Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der hier beschriebenen Verwendung von Cookies durch den BUND einverstanden. An dieser Stelle können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen bzw. eine erteilte Einwilligung widerrufen. Der Einsatz von Cookies erfolgt, um Ihre Nutzung unserer Webseiten zu analysieren und unser Angebot zu personalisieren.

OK

Porträt des Auenprojekts der Familie Gernecke

Die Familie Gernecke betreibt Landwirtschaft in der Hohen Garbe.

Wilhelm Gernecke. Foto: Lars Fischer Für den erfahrenen Landwirt Wilhelm Gernecke ist jeder Verlust von landwirtschaftlichen Flächen problematisch.  (Lars Fischer)

"Das Problem ist der Flächenverlust" 

Groß Garz: Die Gerneckes sind Landwirte in Groß Garz. Tierhaltung, Grünlandwirtschaft und Ackerbau sind die drei Pfeiler auf denen die Landwirtschaft der Familie ruht. Auch in der Hohen Garbe, etwa zehn Kilometer von Groß Garz entfernt, bewirtschaften sie sowohl Pachtflächen als auch Eigentum.

Friedrich-Wilhelm Gernecke und seine Frau sind so genannte Wiedereinrichter. Kurz nach der Wende löste Herr Gernecke die knapp 50 Hektar, die sein Vater zu DDR-Zeiten in die örtliche LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) eingebracht hatte, wieder aus der Genossenschaft heraus und baute zusammen mit dem Land seiner Frau Schritt für Schritt zwei Landwirtschaftbetriebe auf, einen für Grünlandwirtschaft und einen für Ackerbau. Während seine Frau sich voll und ganz um den Betrieb kümmerte, blieb er Landwirt im Nebenerwerb und arbeitete in der Flurordnung.

Heute leiten Tochter und Sohn der Gerneckes den Grünlandbetrieb, in dem die Eltern aber immer noch mitarbeiten. Die Tochter hat Ökolandbau und Vermarktung studiert; der Sohn ist KFZ-Elektriker und Meister. Hauptproduktionsrichtung des Grünlandbetriebes ist die Mutterkuhhaltung mit Ochsen- und Färsenmast. Der Ackerbaubetrieb, den Gernecke Senior führt, besteht daneben als ein separater Ökobetrieb. Hier werden für die Masttiere Kleegras als Teil des Grundfutters und Getreide für das benötigte Kraftfutter produziert.

Kuhhaltung im Schutzgebiet

Mutterkuhherde. Foto: Lars Fischer Der Grünlandbetrieb hält Mutterkuhherden auf der Hohen Garbe.  (Lars Fischer)

Der Grünlandbetrieb mit den 120 Mutterkühen wirtschaftet ausschließlich im Naturschutzgebiet der Hohen Garbe. Hier gelten Bewirtschaftungskriterien, die dem Ökolandbau sehr nahe kommen: unter anderem späte Mahd, keine Düngung, keine Pflanzenschutzmittel, mechanische Bodenbearbeitung nur bis März des Jahres.

Da im Land Sachsen-Anhalt eine gesonderte Förderung des ökologischen Landbaus in Naturschutzgebieten nicht möglich ist, haben Gerneckes auf eine Anmeldung als Ökobetrieb verzichtet. Der Betrieb orientiert sich freiwillig am Naturschutz, hält die Richtlinien des Verbandes Biopark ein und nutzt die Möglichkeiten des Vertragsnaturschutzes.

Die Arbeit in der Hohen Garbe beschreiben die Landwirte als sehr aufwendig: Die Wiesen und Weiden liegen in unwegsamem Gelände und seien zur Mahd und zur Pflege mit schwerer landwirtschaftlicher Technik kaum zu erreichen. Die Wege seien oft zu feucht und nicht befahrbar. Der alte Deich, den sie noch bis 2002 befahren konnten, sei seit dem Jahrhunderthochwasser an einigen Stellen gebrochen und weggerissen. Die Rinderherden müssten daher häufig "zu Fuß" umgetrieben werden. Die für die Mutterkuhhaltung nötigen Elekto-Weidezäune würden jedes Jahr im Frühjahr auf- und im Herbst wieder abgebaut. Die alten, noch aus DDR-Zeiten stammenden und fest aufgebauten Stacheldrahtzäune würden die Arbeit auch nicht erleichtern, da sie ständig einwüchsen. Bereits bei einem Wasserstand von 4,00 m am Pegel Wittenberge müssten alle Herden aus diesem Gebiet abgetrieben werden. Früher, als der alte Sommerdeich noch intakt war, habe man erst später reagieren müssen. Hinzu komme, dass im Gebiet der Hohen Garbe die Eichen vom Eichenprozessionsspinner befallen sind; ein Arbeiten am Waldsaum ohne ausreichenden Schutz sei wegen des Juckreizes unerträglich.

Auch der bürokratische Aufwand, um die EU-Agrarförderung für die Flächen zu bekommen, ist aus Sicht der Gerneckes hoch. Oft würden ihnen die gemeldeten Flächendaten nicht geglaubt oder es würde bemängelt, dass nicht korrekt ausgemessen worden sei. Aber wie solle genau gemessen werden, wenn hier mal Wasser steht und dort die Verbuschung zunimmt? Und im Naturschutzgebiet sei das Schneiden von Hecken ohne Genehmigung verboten. Mit den neuen EU-Vorgaben für die Landwirtschaft werde alles noch komplizierter und bürokratischer. Hecken, Blühstreifen, Waldsäume, Einzelbäume; alles werde flächenmäßig erfasst und dann unter dem Stichwort "Greening" in die Flächenprämie einbezogen. Das helfe dem Boden und seiner Fruchtbarkeit aber auch nicht weiter, bemerkt Herr Gernecke am Rande.

Tauschen: ja, Verkaufen: nein

In der Hohen Garbe sind Gerneckes Eigentümer und Pächter und von den Plänen zur naturnahen Entwicklung der Aue direkt betroffen. Unterm Strich sind es 50 Hektar, die im Rahmen des Bodenordnungsverfahrens zu tauschen sind oder für die es einen Ausgleich geben muss. Angesichts der mühsamen Bewirtschaftung der Auenflächen würden sich Gerneckes aus der Nutzung der Hohen Garbe auch gern zurückziehen, wenn ihnen geeignete Alternativen angeboten werden. Die eigenen Flächen zu verkaufen, würde den Betrieb gefährden, da man nicht einfach neue Flächen kaufen bzw. pachten kann.

Die Situation ist nicht einfach. Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche werde in Deutschland immer geringer, auch hier in der Region. "Jeder weitere Flächenverlust ist problematisch, ob bei uns oder bei anderen Landwirten", betont Friedrich-Wilhelm Gernecke, der als Vorsitzender der Eigentümergemeinschaft eng in die Flurneuordnung in der Hohen Garbe eingebunden ist. Wie das Verfahren im Einzelnen ausgeht, werde sich zeigen. Dass die Landwirtschaft verlieren wird, steht für Gernecke fest, denn unterm Strich bleibe eine Einbuße an landwirtschaftlicher Fläche.

Wie wird es werden?

Aber was passiert mit den Flächen in der Hohen Garbe, wenn der Naturschutz erst vollends die Hand drauf habe und sie aus der Nutzung nehme? Für Gernecke liegt die Antwort auf der Hand: "Da die Eichen, ob groß oder klein, alle umfallen und es kaum Naturverjüngung gibt, werden sich vor allem Sträucher ansiedeln, Schlehe und Faulbaum." Vieles wird einfach verbuschen. Und die Kernzone, die nur ausgewiesen wird, weil nun mal drei Prozent des Biosphärenreservates ohne Nutzung sein sollen, werde die Artenvielfalt nicht erhöhen. Nein, sie werde rückwärts gehen, da ist sich Gernecke sicher. "Der Mink im Schilf, der Marderhund am Boden und der Waschbär in den Bäumen werden regieren, werden die Nester der Vögel plündern."

Und die derzeitigen Löcher im alten Elbdeich reichen seiner Ansicht nach bereits aus, um die Hohe Garbe wieder öfter zu fluten. Auch der Abfluss durch die Betonröhren unter dem Weg vom Alandswerder sei ausreichend, findet Gernecke. Der alte Elbdeich habe früher bis zu einem Hochwasserpegel bei Wittenberge von 6,20 m das Wasser von einem Großteil der Hohen Garbe abgehalten. Heute laufe es eben schon bei knapp über 4,00 m in die gesamte Hohe Garbe ein. Gebrochen sei der Deich im Sommer 2002, weil ein Jäger das kleine Wehr beim Kälberwerder im Sommerdeich geschlossen habe, um trotz des Hochwassers das Rehwild zu halten. So habe das Wasser nicht rechtzeitig einströmen können, der Druck auf den Deich sei dann in der Nähe der Steinfurt am Bullenwerder, wo die Elbe auf die Hohe Garbe zuströmt, zu groß geworden und der Deich gebrochen, erinnert sich Gernecke. Damit sei dann das alte, noch zu Gutsherrenzeiten eingerichtete Flutungssystem für die Hohe Garbe völlig kaputt gewesen. Bis 1960 habe es mit einer Einlassschleuse bei Pollitz, einem Winterdeich, der ungefähr dort verlief, wo heute der Hochwasserdeich steht, und einem großen Auslassbauwerk am Alandswerder, von dem heute nur noch eine Ruine zu sehen ist, für die wichtigen Nährstoffeinträge in den Wiesen gesorgt. Kunstdünger war damals eben Luxus.

Am liebsten sähe Gernecke den alten Deich wieder hergerichtet; dann könnten die Rinder dahinter länger fressen, wenn Hochwasser droht. Aber um den kümmere sich keiner mehr, der sei vom Hochwasserschutz aufgegeben worden. 

BUND-Newsletter abonnieren!

Die Hinweise zum Datenschutz habe ich zur Kenntnis genommen.

Projektleitung

Meike Kleinwächter

Meike Kleinwächter

BUND-Auenzentrum / Trägerverbund Burg Lenzen e.V.
E-Mail schreiben Tel.: (03 87 92) 50 78-201

Pressekontakt überregionale Medien

Katrin Evers

Katrin Evers

Bundesgeschäftsstelle des BUND
E-Mail schreiben Tel.: (030) 2 75 86-535

Pressekontakt regionale Medien

Bettina Kühnast

BUND-Auenzentrum / Trägerverbund Burg Lenzen e.V.
E-Mail schreiben Tel.: (03 87 92) 50 78-104

BUND-Bestellkorb