bewohner. Doch dafür brauchen wir Ihre Hilfe. Beispiele, wie Ihre Spende hilft:
- Mit 25 Euro helfen Sie uns, Müllsammel-Aktionen an Stränden durchzuführen. Zudem setzen wir uns für weniger Unterwasserlärm und ein Ende der Plastik- und Schadstoffeinträge ein.
- Mit 55 Euro ermöglichen Sie uns, an politischen Verhandlungen über Fischfangquoten teilzunehmen und Beifänge sensibler Arten wie der Kegelrobbe effektiv zu reduzieren.
- Mit 75 Euro unterstützen Sie uns, politischen Druck auszuüben – notfalls juristisch. Für den Schutz unserer Natur gehen wir im Fall der Fälle bis zur letzten Instanz.