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Luft zum Atmen. Bremen schafft mit Carsharing neuen Platz

12. Februar 2015 | Mobilität, Nachhaltigkeit, Suffizienz

Die Hansestadt an der Weser schafft Platz – in den schmalen Sträßchen des Viertels, das die Bremer selbst nur "das Viertel" nennen, war das Problem noch vor wenigen Jahren besonders augenfällig: Überall nur Autos, kein Platz mehr für Fußgänger, Kinderwägen und Radfahrer, stattdessen Falschparker auf Bürgersteigen und die Feuerwehren kamen nicht mehr um die zugeparkten Straßenecken herum.

Carsharing-Station in Bremen

Von Rebecca Karbaumer

Seit 2003 richtet Bremen deshalb Car-Sharing-Stationen im öffentlichen Straßenraum ein – mit großem Erfolg: Die Straßen werden freier, denn ein geteiltes Auto ersetzt jetzt zehn private. 28 Prozent der Bremer haben ihr eigenes Auto abgeschafft, nachdem sie Car-Sharing-Kunde wurden.

Nutzen statt besitzen. Dies sei keine neue Lebenseinstellung, wie mir neulich ein schottischer EU-Projektpartner versicherte. In seiner Jugend auf den Shetlandinseln war Car-Sharing – das Teilen von Autos – etwas völlig Alltägliches, denn ein eigenes Auto war nicht immer nötig oder finanzierbar. Wenn man aber eins brauchte, lieh man es sich von der Nachbarin, vom Freund oder der Familie. Auch in vielen europäischen Städten liegt das organisierte Autoteilen im Trend. In Bremen hat Car-Sharing schon eine 25-jährige Geschichte - mit starken Zuwächsen in den letzten Jahren.

Bremen: Die Fahrrad- und Autostadt

Bremen wird oft als Fahrradstadt bezeichnet, ist aber auch im gewissen Maße eine Autostadt – besonders angesichts parkender Autos, die sehr viel Platz beanspruchen. In vielen Straßen parken bis zur Hälfte der Autos gesetzwidrig (z. B. auf den Gehwegen oder in Kreuzungen).   Diese Autos behindern Fußgänger, aber auch die Bürgersteige und die Leitungen darunter werden durch die Falschparker beschädigt. Für eine finanzklamme Stadt wie Bremen  sind solche Schäden gravierend. Zudem haben Müllabfuhr und Feuerwehr Schwierigkeiten durch die engen, zugeparkten Gassen und um knifflige Ecken zu manövrieren. Für teure Quartiersgaragen, um all die geparkten Autos unterzubringen, hat Bremen weder den Platz noch das Geld.

Die Bremer bewegen ihre Autos teilweise nur alle drei Tage

Aber aus der Not können Städte eine Tugend machen. So wird in Bremen Car-Sharing als Möglichkeit gesehen, auf innovative Art Platz und Geld zu sparen. Untersuchungen zeigen, dass in manchen Stadtteilen 27 Prozent der Autos nur alle 3 Tage bewegt werden, manche sogar noch seltener. Das sind offensichtlich Autos von Personen, die ihr Auto nur gelegentlich und nicht für den täglichen Arbeitsweg benötigen. Für diese Menschen kann es viel praktischer und günstiger sein, sich Autos wohnortnah für ihre gelegentlichen Fahrten zu leihen.  Man zahlt nur für die tatsächliche Nutzung und muss sich nicht um die restlichen Aufgaben kümmern, die beim Besitz eines eigenen Autos anfallen (Waschen, Winterreifenwechsel, Besuche beim TÜV).

Seit 2003 werden in der Stadt Car-Sharing Stationen mit bis zu 12 Fahrzeugen im öffentlichen Straßenraum ("mobil.punkte")  eingerichtet. Die Stationen sind gut sichtbar und mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß und mit dem Fahrrad gut zu erreichen.

In den engen Quartieren mit "Parkplatznot" schlägt Bremen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Hier werden seit 2013 kleinere Car-Sharing-Stationen mit zumeist zwei Fahrzeugen ("mobil.pünktchen") im öffentlichen Straßenraum an oft kritischen Punkten wie Kreuzungen eingerichtet. Ihr Vorteil: Die mobil.pünktchen bringen nicht nur das Car-Sharing-Angebot nah an die Bewohner heran, sondern halten auch mit ihrer Bauart (Gehwegnase, usw.) die Einmündungen frei. Feuerwehr und Müllabfuhr kommen so besser um die Ecken, Fußgänger können einfacher die Straße überqueren.

Jedes Car-Sharing-Auto ersetzt zehn private PKWs

Mit Car-Sharing kann Bremen Platz zurückzugewinnen. So zeigt die letzte Kundenumfrage des größten Car-Sharing Anbieters in Bremen , dass 28 Prozent der Kunden ihr Auto abgeschafft haben, nachdem sie Car-Sharing-Nutzer geworden sind. Dies bedeutet letztlich, dass jedes Car-Sharing Auto in Bremen etwa 10-11 private PKW ersetzt.

Ein weiterer Vorteil von Car-Sharing ist dessen Beitrag zum Klimaschutz, denn Car-Sharing ist die optimale Ergänzung zum Zufußgehen, Radfahren sowie zu Bus und Bahn. Die Carsharer fahren weniger Auto und nutzen umso mehr die klimafreundlicheren Verkehrsmittel. Studien zeigen, dass aktive Car-Sharing-Nutzer weniger CO2 durch ihr Mobilitätsverhalten erzeugen als der durchschnittliche Autofahrer.

20.000 Nutzerinnen und Nutzer bis 2020

Bremens Car-Sharing Aktionsplan von 2009 zielt darauf ab, dass es bis 2020 20.000 Car-Sharing Nutzerinnen und Nutzer gibt. Diese sollen dann insgesamt 6.000 Autos ersetzt haben.  Unser Ziel: eine Stadt, die "lebenswert, urban und vernetzt" ist, und zwar für alle Bürger. 20.000 in Bremen bis 2020? Wir sind auf einem guten Weg dorthin.

Aus meiner Sicht ist das Konzept "nutzen statt besitzen" kein Trend, sondern wird -wie auf den Shetlandinseln- zum konkreten Bestandteil unserer zukünftigen Stadt- und Mobilitätskultur.

Zur Autorin

Rebecca Karbaumer ist studierte Umweltwissenschaftlerin (B.S, University of Missouri-Kansas City) und Geographin (M.A. in Stadt- und Regionalentwicklung, Universität Bremen). Sie sieht die Möglichkeit zur Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft überwiegend in der Gestaltung von Städten, die nachhaltiges Verhalten ermöglichen und forcieren. Seit Januar 2013 ist sie für die Freie Hansestadt Bremen in der Behörde des Senators für Umwelt, Bau und Verkehr für die Koordination von europäischen und lokalen Verkehrsprojekten EU- und Verkehrsprojekten zuständig.

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