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Das Gemüse ist nur der Anfang

17. August 2016 | Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, Suffizienz, Wildbienen

"Jeder hat genug damit zu tun seinen eigenen Garten zu jäten" besagt ein flämisches Sprichwort. Doch die Zeiten des Rückzugs sind vorbei: Heute wühlen in ganz Deutschland Menschen gemeinsam in der Erde, bauen Kisten für Hochbeete, gewinnen eigenes Saatgut, halten Bienen auf Hochhäusern, experimentieren mit verschiedenen Formen der Kompostierung und üben sich darin, das geerntete Gemüse haltbar zu machen. In Schulgärten, interkulturellen Gärten und Nachbarschaftsgärten teilen Menschen ihre Erfahrungen und die Ernte miteinander. "Urban Gardening" nennt sich der Trend, dem sich immer mehr Stadtbewohner*innen anschließen.

 (frankoppermann / iStock.com)

Von Jenny Blekker

Neue Perspektiven

Über 500 Gemeinschaftsgärten gibt es in Deutschland bereits. Im Vordergrund steht bei allen der Spaß, zusammen zu gärtnern. Daneben öffnen die urbanen Gärten neue Perspektiven: Wo früher Ödnis war, findet plötzlich Leben statt. Es entstehen neue Räume für Begegnungen und ein soziales Miteinander. Zugleich schaffen die  Gärten einen Lernraum: Kinder können hier die Natur erfahren und praktisch erleben, woher unsere Lebensmittel kommen. Die Begrünung wertet innerstädtische Flächen auf und kann sie damit vor der Versiegelung schützen. Hat sich ein Gemeinschaftsgarten erst einmal etabliert, wird es schwer, ihn ohne viel Protest wieder zu räumen, zu versiegeln und zu bebauen. Die soziale Bereicherung, für die er sorgt, liegt genauso auf der Hand wie sein ökologischer Nutzen. Etliche BUND-Gruppen haben das erkannt und betreuen Gemeinschaftsgärten: zum  Beispiel in Mainz, Leipzig, Konstanz und Saarbrücken. Oder sie initiieren Gartenprojekte mit jungen Geflüchteten wie die BUNDjugend Berlin.

Frei von Kommerz und Konsum

Vor zwei Jahren entstand das Urban Gardening Manifest, über 130 Initiativen haben es inzwischen unterzeichnet. Es zeigt eindrucksvoll, wie sich mit dem Phänomen des gemeinschaftlichen Gärtnerns eine neue kollektive Bewegung formiert. Sie erobert den öffentlichen Raum zurück und schafft einen Ort der Mitbestimmung, frei von Kommerz und Konsum. Damit setzt sie dem ohnmächtigen Gefühl der Entfremdung etwas entgegen – in Städten, die immer dichter bebaut und gründlicher kommerzialisiert werden. Je entfremdeter, voller, lauter und anonymer unsere Städte werden, desto größer wird das Bedürfnis, gemeinsam zu teilen, zu gestalten und Natur zu erfahren.

Andernach am Mittelrhein ist ein Städtchen mit 30 000 Einwohnern. Hier war es die  Stadtverwaltung selbst, die sich wünschte, Bürger*innen würden das öffentliche Grün stärker als ihren Raum wahrnehmen. Andernach erfand sich kurzerhand neu: als "essbare Stadt". An der Stadtmauer wachsen heute Tomaten. Und in vielen Parks Obst und Gemüse, das jede*r ernten darf. Gepflegt werden die Beete von der örtlichen "Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft für Langzeitarbeitslose". Auch viele Andernacher haben Verantwortung für ihre städtischen Gärten  übernommen. Da klingelt bei Lutz Kosack in der Stadtverwaltung schon mal das  Telefon: "Wo sind die Hühner? Warum sind die Hühner noch nicht draußen?"

Bundesweites Vorbild

Dieses von oben erdachte Modell, städtisches Grün aufzuwerten, haben die Andernacher gut angenommen. So gut, dass es bundesweit Furore machte. Über 400 Kommunen – von kleinen Gemeinden bis zu Großstädten wie Berlin, München und Wien – haben sich in den letzten sechs Jahren bei Lutz Kosack gemeldet, um von seinen Erfahrungen zu profitieren. Weltweit gibt es heute über 800 vergleichbare Projekte. Die Webseite der essbaren Stadt Minden listet etwa 70 deutsche Partner auf. Gemeinsam mit den urbanen Gärten ist ihnen, dass sie ein neues soziales Modell der Stadt darstellen. Hier ist Veränderung sinnlich erfahrbar, bestenfalls sogar essbar.

Gutes Essen ist etwas, das alle Menschen verbindet. Und wer gemeinsam Gemüse  zieht und erntet, wird sich eher auch einmal mit der industriellen Landwirtschaft und ihren Folgen auseinandersetzen. Oder damit, wie wir grundsätzlich mit unseren begrenzten Ressourcen umgehen. Langfristig bieten essbare Städte wie Andernach und Minden die Chance, regionale Kreisläufe zu stärken und der wachsenden Entfremdung zu begegnen.

Was macht Städte lebenswert?

Urbanes Gärtern und essbare Städte sind zwei Möglichkeiten, uns die Stadt wieder als Lebensraum näherzubringen, der sich gestalten lässt. Im Sinne der Nachhaltigkeit sollten Kommunen jede Bewegung fördern, die zu mehr Verantwortung und Miteinander führt. Gute Beispiele, wie Städte lebenswerter werden, gibt es in Fülle: von der oft zitierten Fahrradstadt Kopenhagen bis hin zur werbefreien Stadt Grenoble. Die hat etwas für ihre Lebensqualität getan, indem sie auf die omnipräsente Reklame des "Immer-mehr-haben-wollen-müssens" verzichtet und so Platz für neues Grün und nachbarschaftliche Begegnungen geschaffen hat.

Mehr Informationen

  • Jede Menge Tipps, für alle, die jetzt ihr eigenes Projekt auf die Beine stellen wollen, gibt es auf www.anstiftung.de. Die anstiftung fördert, vernetzt und erforscht Räume und Netzwerke des Selbermachens. Dazu gehören Freiräume und Infrastrukturen wie Interkulturelle und Urbane Gärten, Offene Werkstätten, Reparatur-Initiativen, Open-Source-Projekte ebenso wie Initiativen zur Belebung von Nachbarschaften oder Interventionen im öffentlichen Raum.
  • Eine breite Bestandsaufnahme zur Thematik "Stadtnatur" bietet die Broschüre "Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft" des BMUB.

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