Gärtnern nur im Garten? Von wegen! Ran an die Balkone und die Fensterbretter!

58 Millionen Balkone und unzählige Fensterbretter in ganz Deutschland warten darauf, insektenfreundlich begärtnert zu werden. Die Berlinerin Birgit Schattling setzt alles daran, dass dieses Potential gehoben wird.

Der Blick von Schattlings Balkon über Berlin Schattlings Balkon hat mehr zu bieten als Blumenkästen voller Zierpflanzen.  (Birgitt Schattling / privat)

Als sich die Tür im sechsten Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses in Berlin-Wilmersdorf öffnet, steht mir eine zierliche, Mitte 50-jährige Frau gegenüber und lässt mich in ihre Wohnung eintreten. Wir laufen durch ihren mit sehr vielen Büchern, Pflanzen und Kübeln verstellten Flur und auf einmal: Stehe ich, gefühlt, mitten im Wald. Vögel zwitschern, Blätter, Gräser und Büsche wogen, die Sonne blinzelt von rechts, die Wolken ziehen links vorüber. Wie ist das möglich – mitten in Berlin?

Die Zwei-Zimmer-Wohnung hat zwei vier und fünf Quadratmeter große Balkone. Ihre Bewohnerin, Birgit Schattling hat Balkone und Fensterbretter ihrer Wohnung in eine Oase der Artenvielfalt verwandelt. Was in anderen Wohnungen oft als Abstellfläche für Klappstühle, Bierkästen oder vertrocknete Geranienkästen dient, ist hier ein üppiger, blühender und duftender Lebensraum für Vögel, Insekten und heimische Wildpflanzenarten. Dazu wachsen vor dem Fenster auf kleinster Fläche Tomaten, Salate, viele andere Arten von Gemüse und Beerenbüsche.

Birgit Schattling ist ausgebildete Betriebs- und Verwaltungswirtin, widmet ihr Leben jedoch seit 2015 dem Balkon-Gärtnern. Als Self-Made-Kongressveranstalterin organisiert sie Bio-Balkon-Kongresse mit mittlerweile 20.000 Teilnehmenden. Sie hält Vorträge, schreibt Bücher und wurde mehrfach für ihr Engagement für Bio-Balkone ausgezeichnet. Bei unserem Gespräch sitze ich in ihrer kleinen Küche auf einer Wurmkiste. Unter mir verdauen gerade rund 1500 Würmer genüsslich den Bioabfall des Haushaltes. Begleitet wird unser Gespräch vom Zwitschern eines ganzen Schwarms von Spatzen, der es sich auf dem Balkon gemütlich gemacht hat. Auch ein Buntspecht und eine Ringeltaube schauen zwischendurch vorbei.

Birgit Schattling auf ihrem Balkon Birgit Schattling mitten in der Stadt und doch umgeben von Natur  (Birgitt Schattling / privat)

BUND: Frau Schattling, wie kamen Sie auf das Balkon-Gärtnern?  

Schattling: Ich komme gebürtig aus Kleinmachnow südlich von Berlin, da hatten wir einen Garten. Als ich 1989 nach Berlin kam, habe ich auf meinem Balkon und den Fensterbrettern einfach weitergegärtnert. Einschneidend war jedoch das Jahr 2014, als ich einen Burnout erlitt. Da habe ich gemerkt, wie unglaublich heilsam das Gärtnern und der Naturkontakt für mich sind. Ich wollte eigentlich schon mein ganzes Leben etwas mit Pflanzen machen. Durch den Burnout bin ich mit über 50 dann tatsächlich dazu gekommen. Ich bin aus meiner Beschäftigung ausgeschieden und habe gelernt, wie man Online-Kongresse organisiert. Bio-Balkon-Gärtnern und Kongresse dazu zu veranstalten ist das, was ich aus ganzem Herzen gerne tue. Und siehe da: So fit wie jetzt bin ich noch nie gewesen.

Was reizt Sie am Gärtnern auf dem Balkon oder auf dem Fensterbrett am meisten?

Ich empfinde das Balkon-Gärtnern als sehr kreativ, aber das Wichtigste ist mir, in Kontakt mit der Natur sein zu können. Und das geht sogar in einer Großstadt in einer kleinen Wohnung. Wenn ich die leeren, tristen Balkone hier überall in Berlin sehe, dann gibt mir das enorme Motivation, den Menschen zu zeigen, was man auf engstem Raum wirklich bewirken kann für die Natur.

Selbst auf Fensterbrettern kann man wertvolle Lebensräume entstehen lassen. Bei mir wachsen vor dem Fenster gerade Wildblumen, Sonnenblumen und Glockenblumen, aber auch Mangold, Erdbeeren und Radieschen. Ich habe dort regelmäßig Besuch von Schmetterlingen, Bienen und sogar von Grashüpfern. Vom Schreibtisch aus kann ich Stieglitze und Sperlinge beobachten, wie sie die Sonnenblumenkerne futtern.

Eichhörnchen im grünen Glück Mehrere Eichhörnchen sind hier zuhause.  (Birgitt Schattling / privat)

Wieso liegt Ihnen diese Vielfalt so am Herzen? Ihre Art des Gärtnerns ist eher etwas unordentlich, wenn man das so sagen darf. 

Mir wird immer bewusster, dass gerade wilde Ecken, Unordnung und eine Vielfalt an heimischen Pflanzen die Vielfalt an heimischen Tieren fördert. Gleichzeitig ist mir wichtig, Nutzpflanzen anzubauen. Nutzpflanzen brauchen Bestäuber. Doch Bestäuber kommen viel eher, wenn ich eine hohe Vielfalt an Wildpflanzen auf meinem Balkon und den Fensterbrettern habe.

Je mehr Pflanzen man hat und je wilder man das wachsen lässt, desto mehr Vielfalt stellt sich ein. Durch die Vielfalt reguliert sich das Problem der Schädlinge von selbst. Ich habe nie Probleme mit zu vielen Läusen. Die werden einfach von den Vögeln abgepickt, auch Marienkäfer und Schwebfliegen vertilgen sie. Und selbst die Eichhörnchen lecken sie von den Pflanzen.

Eichhörnchen?

Oh ja, wir haben eine Eichhörnchenfamilie, die seit drei Jahren ihre Jungen bei uns auf dem Balkon oder in den Blumenkästen auf den Fensterbrettern großzieht. Es sind pro Jahr drei bis vier Junge, die bei uns aufwachsen. Das ist schon toll, wenn man morgens aufwacht und als erstes am Fenster direkt in die Gesichter der kleinen Eichhörnchen schaut. Mein Sohn liebt das natürlich. Auch die Stockente, die bei uns hier oben Eier gelegt hat und ebenso die Ringeltaube sind die Lieblinge meines Sohnes. Leider konnten die Vögel ihre Eier nicht ausbrüten, da kamen ihnen wohl Eichhörnchen, Specht, Eichelhäher oder Krähen dazwischen.

Was raten Sie Menschen, die anfangen wollen, ihren Balkon oder ihr Fensterbrett nachhaltig zu begärtnern?

Ich will die Leute dort abholen, wo sie gerade stehen. Meine Tipps sind alle sehr niedrigschwellig. Es ist schon ein guter Anfang, wenn man mit Radieschen, Erdbeeren oder Pflücksalat im Blumenkasten anfängt und heimische Wildpflanzen pflanzt, die unsere Insekten fördern. Als Wildblume empfehle ich, Glockenblumen in all ihren unterschiedlichen Formen auszusäen oder zu pflanzen. Sie ziehen spezielle Wildbienen an. Grundsätzlich ist es für ein erfolgreiches insektenfreundliches Balkon-Gärtnern wichtig, große Balkonkästen zu nutzen, so groß, wie es der Balkon oder das Fensterbrett zulässt. Ich bin auch Fan von Balkonkästen mit Wasserspeichern, damit hat man weniger Gießarbeit. 

Und für Fortgeschrittene Balkon-Gärtner?

Für ein wenig Fortgeschrittene empfehle ich, Vögeln Sitzhilfen anzubieten durch hoch- oder herausstehende Äste. Auf jeden artenreichen Balkon gehören auch ein echter Baum oder Sträucher wie Aroniabeere oder Felsenbirne. Die Sträucher kommen gut im Kübel zurecht, blühen früh im Jahr und haben Beeren, die man selber essen kann, wenn die Vögel nicht schneller sind. Ich hatte insgesamt schon 22 Vogelarten zu Besuch bei mir auf dem Balkon und an den Fenstern!

Wichtig für die Insektenvielfalt ist, dass man Kräuter und auch Gemüse ausblühen lässt – die Blüten sind wichtige Nahrungsquellen. Grünkohl zum Beispiel eignet sich super. Auf seine wunderschönen gelben Blüten fahren Mauerbienen und Hummeln ab. 

Toll sind natürlich auch Insektennisthilfen. Davon habe ich ganz viele. Im Moment habe ich dadurch 50 kleine Grabwespen bei mir auf dem Balkon. Ich biete auch Nisthilfen für Mauerbienen, die bei mir jetzt heimisch sind. Ansonsten hatte ich schon Besuch von Kohlweißlingen, Taubenschwänzchen, Tagpfauenaugen; auch Kellerasseln, Spinnen und jede Menge verschiedene Nachtfalter leben auf meinen Balkonen und Fensterbrettern. 

Würmer für den Kompost Würmer sind für einen geschlossenen Kreislauf unerlässlich  (Birgitt Schattling / privat)

Ich sitze ja hier auf einer Wurmkiste – wozu genau ist die da? 

Die ist zur Kompostierung! Ich habe durch die Wurmkiste hier in meiner Wohnung einen fast geschlossenen Kreislauf. Ich werfe unseren Bio-Müll, der entweder aus selbst angebautem Gemüse oder von Gemüse aus dem Biomarkt stammt, nie weg, sondern gebe ihn den Würmern in der Kiste zum Futtern. Die machen daraus guten Humus, mit dem ich dann wiederum meine Balkonkästen befüllen kann. Das ist ein starkes Gefühl! Und es fördert die Nachhaltigkeit, weil ich nicht die sterile, torfhaltige Erde aus dem Baumarkt kaufe. 

Wie ist die Resonanz der vielen Teilnehmenden Ihrer Bio-Balkon-Kongresse?

Viele von ihnen bestätigen, dass das Balkongärtnern für sie der Einstieg ist, sich grundsätzlich der Natur anzunähern. Sie beobachten die Natur mehr, nehmen die Wildpflanzen und -tiere in der Stadt mehr wahr und machen sich auch mehr Gedanken über die Ursachen – zum Beispiel des Insektensterbens. Viele kaufen auch durch den eigenen Einstieg ins Balkon- und Fensterbrett-Gärtnern mehr Bioprodukte. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Es wäre viel gewonnen, wenn immer mehr Menschen verstehen würden, was ein Balkon oder auch nur ein Fensterbrett wirklich leisten kann. Es gibt 58 Millionen Balkone in Deutschland im Vergleich zu nur 18 Millionen Gärten. Wenn man diese 58 Millionen begrünen könnte, wäre das enorm für die Stadtnatur, die Artenvielfalt und für das Klima. Für mich ist klar, dass das mein Weg ist. Und den gehe ich einfach weiter. Und genieße dabei den Ausblick auf meinen lebendigen Balkon.

Frau Schattling, vielen Dank für Ihre Zeit, die vielen Eindrücke und das Gespräch!

Der Balkon-Garten von Birgit Schattling

(zum Vergrößern Bilder anklicken)

Die Interview-Fragen stellte Almut Gaude.

Wir empfehlen, die Website von Birgit Schattling zu besuchen. Dort gibt es tolle Einblicke in ihre Balkon-Oase und konkrete Anleitungen zum Bio-Balkon-Gärtnern. Über die Website kann man sich auch eine Wurmkiste oder Schattlings Buch "Mein Biotop auf dem Balkon. Ernteglück und Naturerlebnis mitten in der Stadt" sowie viele weitere praktische Dinge zum Balkon-Gärtnern bestellen. Ihr nächster Online-Kongress findet im März 2022 zum Thema "Kann man Tiere pflanzen?" statt. Anmeldung ebenfalls über die Homepage.

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