Besuch unter Tage im Atommülllager Morsleben; Foto: Volker Möll / PubliXviewinG

Atommüll: Strahlendes Erbe und seine Gefahren

Atommüll ist einer der gefährlichsten Abfälle, den die Menschheit geschaffen hat. Er kann nicht einfach recycelt oder mal eben schnell entsorgt werden. Atommüll muss solange gelagert werden, bis seine Strahlung nicht mehr gefährlich für Mensch und Natur ist. Das kann Jahrtausende dauern. Ob eine sichere Lagerung über so lange Zeiträume möglich ist, ist völlig unklar.

Was ist Atommüll?

Der Begriff Atommüll umfasst alle Abfallprodukte, die beim Umgang mit radioaktiven Stoffen anfallen.

Arten von Atommüll

Radioaktive Abfälle werden offiziell in drei Kategorien unterteilt:

  • hochradioaktiv: Hochradioaktive Abfälle, wie die abgebrannten Brennelemente aus Atomkraftwerken (AKW) oder Teile der Reaktordruckbehälter, enthalten rund 99 Prozent der gesamten Radioaktivität aller Abfälle Deutschlands und stellen eine große Gefahr für den Menschen und Umwelt dar.
  • schwach- und mittelradioaktiv: Die Kategorie umfasst z.B. radioaktive Bauteile aus AKWs, ebenso wie verstrahlte Schutzkleidung oder Strahlenquellen aus der Medizin. Auch wenn „schwach“ oder „mittel“ weniger bedrohlich klingen mag, sind auch diese Abfälle ungesichert eine große Gefahr für Mensch und Umwelt.

Gering radioaktive Abfälle

Jedoch gibt es noch eine vierte Kategorie außerhalb des Atomrechts: gering radioaktive Abfälle. Insbesondere leicht verstrahltes Baumaterial vom Rückbau der Atomkraftwerke wird trotz radioaktiver Kontamination nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz “entsorgt“. Es gelangt auf normalen Hausmülldeponien oder in Müllverbrennungsanlagen. Manche Teile werden auch als Wertstoffe wiederverwendet, z.B. Bauschutt zum Straßenbau. Damit gibt es keine Kontrolle mehr über die Abfälle und ihre Aus- und Wechselwirkung. Wir lehnen die Praxis daher ab und fordert einen gesonderten Entsorgungsweg für gering radioaktive Stoffe.

Wie lange strahlt Atommüll?

Atommüll ist ein Cocktail aus giftigen Elementen, deren radioaktive Bestandteile unterschiedlich lange strahlen. Spaltprodukte wie beispielsweise Iod-129 besitzen eine Halbwertszeit von 15,7 Millionen Jahr – einige andere Zerfallsprodukte sind nur wenige Sekunden stabil.

Halbwertszeit heißt: Nach einer bestimmten Zeit ist nur noch die Hälfte der Atomkerne da – nach zwei Halbwertszeiten ein Viertel, nach drei Halbwertszeiten ein Achtel und so weiter. Bei dieser exponentiellen Zerfallskurve wird die Menge nie ganz null, sondern nur sehr, sehr klein. Für Atommüll bedeutet das, dass die Radioaktivität zwar ständig abnimmt, aber die Strahlung über sehr lange Zeiträume hinweg weiterbesteht.

Warum ist Atommüll so gefährlich?

Besuch unter Tage im Atommülllager Morsleben; Foto: Volker Möll / PubliXviewinG Unter Tage im Atommülllager Morsleben  (Bild: Volker Möll / PubliXviewinG)

Radioaktive Strahlung ist immer schädlich für Menschen. In der Wissenschaft besteht Konsens darüber, dass es keinen Schwellenwert gibt, unterhalb dessen Strahlung harmlos ist. Sogar sehr geringe Mengen, die sogenannte Niedrigstrahlung, können schädlich sein.

Nach einer Strahlenexposition mit hohen Dosen treten akute Strahlenschäden in Form von massiver Zellabtötung innerhalb weniger Stunden bis Wochen auf. Niedrigstrahlung kann zu Zellschäden oder Zellmutation führen, deren Krankheitsverläufe erst nach Jahren oder sogar Jahrzehnten auftreten.

Die Folge sind chronische Krankheiten wie Krebs, Leukämie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Immunschwächen. Hinzu kommt, dass Strahlenschäden auch das Erbgut schädigen können, was zu Erkrankungen in nachfolgenden Generationen führt. Strahlung als Ursache lässt sich aber nur schwer zurückverfolgen.

Ob und welche Strahlenschädigungen auftreten, hängt von verschiedenen Faktoren wie Alter, Geschlecht oder zusätzlichen Umwelteinflüssen ab. Forschungen zeigen, dass die Risiken von niedriger Strahlung bisher oft unterschätzt wurden.

Wieviel Atommüll gibt es?

In Deutschland sind rund 27000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfall angefallen. Zudem werden noch weitere 600000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle und hunderttausende Tonnen gering strahlende Abfälle aus dem Rückbau der Atomkraftwerke (AKW) anfallen. Obwohl die AKWs in Deutschland mittlerweile abgeschaltet sind, produzieren Uranfabriken und Forschungsreaktoren hierzulande weiterhin Atommüll. Auch in der Medizin, Industrie, Forschung oder in der Militärtechnik fällt strahlender Abfall an.

Wo entsteht bei der Stromproduktion aus Atomkraft überall Atommüll?

Bis der Strom aus dem Atomkraftwerk in der Steckdose ankommt, ist eine lange Kette an Produktionsschritten notwendig. Jeder dieser Schritte ist mit Umweltschäden und der Produktion von Atommüll verbunden. Allein aus diesen Gründen war es richtig, dass Deutschland aus der Atomkraft ausgestiegen ist.

Uranabbau

Es beginnt mit dem Abbau des Brennstoffs Uran. Beim Uranbergbau und der Weiterverarbeitung von Uranerz entstehen Abfälle in Form von radioaktiven Stäuben, Abraum und Schlämmen, die Arbeiter*innen und Anwohnende gefährden und ganze Landstriche verseuchen.

Auch in Deutschland wurde Uranerz gefördert – vor allem in Thüringen und Sachsen. Dort konnten bei über 7500 Bergleuten berufsbedingte Krankheiten (zumeist Lungenkrebs) festgestellt werden. Die radioaktiven Hinterlassenschaften der Wismut belasten immer noch die Region.

Heutzutage wird das Uran vor allem außerhalb der EU gefördert, etwa in Kasachstan, Australien, Namibia oder Niger. Insbesondere die indigene Bevölkerung auf deren Boden über 70 Prozent der weltweiten Uranreserven lagern, sind betroffen.

Anreicherung

Das gewonnene Natururan besteht zu etwa 99,3 % aus Uran-238 und zu etwa 0,7 % aus Uran-235. Für den Einsatz in Atomkraftwerken muss der Anteil von Uran-235 künstlich auf etwa 3-5% erhöht werden. Diese Anreicherungen geschieht in Uranfabriken.

Auch Deutschland betreibt, trotz Atomausstieg, im nordrhein-westfälischen Gronau weiterhin eine Urananreicherungsanlage. Bei diesem Prozess fällt Müll an, unter anderem das radioaktive und hochgiftige Uranhexafluorid (UF6).

Brennelemente

Brennelemente werden aus mehreren Brennstäben zusammengesetzt und bilden den „Treibstoff“ eines AKW. Bei der Fertigung der Brennelemente bleibt ebenfalls strahlender Müll zurück. Auch bei diesem Produktionsschritt ist Deutschland nicht ausgestiegen: Im niedersächsischen Lingen werden weiter Brennelemente produziert.

Betrieb von Atomkraftwerken

Den am stärksten strahlenden Teil radioaktiver Abfälle verursachen die Atomkraftwerke selbst. Beim Betrieb der Atomkraftwerke entstehen große Mengen an hochradioaktivem Müll in Form von abgebrannten Brennelementen aber auch weitere strahlende Abfälle. Sie lagern zurzeit in unsicheren oberirdischen Zwischenlagern.

Rückbau

Auch beim Rückbau der Atomkraftwerke fallen große Mengen radioaktive Abfälle an. Das ist überwiegend schwach und mittelradioaktiver Müll wie Betonteile, Schutzkleidung oder Werkzeuge, aber auch Teile des Reaktordruckbehälters. Alle Abfälle müssen über lange Zeiträume möglichst sicher gelagert werden.

Wie soll der Atommüll „entsorgt“ werden?

Atomanlagen in Deutschland Atomanlagen und Atommüll-Standorte in Deutschland  (Uranatlas / Atommüllreport)

Alle Staaten, die Atommüll produzieren, müssen laut internationaler Abkommen darüber Rechenschaft ablegen, wie sie mit den gefährlichen Abfällen umgehen. Zwar haben die einzelnen Länder unterschiedliche Konzepte erarbeitet, tatsächlich gibt es aber weltweit mehr Fragen als Antworten. Wissenschaftler*innen und auch fast alle Staaten sind sich einig, dass die dauerhafte Lagerung tief unter der Erde die risikoärmste Option ist. Solche tiefengeologischen Endlager gibt es bisher aber noch nicht.

Die Europäische Union fordert von allen Mitgliedstaaten, die radioaktive Abfälle erzeugen, ein Konzept für einen verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit dem Strahlenmüll. Auch Deutschland muss alle zehn Jahre ein solches Konzept bzw. ein „Nationales Entsorgungsprogramm“ (NaPro) beschließen und der EU vorlegen. Doch auch das aktuelle NaPro belegt, dass ein tragfähiges und verantwortungsvolles Atommüllkonzept in Deutschland fehlt. Der BUND hat dazu im Jahr 2015 und 2025 Stellungnahme eingereicht.

Weltweit sind viele „Endlagerprojekte“ bereits gescheitert. In Deutschland wurde der derzeitige Prozess 2017 gestartet. Die Zwischenlagerung, also die Aufbewahrung des Mülls in oberirdischen Betonhallen, ist hochproblematisch.

Der Verbleib der radioaktiven Abfälle ist in allen Bereichen entweder ungeklärt oder unsicher. Deshalb setzen wir uns für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem vorhandenen Atommüll ein und fordern gleichzeitig eine Welt ohne die gefährliche Atomtechnologie. Allein die ungelöste Frage des Umgangs mit dem Atommüll zeigt, warum es eine gute Idee war, aus der Atomkraft auszusteigen.

 

Kontakt

Juliane Dickel

Leiterin Atom- und Energiepolitik
E-Mail schreiben Tel.: +49 30 27586562

Jan Warode

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Atompolitik und Wärmewende
E-Mail schreiben Tel.: +49 30 27586568

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