Winzige Wunderwelt: die Sandlückenfauna

Sie sind so klein, dass sie nur mit dem Mikroskop zu sehen sind: die winzigsten tierischen Bewohner zwischen den Sedimentkörnern unserer Strände und Meeresböden.

Winzige Wunderwelt: die Sandlückenfauna

Sandlückenfauna Watt Jede Handvoll Wattboden oder feuchter Küstensand enthält eine faszinierende Lebensgemeinschaft aus Hunderttausenden bis Millionen der kleinsten Tiere.  (Martin Helmkampf)

Sandige Strände und Wattflächen der Nord- und Ostsee erscheinen auf den ersten Blick nur dünn besiedelt. Meist im Sediment verborgen, zeigen sich viele Bewohner erst auf den zweiten Blick, darunter Herzmuscheln, Strandkrabben und Wattwürmer. 

Doch auch dieser Schein trügt, denn der wahre Artenreichtum dieses Lebensraums offenbart sich erst unter dem Mikroskop. Jede Handvoll Wattboden oder feuchter Küstensand enthält eine faszinierende Lebensgemeinschaft aus Hunderttausenden bis Millionen der kleinsten Tiere, die der Wissenschaft bekannt sind.

Was lebt da in den Sandlücken?

Diese sogenannte Sandlückenfauna lebt in den Räumen zwischen den Sedimentkörnern, die mit Wasser, Luft und organischem Material gefüllt sind. Aufgrund der räumlichen Enge haben sich hier Tiere entwickelt, die nur wenige Hundert Mikrometer bis zu einem Millimeter messen, eine Größenklasse, die auch als „Meiofauna“ bezeichnet wird. 

Viele dieser Organismen sind damit kleiner als manche Einzeller. Besonders zahl- und artenreich in marinen Küstensedimenten vertreten sind Fadenwürmer (Nematoden), Plattwürmer (z.B. Turbellarien) und Krebstierchen (z.B. Copepoden und Ostracoden). Auch mikroskopische Muscheln, Schnecken, Gliederwürmer (Annelida), Rädertierchen (Rotifera) und Bärtierchen (Tardigrada) sind charakteristische Bewohner des Sandlückensystems. 

Manche Tierstämme – Großgruppen des Tierreichs, die sich grundlegend in ihrem Bauplan voneinander unterscheiden – sind sogar überhaupt nur oder überwiegend aus diesem Lebensraum bekannt, z.B. die erst im 20. Jahrhundert entdeckten Bauchhärlinge (Gastrotricha) und Korsetttierchen (Loricifera)., Der Artenreichtum der Sandlückenfauna kann daher als ähnlich unerforscht gelten wie jener der tropischen Regenwälder und der Tiefsee. Auch heute noch werden regelmäßig neue im Sand lebende Arten und Gruppen wissenschaftlich beschrieben.

Überleben in einem extremen Lebensraum

Sanflückenfauna Zwischen den Sedimentkörnern haben sich aufgrund der räumlichen Enge kleine Tiere entwickelt, die nur wenige Hundert Mikrometer bis zu einem Millimeter messen.  (NNehring / iStock.com)

Als Lebensraum ist das Sandlückensystem durch Dynamik und extreme Bedingungen gekennzeichnet. Wind, Wellen und Strömungen halten die Sedimentoberfläche ständig in Bewegung, während Wetter und Gezeiten zu extremen Schwankungen in Temperatur, Wasser- und Salzgehalt führen können. Auch der Sauerstoffgehalt, der im Allgemeinen mit der Tiefe des Sediments abnimmt und starke Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Artengemeinschaft hat, kann Schwankungen unterworfen sein. 

Doch die Bewohner des Sandlückensystems haben sich im Laufe der Evolution an diese Herausforderungen angepasst. Ihre geringe Körpergröße und eine häufig wurmförmige oder abgeplattete Gestalt ermöglicht es ihnen, die winzigen Räume zwischen den Sedimentkörnern optimal zu nutzen. Haft- und Klammerorgane verhindern ein Verdriften, während dicke Körperwände, winzige Stacheln oder elastische Polster Schutz vor mechanischen Belastungen bieten. 

Viele Vertreter der Meiofauna nutzen das reichhaltige Angebot von Kieselalgen und Bakterien in marinen Sedimenten als Nahrung. Andere filtern organische Partikel aus dem Wasser oder leben von Detritus, abgestorbenem tierischen oder pflanzlichen Material. Manche  machen auch Jagd auf Einzeller oder andere Meiofauna. 

Umgekehrt stellen die mikroskopischen Tiere selbst eine wichtige Nahrungsquelle für größere Meeresbewohner wie Muscheln, Krebse, Würmer und Fische dar. Ohne sie würde außerdem absinkendes organisches Material nicht vollständig abgebaut – und der Meeresboden sowie unsere Strände würden darin ersticken.

Überdüngung und Abbau von Rohstoffen gefährden die Kleinstlebewesen

Sandlückenfauna Die erst im 20. Jahrhundert entdeckten Bauchhärlinge sind nur oder überwiegend aus dem Sandlückensystem bekannt.  (NNehring / iStock.com)

Genau dies geschieht leider immer häufiger, denn die deutschen Küstengewässer sind stark überdüngt. Weil zu viele Nährstoffe aus der Landwirtschaft in unsere Meere gelangen, kommt es regelmäßig zu Algenblüten. Der Abbau der abgestorbenen Algenmassen am Meeresgrund durch Bakterien kann so viel Sauerstoff beanspruchen, dass auf Sauerstoff angewiesene Lebewesen nicht überleben können. 

Um die Gesundheit des artenreichen und ökologisch wichtigen  Meeresbodens zu erhalten, setzt sich der BUND deshalb für eine starke Reduktion des Eintrags von Nährstoffen, Schadstoffen und Müll in unsere Meere ein. 

Eine weitere Gefahr für die Lebensgemeinschaften des Meeresgrundes stellt der Abbau von Sand und Kies dar, ein weltweit begehrter Rohstoff unter anderem für die Zementproduktion. Das Abtragen von Sandbänken und des Meeresbodens bis in mehrere Meter Tiefe kommt einer Totalzerstörung dieser Habitate gleich. Dennoch wird es auch in Meeresschutzgebieten immer wieder genehmigt! Der BUND fordert daher einen konsequenten Schutz dieser Gebiete sowie die Einrichtung von Zonen, in denen der Abbau von Rohstoffen ausgeschlossen ist.

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