Schillernder Vertreter der Ringelwürmer
Mit einer Körperlänge von bis zu 10–20 cm ist er zwar nicht der größte Vertreter der Vielborster (Polychaeta) aus der Klasse der Ringelwürmer in norddeutschen Küstengewässern, mit seinen feinen Borsten an den 90-95 Körpersegmenten zählt er aber zu den prägenden Art der flachen Küstengewässer dieser Klasse. Der Schillernde Seeringelwurm macht seinem Namen alle Ehre: vor Geschlechtsreife ist er rotbraun gefärbt, geschlechtsreife Männchen leuchten hellgrün, Weibchen dunkelgrün. Auf der Oberseite des Wurms ist eine markante rote Blutbahn sichtbar. Wird der Wurm nicht zuvor als Beute verspeist, wird er ein bis zwei Jahre alt.
Schillernder Seeringelwurm schwebt elegant im grünen Unterwasserlicht. (Rita Jansen)
Schillernder Seeringelwurm ruht auf sandigem Meeresboden mit kleinen Steinen. (Swiatopelk Smoczynski)
Lebensraum und Lebensweise
Der Schillernde Seeringelwurm besiedelt flache marine und brackische Gewässer, wo Salz- auf Süßwasser trifft, entlang der europäischen und nordamerikanischen Atlantikküsten – von Skandinavien und der Ostsee bis nach Marokko und ins Mittelmeer. Aufgrund seiner Häufigkeit und Funktionen ist er eine Schlüsselart für diese Küstenökosysteme.
Er bevorzugt schlammige, sandige oder kiesige Böden in Gezeitenzonen, oft in Flussmündungen, wo Salzgehalt und Temperatur stark schwanken. Im Sediment gräbt er U- oder Y-förmige Gänge, die er auch gegen andere Artgenossen verteidigt.
Trotz hoher Toleranz gegenüber Salzschwankungen pflanzt sich die Art nicht in Süßwasser fort. Nach der einmaligen Fortpflanzung sterben Schillernde Seeringelwürmer.
Ernährung und Rolle im Nahrungsnetz
Als Beutetier hat der Schillernde Seeringelwurm große ökologische Bedeutung, da er eine wichtige Nahrungsquelle für überwinternde und durchziehende Watvögel ist, die bis zu 90% der Seeringelwurm-Population fressen.
Der Schillernde Seeringelwurm selbst ist Allesfresser und hat diverse Strategien, um sich zu ernähren. Er kann das Wasser nach pflanzlichem und tierischem Plankton sowie größeren Pflanzenteilen filtern, indem er ein trichterförmiges Schleimnetz in seiner Röhrenöffnung spannt und Wasser durchpumpt, aus dem sich Partikel in dem Netz verfangen bevor er es verspeist. Zusätzlich weidet er das Sediment ab oder fängt kleinere Beutetiere mit seinen zangenartigen Kiefern.
Vor allem durch das Filtrieren nehmen aber auch Seeringelwürmer insbesondere viele Mikrofasern auf und sind relevante Modellorganismen in Studien zur Aufnahme von Mikroplastik bei bodenlebenden Meereslebewesen.
Schillernder Seeringelwurm windet sich über hellen Sand. (Julian Kokott)
Ökosystem-Ingenieure?
Der Schillernde Seeringelwurm ist nicht nur bedeutend als Nahrungsquelle für Watvögel, er mischt seine Umgebung wortwörtlich richtig auf: Durch den Röhrenbau und die Sedimentdurchmischung erhöht der Schillernde Seeringelwurm die Fläche, auf der Sediment und Wasser direkt aneinandergrenzen. Dadurch wird die Sauerstoffversorgung des Bodens verbessert und der Nährstoffaustausch zwischen Boden und Wasser gefördert – ein Schlüsselprozess für Produktivität im Küstenökosystem.
Außerdem wird die Art regelmäßig genutzt, um Belastungen durch Metalle, Nanopartikel, Pharmazeutika oder Salzgehaltsänderungen für bodenlebende Meereslebewesen zu bewerten.
Auf dunklem, nassem Fels liegt der schillernde Seeringelwurm mit hellem, gebogenem Körper und rötlichen Akzenten. (Gerrit Oehm)
Gefährdung und Schutz
Der Schillernde Seeringelwurm ist eine der wenigen kommerziell genutzten Vielborster-Arten. Vor allem in Frankreich und Italien wird er als Angelköder gesammelt.
Neben dem direkten Eingriff des Menschen, macht auch der menschengemachte Klimawandel keinen Halt vor dem Vielborster. Zwar ist der Schillernde Seeringelwurm im Gegensatz zu kalkbildenden Meeresarten relativ robust gegenüber einem im Zuge des Klimawandels sinkenden pH-Wert (Ozeanversauerung), da er natürlicherweise starken pH- und Sauerstoffschwankungen ausgesetzt ist. Trotzdem wird die Nahrungsaufnahme und die Grabaktivitäten der Schlüsselart durch Ozeanversauerung und Temperaturanstieg des Meerwassers vermindert oder verlangsamt. Das wiederum kann negative Auswirkungen auf das normale Funktionieren der Ökosysteme der Wattgebiete in Flussmündungen haben. Schutz für den Schillernden Seeringelwurm bedeutet deshalb auch Schutz fürs Meer!
Der BUND setzt sich daher für eine starke Reduzierung des Nährstoff-, Schadstoff- und Müll-Eintrags in unsere Meere ein und erarbeitet im Rahmen seiner Projekte strategische und praktische Lösungen, um Meeresbewohnern wie dem Seeringelwurm auch in Zukunft ein gesundes Lebensumfeld bieten zu können.