"Man muss gnadenlos sein"

Markus Gastl ist ein Pionier des insektenfreundlichen Gärtnerns. Im Interview spricht er über mutige Entscheidungen im heimischen Garten und verrät, warum Thuja-Hecken dort nichts zu suchen haben.

Gartenexperte Markus Gastl  (Markus Gastl)

Es war in einem stillen Moment am Ende einer langen Reise, als dieser Wunsch in ihm hochkam: der Erde etwas zurückgeben aus Dankbarkeit für die "gewaltige Schöpfung der Natur". Markus Gastl saß damals, im Jahr 2003, in einer kleinen Kapelle in Inuvik, einer der nördlichsten Siedlungen der Welt. Er und seine Exfrau hatten gerade ihr Ziel erreicht: Sie waren 41.000 Kilometer von Feuerland bis nach Alaska mit dem Fahrrad gefahren. 41.000 Kilometer in zweieinhalb Jahren, in denen Gastl die Schönheit der Natur in etlichen Ländern Süd- und Nordamerikas hautnah erfahren durfte. Ebenso hautnah erlebte er aber auch die gewaltige Naturzerstörung durch Waldrodungen, Waldbrände oder Monokulturen. 

In der kleinen Kapelle in Inuvik wurde Gastl klar, dass er der Natur im Rahmen seiner Möglichkeiten als Einzelperson etwas zurückgeben wollte. Er beschloss damit direkt vor der eigenen Haustür zu beginnen. Mit einem Garten für die einheimische Natur. Gastl kaufte sich im Jahr 2007 eine 7.500 Quadratmeter große Fettwiese in Bayern und legte darauf einen "Drei-Zonen-Garten" an, ein Paradies für Pflanzen und Insekten. Er nannte ihn „Hortus Insectorum“ – also den Insektengarten – und machte mit seinem Ansatz Furore.  

Inzwischen ist Markus Gastl eine Ikone des insektenfreundlichen Gärtnerns. Aus seiner kleinen Idee in einer Kapelle in Inuvik ist eine nachhaltige Gärtnerbewegung in ganz Europa geworden. Das von ihm erfundene Drei-Zonen-Modell hat etliche Nachahmer gefunden. Gastl hat mehrere Bücher zum nachhaltigen Gärtnern verfasst, hält Vorträge, macht Führungen durch seine grandiosen Gärten und investiert viel Zeit ins Netzwerken, um immer mehr Menschen zum insektenfreundlichen Gärtnern zu bewegen. Wir durften ihn für unseren BUND-Blog interviewen – womit sein Modell schon wieder mindestens eine Anhängerin mehr hat.

Insektenfreundlicher Garten von Markus Gastl Insektenhotels, Steinpyramiden oder Käferkeller gehören in den Garten  (Markus Gastl)

BUND: Was ist das Besondere an Ihrem Drei-Zonen-Modell?

Gastl: Zunächst einmal: Ich habe das Modell gar nicht erfunden. Ich habe mir angeschaut, wie die traditionellen Landwirte früher gewirtschaftet haben – als es noch keinen Kunstdünger oder erdölbetriebene, große Maschinen gab. Damals wurden Wälder und Hecken dazu genutzt, den starken Wind abzuhalten und um Holz und Reisig zu gewinnen. Dort hatten natürlich auch viele Tiere ihren Lebensraum wie Vögel, Igel und so weiter. Dann gab es magere Böden, auf denen man kein Gemüse anbauen konnte und auf denen die Landwirt*innen entweder ihre Tiere hielten oder Heu für sie produzierten. Und es gab schließlich den Acker, auf dem Gemüse und Getreide angebaut und der mit dem Mist der Tiere gedüngt wurde. 

Und wie lässt sich das heutzutage umsetzen?

Diese traditionelle Landwirtschaft zeichnete sich durch sechs wesentliche Kriterien aus: Schönheit, Vielfalt, Nutzen, Kreislaufwirtschaft, Kreativität und Nachhaltigkeit. Ich habe dieses Modell dann auf meinen eigenen Garten übertragen und die unterschiedlichen Zonen neu benannt in: Erstens Pufferzone, also eine Schutzzone aus Hecken und Sträuchern, zweitens Hotspot-Zone, eine magere Fläche mit hoher Artenvielfalt und drittens Ertragszone, mein Obst- und Gemüsegarten. Das Ganze habe ich angereichert mit selbst gebauten Elementen wie Insektenhotels, Steinpyramiden oder Käferkellern. Und natürlich werden in einem insektenfreundlichen, nachhaltigen Drei-Zonen-Garten keine Chemie und auch kein mineralischer Dünger eingesetzt.

Das Tolle an dem Konzept: Ein Drei-Zonen-Garten ist ein geschlossener Kreislauf. Man braucht nichts von außen hinzuzufügen. Für den Acker nutzt man zum Beispiel einfach das Heu aus der Hotspot-Zone zum Mulchen, um die Böden aufzuwerten und sie vor Trockenheit zu schützen. Gleichzeitig ist dieser Garten der perfekte Lebensraum für Insekten und andere Tiere sowie für heimische Pflanzen, die vor allem in der Puffer- und in der Hotspotzone leben und zudem Schädlinge aus meiner Ertragszone fernhalten.

Das hört sich eigentlich ganz leicht und schlüssig an – wenn ich das in meinem eigenen Garten umsetzen will, womit fange ich dann an?

Das Erste, das ich empfehle ist: Den eigenen Garten wahrzunehmen. Also erst einmal zu schauen, was wächst denn hier eigentlich? Was lebt hier? Viele Gärten sind heute leider mehr tot als lebendig. Kurz geschorener Rasen, akkurat geschnittene Thuja-Hecken, Edelrosen, andere immergrüne, nicht heimische Arten. All das ist aus Sicht der Artenvielfalt absolut sinnfrei. Keine Biene kommt an den Nektar einer geschlossenen Edelrose, kein Grashüpfer oder Falter hält sich im englischen Rasen auf. Ein Vogel nistet vielleicht in der Thuja-Hecke, aber seine Nahrung muss er woanders holen.

Ausreichend Platz für den Wasserkreislauf Das drei Zonen-Modell ist ein geschlossener Kreislauf.  (Markus Gastl)

Also ist der erste Schritt eine Bestandsaufnahme.

Ja, nachdem man also eine Bestandsaufnahme gemacht hat, kommt der schwierige Teil: sich trennen. Das fällt vielen Menschen richtig schwer. Wenn ich bei den Leuten im Garten stehe und sage: Für mehr Artenvielfalt sollte der Rasen durch eine Wildblumenwiese ersetzt werden, die Thuja-Hecke am besten durch heimische Sträucher und Obstgehölze und die Edelrose durch Wildrosen, dann schreien die meisten Leute auf. "Aber die Enkelkinder brauchen den Rasen zum Spielen, die Hecke ist ein wichtiger Sichtschutz und die Rosen hat die Großmutter gepflanzt!" Hier muss eine ganz klare Entscheidung getroffen werden: Will ich wirklich einen natürlichen, vielfältigen und insektenfreundlichen Garten haben und der Natur Gutes tun? Dann müssen solche Elemente raus. Da muss man wirklich gnadenlos sein. Nicht ohne Grund heißt das Motto in unserem Netzwerk auch: "Machen ist wie wollen, nur krasser." 

Wie viel Prozent der Menschen, die sie beraten, machen denn dann auch wirklich?

Das kann ich nicht sagen. Aber das von mir gegründete Hortus-Netzwerk, also ein Netzwerk von Gärtnern, die nach dem Drei-Zonen-Modell arbeiten, hat inzwischen schon mehr als 600 eingetragene Gärten in ganz Europa. Und ich sitze schon an meinem fünften Buch – das Interesse an diesem Thema ist groß und ich kann aus ganzem Herzen empfehlen, selbst Hand anzulegen für mehr Artenvielfalt. 

Wenn ich einen Schmetterling sehe oder neue Insekten, die jetzt durch mein Schaffen und Gestalten einen neuen Lebensraum bekommen haben, fühle ich mich wie ein Entdecker der Schöpfung und habe das Gefühl, der Natur etwas zurückgeben zu können für die unglaublichen Eindrücke meines Lebens. Dieses wunderschöne Gefühl würde ich gerne mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen.

Herr Gastl, wir wünschen Ihnen alles Gute dafür und viel Erfolg weiterhin! Vielen Dank für Ihren Einsatz und das Gespräch! 

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Der Garten von Markus Gastl

(zum Vergrößern Bilder anklicken)

Die Interview-Fragen stellte Almut Gaude.

Liebe Leser*innen: Auf den Websites vom Hortus Insectorum und dem Hortus-Netzwerk gibt es Fotos, Anleitungen und Erklärvideos zum Drei-Zonen-Garten sowie etliche weitere Tipps zum insektenfreundlichen Gärtnern. So kann man den eigenen Garten zum Beispiel mit einem selbstgebauten Käferkeller oder Steinpyramiden für Reptilien bereichern. Eine Anleitung zum Unken-Teich-Bauen findet sich hier. Und wer wissen möchte, wie man einfache Projekte mit großer Wirkung für eine lebendige Vielfalt im Garten umsetzen kann, dem sei das neue Buch "#machsnachhaltig: Mehr Natur im Garten" von Gastl empfohlen. Viel Spaß beim Gärtnern! 

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