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"Neonikotinoide, Glyphosat und Gentechnik passen nicht zu einem nachhaltigen Unternehmen und der geforderten Agrarwende"

26. April 2019 | Landwirtschaft, Umweltgifte, Wildbienen, Naturschutz, Lebensräume

Rede der BUND-Gentechnikexpertin Daniela Wannemacher bei der Hauptversammlung der Bayer AG am 26.4.2019 in Bonn. Es gilt das gesprochene Wort!

BUND-Gentechnikexpertin Daniela Wannemacher  (Simone Neumann)

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats,
meine Damen und Herren,

mein Name ist Daniela Wannemacher und ich spreche für den BUND e.V.

Schon auf der Hauptversammlung im vergangenen Jahr gab es viele Fragen zu den Risiken der Monsanto-Übernahme und zur ökologischen Nachhaltigkeit der Bayer-Produkte. Die erste Hauptversammlung von Bayer nach der Monsanto-Übernahme zeigt, dass der Kauf nicht nur aus ökologischer Sicht falsch war, sondern auch ökonomisch riskant. Denn nach jetzigem Stand bedeutet die Übernahme von Monsanto auch Milliarden an Schadensersatz-Zahlungen für Bayer. Und schon jetzt ist klar, dass weltweit 12.000 Menschen entlassen werden.

Massive Kritik kam im vergangenen Jahr von uns – dem BUND – und von anderen Umweltverbänden. Aber auch von vielen anderen Aktionär*innen gab es kritische Nachfragen, vor allem zu den bienengefährdenden Stoffen.

Ich möchte Sie fragen:

  • Haben Sie diese Kritik umgesetzt? Und vielleicht insofern ernst genommen, dass Sie die Entwicklung nachhaltiger Produkte im Unternehmen forciert haben? Wenn ja, wie?
  • Mit welchem Anteil am Gesamt-Forschungsbudget fördert Bayer bspw. Alternativen zu chemisch-synthetischen Pestiziden wie den Biologicals? Und welches Volumen sollen alternative Pflanzenschutzmethoden in fünf Jahren bei Forschung und Umsatz einnehmen?

Im vergangenen Jahr hat meine BUND-Kollegin hier gefragt, wann Bayer aus der Produktion der für Bienen fatalen Neonikotinoide aussteigen wird. Die Situation für unsere Bestäuber und für die Biodiversität wird immer brenzliger.

Der Report des Biodiversitätsrats (IPBES), der in rund zehn Tagen veröffentlicht wird, spricht von bis zu einer Million Arten, die in den nächsten Jahrzehnten aussterben werden. Als eine der Hauptursachen wird die Landwirtschaft genannt; hier gehören die Pestizide zu den Treibern der Abnahme von Biodiversität.

Und es sind eben auch Stoffe wie die Bayer-Produkte Clothianidin oder Imidacloprid, die Bienen und andere Bestäuber direkt schwer schädigen und damit auch große Auswirkungen auf Ökosysteme haben. Das hat die Überprüfung der Stoffe nach den 2013 von der EFSA erarbeiteten Bienenleitlinien festgestellt: Die in der Praxis vorkommenden Mengen können Bienen vergiften. Deshalb hat die EU 2018, nach aktuellem Stand der Wissenschaft, die Freilandanwendung von Pestiziden mit diesen Wirkstoffen verboten.

Trotzdem hat Bayer erst in diesem Februar in einer Pressemitteilung erklärt, "die Schlussfolgerungen der EFSA sollten [daher] nicht zum Maßstab für weitere Einschränkungen bei den Neonikotinoiden werden." Aus Sicht des BUND handeln Sie damit weit am europäischen Verbraucherwunsch vorbei – die Gesellschaft fordert stärkere Bemühungen beim Insektenschutz, das zeigt das erfolgreiche Volksbegehren in Bayern.

Ich frage deshalb:

  • Verstehe ich die oben zitierte Pressemitteilung richtig, dass Bayer verhindern will, dass die von der EFSA erarbeiteten Bee Guidance documents in Kraft treten?  
  • Wird Bayer trotz der EFSA-Bewertung an der Produktion von für Bestäuber giftigen Wirkstoffe festhalten?

Ähnlich stellt es sich für uns dar in Sachen Gentechnik. Die Mehrheit der Verbraucher*innen in Europa lehnt Gentechnik im Essen ab, seit vergangenem Sommer gibt es mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs eine klare Rechtseinschätzung auch zu den neuen Gentechniken.

Aber trotz einer Aussage von Herrn Baumann aus dem Jahr 2016, Bayer würde "nicht [mit dem Anspruch] antreten, Produkte in Europa auf den Markt zu bringen, die [von der Gesellschaft oder der Politik] nicht gewollt sind" (in einem Interview mit dem Handelsblatt), lobbyiert Bayer massiv für eine Deregulierung der neuen Gentechniken – damit diese nicht wie im Gentechnik-Gesetz vorgegeben risikogeprüft, zugelassen, und vor allem gekennzeichnet werden müssen.

  • Ist das nicht Verbrauchertäuschung, wenn Bayer versucht, gentechnisch veränderte Produkte dadurch in den Markt zu pressen, dass diese nicht mehr so genannt und nicht mehr gekennzeichnet werden – und damit für Verbraucher*innen nicht erkennbar sind?

Im selben Interview haben Sie, Herr Baumann, gesagt, Sie investierten genauso in die konventionelle wie biologische Pflanzenzüchtung.

  • Welchen Anteil des Umsatzes hat Bayer nach der Übernahme von Monsanto mit gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO) verdient?
  • Und welchen Anteil am Forschungsbudget steckt Bayer nun in GVO? Inklusive der Forschung und Entwicklung von mit neuen gentechnischen Methoden modifizierten Pflanzen und Tieren?
  • Wie hat sich der Anteil des Umsatzes und des Forschungsbudgets von Gentechnik für die Landwirtschaft verändert von Bayer vor der Monsanto-Übernahme und Bayer heute?
  • Wie viel Forschungsbudget fließt dagegen in konventionelle Züchtung und wie viel Umsatz wird mit konventionellem Saatgut gemacht? Wie viel in biologische Züchtung und welchen Umsatzanteil hat das?
  • Wie viele Patente besitzt Bayer an Genome-Editing-Methoden für Pflanzen und Tieren?
  • Und wie viele Produkte, die mit neuer Gentechnik hergestellt werden, befinden sich in der Pipeline?
  • Wie viele davon wurden noch von Monsanto entwickelt und wie viele seit der Übernahme?
  • Und wann sollen sie auf den Markt gebracht werden?

Abschließend noch ein paar Worte zu Glyphosat: In zwei Fällen in den USA wurde das Unternehmen Bayer als Käufer von Monsanto inzwischen zur Zahlung von zig Millionen Schadensersatz verpflichtet; bei mehr als 11.000 anhängigen Klagen allein in den USA summiert sich das schnell zu einigen Milliarden. Seit Jahren gibt es die Hinweise auf die Gefährlichkeit von Glyphosat, und auf zu wohlwollende Studien.

Ich möchte Sie deshalb fragen:

  • Wie intensiv hat sich Bayer vor der Übernahme von Monsanto mit diesen ja schon länger vorliegenden Vorwürfen beschäftigt (bspw. Akte Glyphosat/Burtscher-Schaden von 2017)?
  • Wie geht Bayer mit den Vorwürfen gekaufter Studien und zurückgehaltener Ergebnisse innerhalb des Unternehmens um? Und wie stellt Bayer sicher, dass solche Praktiken nicht wiederholt bzw. unternehmensweit ausgeweitet werden?
  • Hatte Bayer bei Prüfung der Übernahme von Monsanto entsprechende Rücklagen (Richtung Milliardensummen) eingepreist und gebildet? In welcher Höhe?
  • Insbesondere aus Südamerika, Hauptanbauregion von gentechnisch tolerant gegen die Anwendung von Glyphosat gemachtem Mais und Soja, sind schon lange gesundheitliche Schäden bekannt, dort betroffen sind vermutlich hunderttausende Menschen. Rechnet Bayer deshalb mit weiteren Klagen von Glyphosat-Anwender*innen in weiteren Ländern?

Sehr geehrte Damen und Herren Aktionär*innen, ich möchte zum Schluss kommen. Die Ausrichtung des Unternehmens Bayer erscheint uns kaum nachhaltig. Denn die Agrarwende wird in der Gesellschaft immer vehementer gefordert – und dazu passen weder Neonikotinoide, noch Glyphosat, noch die Gentechnik. Und ein Unternehmen, das sich "nachhaltig" nennt, verspielt Glaubwürdigkeit mit Produkten, die so wenig nachhaltig sind.

Dies gilt auch für den Export von Umwelt- und Gesundheitsproblemen in andere Teile der Welt, indem dort zum Beispiel Pestizide verkauft werden, die in Europa gar nicht mehr angewendet werden dürfen.

Ich bitte deshalb die hier anwesenden Aktionär*innen, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten und bei den entsprechenden Tagesordnungspunkten mit "Nein" zu stimmen. 

Vielen Dank! 

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