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Industrielle Tierhaltung braucht Antibiotika – und erhöht das Risiko resistenter Bakterien

Die Produktion von Billigfleisch bedeutet immer, dass eine zu hohe Zahl von Nutztieren auf zu wenig Raum gehalten wird – und dies ist nur unter Einsatz großer Mengen von Antibiotika möglich.

Antibiotika sollten sparsam und zielgerichtet eingesetzt werden. Unser investigatives Huhn zeigt auf, wie ihr massenhafter Einsatz auch den Menschen das Leben kosten kann.

Antibiotika sollten nur sparsam und ziel­gerichtet eingesetzt werden, um die "Lebens­dauer", also ihre Wirksamkeit, möglichst lange zu erhalten.

Denn die häufigen Anti­biotika­ga­ben erhöhen das Risiko, dass sich resistente Bakterien bilden. In der industriellen Tierhaltung sind die Umstände dafür ideal. Durch die Enge, in der die Tiere nebeneinander stehen, können sich Keime in rasanter Ge­schwin­dig­keit verbreiten.

Verbraucher*innen sind gefährdet

Die resistenten Bakterien können die Verbraucher*innen dann über unterschiedliche Wege erreichen. Sie können, u.a. durch unsaubere Verarbeitung in den Schlacht- und Zerlege­betrieben, bis zum Endprodukt erhalten bleiben. Sie werden also mitgekauft und eventuell mitverzehrt, falls z.B. das erworbene Stück Fleisch nicht hygienisch verarbeitet und ausreichend erhitzt wurde.

Doch auch Vegetarier*innen und Rohköstler*innen sind unter Umständen gefährdet: Selbst auf Gemüse wurden bereits resistente Bakterien gefunden. Kein Wunder, werden die Bakterien doch über die Abluft der Ställe in die Umwelt getragen oder mit der Gülle auf Felder ausgebracht. Durch Abdrift gelangen sie ins Oberflächen­wasser.

Jährlich verkaufen Pharma­firmen 742 Tonnen Antibiotika an Tierärzt*innen (Stand September 2017, BVL). Unklar ist, wie diese Antibiotika-Mengen konkret verbraucht werden. Es ist eine sehr umfangreiche Statistik, die vom Hamster bis zum Mastschwein reichen kann. Für nicht-Lebensmittel liefernde Tiere wie Reitpferde oder Hunde und Katzen werden ca. ein Prozent davon eingesetzt (BVL 2012). Zwar geht der Verbrauch kontinuierlich zurück, allerdings werden mehr Reserveantibiotika im Vergleich zu 2011 an Tierärzt*innen abgegeben. Diese Notfallmedikamente sollten eigentlich für Menschen reserviert sein. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des BUND hat ergeben, dass 85 Prozent den Einsatz von Reserve-Antibiotika in der Nutztierhaltung verbieten wollen.

 

Putenfleisch von Aldi, Lidl & Co. mit antibiotika­resistenten Keimen belastet

Das Risiko, resistente Bakterien mitzukaufen, ist für Verbraucher*innen hoch. Auf 88 Prozent der bei Discountern gekauften Putenfleisch-Proben hat der BUND antibiotika­resistente Keime gefunden. Laborunter­suchungen der Fleisch-Stichproben von Aldi, Lidl, Netto, Penny und Real wiesen sowohl MRSA-Keime als auch ESBL-bildende Keime nach.

Sämtliche Schlachthof­konzerne und Zerlege­betriebe, die das vom BUND getestete Putenfleisch an die Discounter geliefert haben, gehören dem von der Fleisch­wirtschaft eingerichteten Qualitäts­sicherungs­system QS an. Und trotzdem ist das Fleisch massiv mit antibiotika­resistenten Keimen belastet. Das zeigt, dass Änderungen im Tierschutz- und im Arzneimittel­recht notwendig sind, um die Schwächen dieses sogenannten Qualitäts­sicherungs­systems abzustellen.

FAQs – Antibiotika in der Tierhaltung

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Warum bekommen Nutztiere Medikamente?

Wenn Tiere wie Hühner, Kühe oder Schweine krank werden, müssen sie behandelt werden. Krankheiten sind ganz natürlich und kommen immer wieder vor. Auch bei Wildtieren und im Ökostall. Je größer der Tierbestand, desto weniger artgerecht ist oft die Tierhaltung und desto größer sind die Gesundheitsprobleme der Tiere. Mit dieser Art der Tierhaltung steigt das Risiko einer Erkrankung.

Viele Nutztiere werden also krank, weil sie nicht artgerecht gehalten werden: Sie bekommen das falsche Futter, haben zu wenig Bewegung oder fehlenden Auslauf, werden in zu großen Gruppen gehalten oder werden durch Zucht auf eine völlig ungesunde Höchstleistung getrimmt. Weiterhin werden in großen Beständen häufig kranke Tiere nicht von den gesunden getrennt und somit nicht individuell behandelt. In diesem Fall erhalten alle Tiere – gesunde und kranke – Antibiotika, um den gesamten Bestand nicht zu gefährden und die Krankheitser­reger schnell abzutöten.

Die Statistik belegt: Je größer die Legehennenherde, desto geringer die Chance auf einen Auslauf ins Grüne – Gefiederschäden nehmen zu. 92 Prozent der Legehennen werden in Beständen über 10.000 (bzw. 70 Prozent über 30.000), 91 Prozent der Puten in Beständen über 10.000 und 80 Prozent der Masthühner in Beständen über 50.000 gehalten.

Wann werden Antibiotika gegeben?

Antibiotika sind das wichtigste Arzneimittel zur Behandlung von bakteriellen Infektions­krank­heiten; bei Menschen, bei Haustieren und auch in der Nutztierhaltung. Und sie werden oft eingesetzt – besonders bei Puten und Masthähnchen. Leider zählt Deutschland zu den Großverbrauchern von Antibiotika in der Tierhaltung. [1]

In Niedersachsen kam im Jahr 2011 bei einer Untersuchung heraus, dass 83 Prozent der Betriebe während der Hähnchenmast Antibiotika eingesetzt hatten. Nur 17 Prozent der Betriebe kamen ohne Antibiotika aus. Statt Haltungs- und Betreuungsmängel zu beseitigen, wird versucht, mit umfangreichen Antibiotikaanwendungen die Bestandsgesundheit zu erhalten.

Wie sehen die gesetzlichen Rahmenbedingungen aus?

Der in 34 Ländern erlaubte Einsatz von Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger ist in Deutschland seit 2006 verboten. Allerdings dürfen Antibiotika auch gesunden Tieren im Bestand verabreicht werden, wenn wenige Artgenossen Krankheitssymptome aufweisen. Das kann ähnlich wirken, wie die verbotene prophylaktische Antibiotikagabe.

Anders als im Humanbereich, wo Medikamente nur über Apotheken verkauft werden dürfen, dürfen Veterinärmediziner*innen Arzneimittel direkt beim Hersteller beziehen und an die Halter*innen der zu behandelten Tiere direkt weiterverkaufen. Für viele Tierärzt*innen ist dies eine zusätzliche, wichtige Einnahmequelle.

Sollen kranke Tiere nicht behandelt werden?

Auch der BUND möchte, dass kranke Tiere behandelt werden. Jedoch sollte die Tierhaltung so gestaltet sein, dass die Gesundheit erhalten wird und möglichst wenige Tiere erkranken. Der Antibiotikaeinsatz soll die Ausnahme und nicht die Regel werden.

Lässt sich der Antibiotikaeinsatz reduzieren?

Für den Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik zählt ein "deutlich reduzierter Arzneimitteleinsatz" zu den Leitlinien einer von der Bevölkerung akzeptierten Nutztierhaltung. Über eine verbesserte Tiergesundheit lässt sich der Gesamtumfang des Einsatzes von Arzneimitteln im Tierbestand reduzieren.

Die Ställe sind den Tieren anzupassen und nicht die Tiere den Ställen. Auch die Bestandsbetreuung und die Tierzucht sind entsprechend zu verbessern. Neuland-Landwirt*innen, weidehaltende Betriebe oder Ökohöfe machen seit Jahren vor, dass es auch anders geht.

Dass es zu einer Reduktion des Antibiotikaeinsatzes ohne gesundheitliche Einbußen bei den Tieren kommen kann, zeigen auch Beispiele aus anderen EU-Mitgliedstaaten (bspw. in Dänemark) sowie die Erfahrungen auf vielen Biobetrieben. Dort kommen Medikamente deutlich seltener zum Einsatz – differenzierte Zahlen zum Antibiotikaeinsatz in der ökologischen Tierhaltung liegen dem Bundesinstitut für Risikobewertung allerdings nicht vor.

Was sind Reserveantibiotika?

Viele Antibiotika werden sowohl in der Veterinär- als auch in der Humanmedizin eingesetzt. Unter Reserveantibiotika werden diejenigen Antibiotika verstanden, deren Verwendung eigentlich nur der Humanmedizin vorbehalten sein sollte, um Patient*innen, bei denen gängige andere Antibiotika nicht mehr wirken, noch behandeln zu können. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des BUND hat ergeben, dass 85 Prozent den Einsatz von Reserve-Antibiotika in der Nutztierhaltung verbieten wollen.

Bei Menschen werden 90 Prozent der Antibiotika ambulant und zehn Prozent im Krankenhaus verabreicht. Kommt es in Folge einer Erkrankung und der bis dahin erfolglosen Antibiotikabehandlung zu einem Krankenhausaufenthalt, werden vor allem Reserveantibiotika eingesetzt, um die dann oftmals resistenten Bakterien zu töten und dem Menschen zu helfen.

Werden Reserveantibiotika auch in der Tierhaltung eingesetzt?

Einige Reserveantibiotika werden auch im Stall eingesetzt. Es handelt sich um Antibiotika aus den Gruppen der Cephalosporine (3. und 4. Generation) sowie Fluorchinolone.

Durch die wachsende Kritik am Antibiotikaeinsatz ist der Verbrauch von normalen Antibiotika in den Ställen seit einigen Jahren stark rückläufig. Zwischen 2011 und 2016 hat sich die Menge halbiert. Allerdings kam es bei den Reserveantibiotika aus der Gruppe der Cephalosporine der 3. Generation und insbesondere bei Fluorchinolonen zu Zunahmen. Bei der Gruppe der Cephalosporine der 4. Generation sind die Mengen im Vergleich zu 2011 nur leicht gesunken. Colistin (Polypeptidantibiotika) werden noch relativ häufig, aber nur noch halb so oft wie in 2011 an Tierärzt*innen abgegeben (von 127t auf 69t reduziert). In Dänemark und Holland konnte der Colistin-Einsatz stärker reduziert werden.

Da Reserveantibiotika für die Humanmedizin von enormer Bedeutung sind, ist diese Entwicklung aus Sicht des BUND nicht hinzunehmen. Selbst das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung sehr kritisch.

Warum sind Antibiotikaresistenzen ein Problem?

Immer, wenn Antibiotika eingesetzt werden, greift ein natürlicher Abwehrmechanismus der Krankheitserreger gegen das verabreichte Medikament. Einige Krankheitserreger bilden Resistenzen aus und können somit die medikamentöse Behandlung überstehen.

Die massiven Antibiotikagaben in den Tierställen führen zu antibiotika-resistenten MRSA- und ESBL-Keimen. Resistente Keime aus der Nutztierhaltung können dann wiederum durch den Verzehr von Lebensmitteln z.B. auf Fleisch oder in der Milch, in den menschlichen Organismus gelangen. Dies gefährdet, zusammen mit den resistenten Keimen aus den Krankenhäusern, die Wirksamkeit der für den Menschen wichtigsten Antibiotika.

Um massive Infektionen unter Kontrolle zu bekommen, benötigen Humanmediziner*innen wirksame Antibiotika. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt: Im Jahr 2050 könnte die Haupttodesursache weltweit Antibiotikaversagen sein, wenn die Politik es versäumt, Antibiotikaresistenzen rechtzeitig und wirksam zu bekämpfen.

In Deutschland sterben jährlich ca. 15.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Problematisch ist, dass weltweit eine doppelt so große Menge an Antibiotika in der Tierhaltung eingesetzt wird, wie zur Behandlung von Krankheiten bei Menschen.

Was fordert der BUND?

Die Anwendung von für Menschen besonders wichtigen Reserveantibiotika ist für Nutztiere zu verbieten. Damit Tierärzt*innen wenig Anreiz haben, große Antibiotikamengen an Betriebe mit Nutztierhaltung zu verkaufen, muss gesetzlich untersagt werden, dass Pharmakonzerne beim Verkauf von Medikamenten an Tierärzt*innen Mengenrabatte erlassen dürfen. Die Erstellung von Analysen, ob bereits Antibiotikaresistenzen vorliegen (Antibiogramme), ist vor jeder Antibiotikaanwendung verpflichtend vorzuschreiben. Und letztendlich muss die Tierhaltung so umgebaut werden, dass die Tiergesundheit verbessert und damit Medikamentengaben auf das absolute Minimum reduziert werden können.

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Christian Rehmer

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