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Aquakultur – ja, aber bitteschön nur nachhaltig!

Ist Aquakultur, also das gezielte Züchten von Meeresorganismen auf "Fischfarmen", das Heilmittel gegen die Überfischung? Der BUND ist skeptisch, denn Aquakultur birgt massive Risiken für die empfindlichen Ökosysteme an Küsten und Binnengewässern.

Lachsfarm in Chile; Foto: Wilfried Huismann Lachsfarm in Chile  (Wilfried Huismann)

Jeder dritte Fisch, jede dritte Muschel oder jedes dritte Krebstier stammt schon heute aus einem Aquakulturbetrieb – weltweit insgesamt 64 Millionen Tonnen. Und die Aquakulturproduktion wächst weiter rasant. Über 600 Tierarten werden in Aquakulturen gehalten, darunter etwa 150 Fischarten. Muscheln, Schnecken und Algen werden nicht nur für den Verzehr gezüchtet, sondern dienen auch als Zusatzstoffe für Nahrungsmittel (Alginat) oder für Kosmetika und als Schmuck (Perlen).

In Zukunft will die EU die Aquakultur europaweit stärker fördern. So sollen die Meere vermeintlich vor der Überfischung bewahrt und der europäische Markt unabhängiger von Importen, hauptsächlich aus Asien, werden. Doch diese Strategie birgt massive Risiken für die empfindlichen Ökosysteme an Küsten und Binnengewässern.

Einleitung nährstoffreicher Abwässer

Nährstoffe aus Kot, Urin und Futterresten der Fische gelangen mit den Abwässern in die Flüsse bzw. ins Meer. Von den zusätzlichen Nährstoffen profitieren vor allem Algen, die sich dann in Massen entwickeln. Nach der "Algenblüte" sterben die Algen ab und es kommt zu einer starken Sauerstoffzehrung beim bakteriellen Abbau des organischen Materials, was schlimmstenfalls zum Ersticken aller höheren Tiere führen kann. Man nennt diese Überdüngung auch Eutrophierung.

Verluste von wertvollen Habitaten durch Fischfarmen

Da die gehaltenen Tiere sauberes Wasser benötigen, werden Aquakulturanlagen oft in Gebiete gebaut, die auch wertvolle und empfindliche Habitate für viele Tiere und Pflanzen sind. So wurden für die großen Shrimp-Farmen in Asien und Mittelamerika Mangrovenwälder gerodet.

Verbreitung von neuen Arten sowie Krankheiten und Parasiten

Oft gelangen Tiere aus Zuchtbetrieben in natürliche Gewässer. Finden diese Arten dort gute Bedingungen vor, steht ihrer weiteren Ausbreitung nichts mehr im Wege. Häufig werden einheimischen Arten verdrängt oder gefressen, weil sie nicht an die neue Konkurrenz angepasst sind. Beispiele gibt es viele. Bei uns sind es die pazifische Auster, der Kamberkrebs und die Regenbogenforelle.

Mit den Zuchttieren werden häufig neue Krankheitserreger und Parasiten eingeschleppt, die sich dann massiv unter den einheimischen Tieren ausbreiten können. Aber auch schon vorhandene Parasiten finden oft ideale Brutstätten in den Aquakulturanlagen.

Chemikalien und Medikamentenrückstände

Aufgrund der Dichte der Tiere in den Käfigen kommen Krankheiten und Parasitenbefall häufig vor, die mit Medikamenten behandelt bzw. mit Chemikalien verhindert werden sollen. Reste und Abbauprodukte gelangen häufig mit dem Abwasser in die Umwelt und wirken dort weiter.

Fang von Jungtieren

Bei einigen Arten ist es bisher nicht gelungen oder zu kompliziert, die Jungtiere in Gefangenschaft aufzuziehen. Man behilft sich, indem man Jungtiere einfängt und anschließend so lange mästet, bis sie groß genug sind, um geschlachtet zu werden. Dies ist besonders bei Arten kritisch, deren Wildbestände gefährdet sind; wie beim europäischen Aal oder verschiedenen Thunfischarten.

Die Futterproblematik: kein Fisch ohne Futter

Das Fischfutter für beliebte Speisefische wie Lachs oder Forelle besteht zu großen Teilen aus Fischmehl und -öl; beides Produkte, für die Wildfische gefangen werden. Dafür werden ganze Schwärme sogenannter "Industriefische" wie Hering, Anchovis, Sardellen und Sandaale abgefischt. Doch inzwischen reichen die Bestände der "Industriefische" nicht mehr aus, um den steigenden Bedarf an Fischmehl und -öl zu decken. Deshalb wird immer mehr Fischmehl durch Pflanzenproteine, beispielsweise aus Soja oder Raps, ersetzt. Diese jedoch stammen oft aus Monokulturen, die durch den Einsatz von Pestiziden und häufig auch durch Gentechnik ebenfalls negative Auswirkungen auf die Umwelt haben.

Nachhaltige Aquakultur ja – aber wie?

Aquaponik-System der US-amerikanischen Organisation Growing Power; Foto: ryan griffis / CC BY-SA 2.0 / wikimedia.org Aquaponik-System der US-amerikanischen Organisation Growing Power  (ryan griffis / CC BY-SA 2.0 )

In Deutschland produzierten 2012 über 5.350 Betriebe insgesamt 26.600 Tonnen Fisch und Muscheln. Ein Großteil des Fischs stammt aus Teichwirtschaften und Durchflussanlagen an Flüssen im Binnenland. Hier werden meist Forellen und Karpfen gehalten. An den Küsten von Nord- und Ostsee sind Miesmuscheln das wichtigste Aquakulturprodukt.

Neue Techniken können sicherlich die negativen Folgen auf die Umwelt reduzieren. Aber auch wir Konsument*innen stehen in der Verantwortung: Wir müssen nicht nur grundsätzlich weniger Fisch essen, sondern auch unsere Vorliebe für Raubfische wie Lachs, Forelle und Zander aufgeben und auf pflanzen- oder allesfressende Fischarten wie Karpfen, Wels oder Stör umsteigen. Denn diese lassen sich ohne Fischmehl aus Wildfischen großziehen. Gerade Bio-Karpfen erfüllt die Kriterien, die für eine nachhaltige Aquakultur gelten sollten.

Siegel in der Aquakultur

Siegel mit strengen Umweltstandards und eine umfassende Deklaration auf den Verpackungen könnten uns dabei helfen die richtige Wahl zu treffen. Inzwischen gibt es auch für Aquakulturprodukte zahlreiche Siegel.

  • Das ASC-Siegel vom Aquaculture Stewardship Council soll für eine nachhaltige Aquakultur stehen. Dafür reicht es aus Sicht des BUND aufgrund seiner niedrigen Standards zurzeit nicht aus. So erlaubt das Siegel den Einsatz von Futter aus genmanipulierten Pflanzen und zu hohe Besatzdichten in den Fischbecken und -käfigen.
  • Das EU-Bio-Siegel lässt ebenfalls Fischmehl und -öl für die Zucht zu. Auch bei den zulässigen Besatzdichten und  beim Einsatz von Medikamenten sind die Regeln weniger streng als bei beispielsweise Bioland und Naturland.
  • Besser sind da das Naturland- und das Bioland-Siegel. Sie garantieren hohe Umweltstandards. Auf Fischmehl und -öl aus Wildfischen wird verzichtet. Fische aus Kreislaufanlagen erhalten bisher keine Biosiegel.

Der BUND fordert für die Etablierung einer wirklich nachhaltigen Aquakultur:

  • Kreisauflagen statt offene Systeme wie Netzgehege oder Durchflussanlagen;
  • ein Verbot der Fischerei auf "Industriefische" zur Fischfutterproduktion, stattdessen sollten Fischabfälle besser genutzt werden;
  • keine Aquakultur mit Arten, bei denen Jungtiere aus Wildbeständen gefangen werden müssen;
  • keine Gentechnik bei Tieren und Futtermitteln;
  • keine Aquakultur in Meeresschutzgebieten;
  • keine offenen Fisch-Aquakulturanlagen in der Nord- und Ostsee;
  • eine umfassende Kennzeichnung von Aquakulturprodukten (Art der Haltung, eingesetztes Futter).

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Nadja Ziebarth

Nadja Ziebarth

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