Bei der Suche nach einem Atommülllager stehen die Beteiligten im Dunkeln

23. September 2020

Juliane Dickel, Atomexpertin des BUND im Interview über die aktuelle Atompolitik in Deutschland

Anmoderationsvorschlag:

Wohin mit Deutschlands Atommüll? Diese Frage stellt sich seit Jahrzehnten, auch wenn es – zumindest öffentlich – zuletzt relativ still um das Thema wurde. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung gibt nun am 28. September in ihrem "Zwischenbericht Teilgebiete" bekannt, welche Regionen in Deutschland für ein Atommülllager infrage kommen könnten. Ich spreche mit Juliane Dickel, Atomexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) darüber, was von dem Bericht zu erwarten ist.

Erste Frage: Frau Dickel, die Suche nach einem Atommülllager geht jetzt in die nächste Runde. Freuen Sie sich darüber, dass wieder Bewegung in die Sache kommt?

O-Ton 1 (Juliane Dickel, 27 Sek.): "Es ist gut, dass es mit diesem wichtigen Thema vorangeht. Der Atommüll lagert aktuell unter teils problematischen Bedingungen. Also es braucht einen Umgang mit dem Thema. Aber das aktuelle Suchverfahren erweckt bislang kein Vertrauen. Es fehlt Transparenz. Es fehlt Öffentlichkeitsbeteiligung. Und es gibt bereits sogar Versuche politischer Einflussnahme. Also all das, was jetzt eigentlich anders laufen sollte."

Zweite Frage: Welche Regionen sind denn die vielversprechendsten Anwärterinnen für die Lagerung?

O-Ton 2 (Juliane Dickel, 35 Sek.): "Das ist eine gute Frage. Wir wissen nicht, welche Regionen auf der Liste stehen. Dieser Bericht wurde drei Jahre lang intransparent hinter verschlossener Tür erarbeitet. Es ist ein umfangreiches Fachwerk, und die Bevölkerung hat jetzt gerade mal wenige Monate Zeit, um es zu durchdringen und zu kommentieren. Betroffene müssen sich unabhängige Expertise auf eigene Kosten organisieren. Eine umfangreiche Öffentlichkeitsbeteiligung scheint kaum möglich. Und dabei wäre das eine Grundvoraussetzung für einen von der Öffentlichkeit akzeptierten Prozess."

Dritte Frage: Möglicherweise tauchen nun Regionen im Auswahlprozess auf, deren Anwohnende das Thema für sich noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Insbesondere die Sicherheitsbedenken dürften groß sein.

O-Ton 3 (Juliane Dickel, 35 Sek.): "Das stimmt. Wichtig ist daher, dass potentielle Standorte auf wissenschaftlicher Grundlage ausgewählt werden. Es muss ein glaubwürdiges wissenschaftliches Verfahren sein. Die Öffentlichkeit muss umfangreich beteiligt werden. Und keine Region darf zu früh ausgeschlossen werden. Schließlich geht es darum, den bestmöglichen Standort für mindestens eine Million Jahre zu finden – denn so lange und länger strahlt der Atommüll noch. Das ist anspruchsvoll und kostet Zeit. Aber das sind wir unseren Nachkommen schuldig."

Vierte Frage: Und wenn das bestmögliche Lager dann gefunden ist, sind wir alle Sorgen los?

O-Ton 4 (Juliane Dickel, 36 Sek.): "In Bezug auf Atommüll sind wir alle Sorgen los, wenn er nicht mehr strahlt. Das dauert aber über eine Million Jahre. Mit dem bestmöglichen Standort hätten wir dann aber hoffentlich den bestmöglichen Umgang. Allerdings ist Deutschland ja immer noch Teil der nuklearen Kette. Es gibt hier weiter Forschungsreaktoren, es gibt die Brennelementefabrik in Lingen und die Urananreicherungsanlage Gronau, die unbefristet laufen. Wir produzieren weiter unnötigen Atommüll. Und das muss auch enden. Es muss endlich einen kompletten Atomausstieg in Deutschland geben."

Abmoderationsvorschlag:

Vielen Dank für das Gespräch, Juliane Dickel. Sie ist Atomexpertin beim BUND und hat mit uns über die Suche nach einem Atommülllager gesprochen.

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