Keine Laufzeitverlängerung für AKW in Deutschland

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine stellt Deutschland vor große Herausforderungen bei der Energieversorgung. Auf einmal wird debattiert, die Laufzeiten von Atomkraftwerken zu verlängern. Egal ob „Streckbetrieb oder mehrjähriger Weiterbetrieb der AKW: Der BUND lehnt eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke entschieden ab. Hier erläutern wir die Gründe.

Atomkraft Abschalten Grafik Atomkraft Abschalten  (Projektoren / BUND)

In Deutschland haben derzeit drei AKW eine Betriebsgenehmigung bis Ende 2022. Ihr Anteil an der Stromversorgung beträgt lediglich sechs Prozent. Erneuerbare Energien hatten im ersten Halbjahr 2022 einen Anteil von 51,6 Prozent (Netto) im Strommix und sind somit die wichtigsten Stromlieferanten in Deutschland.

Aus der Debatte um Gasengpässe und kalte Wohnungen ist ein Szenario um einen drohenden Stromengpass geworden, in dessen Folge der Weiterbetrieb der verbliebenen Atomkraftwerke (AKW) debattiert wird. Egal ob „Streckbetrieb oder mehrjähriger Weiterbetrieb der AKW: Der BUND lehnt eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke auf Grund der massiven Sicherheitsrisiken entschieden ab.

Gründe gegen eine Laufzeitverlängerung

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„Streckbetrieb“: Tor zum Wiedereinstieg

Zurzeit wird als mögliche Option für ein Weiterlaufen der deutschen AKW der sogenannte „Streckbetrieb“ diskutiert: Beim  Streckbetrieb wird die Einsatzdauer der Brennstäbe im Reaktor um einige Monate verlängert, indem die Leistung des Reaktors sukzessive bis auf etwa 60 Prozent reduziert wird. Der Reaktor produziert auf diese Weise nicht mehr Strom, sondern einfach nur länger. Bei steigenden Strompreisen bringt das den Betreibern höhere Gewinne. Oftmals fahren die Betreiber ihrer Reaktoren am Ende der Betriebsdauer ohnehin im Streckbetrieb. RWE hat für das AKW Emsland bereits angekündigt, dass ein Streckbetrieb über den gesetzlichen Abschalttermin hinaus nicht möglich ist. Der Streckbetrieb lohnt sich lediglich zur Gewinnmaximierung und verlängert ansonsten die Risiken, die mit dem Betrieb der Atomkraftwerke einhergehen. Auch eine kurze Laufzeitverlängerung erfordert die Änderung des Atomgesetzes, das eigentlich ein Ausstiegsgesetz ist. Der Streckbetrieb ist daher das politische und juristische Einfallstor für weitere Laufzeitverlängerungen.  
 

Periodische Sicherheitsüberprüfung (PSÜ): Herzstück der Sicherheitsphilosophie

Atomkraftwerke müssen nach deutschem und auch europäischem -Recht alle zehn Jahre eine sogenannte Periodische Sicherheitsüberprüfung durchlaufen. Die PSÜ ist eine umfängliche über mehrere Jahre dauernde Prüfung. Sie hat die Aufgabe, die Anlage mit Methoden, die über die regelmäßige Überwachung hinausgehen, zu untersuchen. So sollen Sicherheitsdefizite aufgedeckt und beseitigt werden. Die drei deutschen AKW Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland hatten ihre letzte PSÜ vor 13 Jahren nach einem Regelwerk aus den frühen 1980er Jahren. Die deutschen AKW hinken dem Stand von Wissenschaft und Technik Jahrzehnte hinterher. Mit Blick auf den nahenden Abschalttermin wurde die seit 2019 fällige Prüfung ausgesetzt. . Der Verzicht auf die PSÜ ist bereits jetzt ein eklatanter Bruch mit der deutschen und der europäischen Sicherheitsphilosophie. Eine weitere Ausdehnung der Sonderregelung ist ebenso verantwortungslos wie unzulässig.

Ausschlaggebend für den monatelangen Ausfall der halben Reaktorflotte in Frankreich sind maßgeblich Korrosionsschäden, die erst im Rahmen einer PSÜ an einem der Reaktoren aufgefallen sind. In der Folge wurde der Schaden auch an weiteren AKW festgestellt. Die Korrosion in den Rohrleitungen können im schlimmsten Fall zur Kernschmelze führen. Die PSÜ hat in Frankreich somit vielleicht einen Supergau verhindert. 

Hochrisikotechnik: Sicher bis zum Supergau

„Sicher“ bedeutet bei einer Hochrisikotechnik immer nur, dass eine Gesellschaft die mit dem Betrieb der Technik verbundenen Risiken akzeptiert. Deutschland hat 2011 in einem breiten gesellschaftlichen Konsens entschieden, die unkalkulierbaren Risiken der Atomkraftnutzung nicht mehr hinzunehmen. Der sukzessive Ausstieg mit dem gesetzlichen Abschalttermin für die letzten drei AKW Ende 2022 war ein politischer Kompromiss. Seitdem ist das Risiko sogar gestiegen, denn die Meiler sind mittlerweile 33 und 34 Jahre alt. Sie haben damit ein Alter erreicht, in dem das Störfallrisiko  deutlich steigt.

Allein in den vergangenen fünf Jahren hat es über 40 meldepflichtige Ereignisse in den noch laufenden deutschen AKW gegeben. Außerdem wurden mit Blick auf den Atomausstieg nicht nur Sicherheitsüberprüfungen ausgelassen, sondern auch kostenintensive sicherheitstechnische Nachrüstungen. In den AKW Neckarwestheim 2 und Emsland wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Risse in den Heizrohren der Dampferzeuger festgestellt. In Neckarwestheim 2 sind das mittlerweile mehr als 350 Rissen entdeckt worden. Bei Isar 2 sind entsprechende Prüfungen nicht erfolgt, daher ist nicht bekannt, ob dort ebenfalls Risse vorliegen, es ist aber wahrscheinlich. Der Schaden ist sicherheitsrelevant und kann bei Rohrabriss eine Kernschmelze verursachen.

Laufzeitverlängerungen helfen in diesem Winter nicht

Für den langfristigen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke sind neue Brennelemente notwendig. Expert*innen gehen davon aus, dass für eine Beschaffung der Brennelemente ab Bestellung mindestens zwölf bis 15 Monate benötigt werden. Zusätzliche Strommengen wären also erst im übernächsten Winter möglich und dann gleich für mehrere Jahre, denn sonst würde sich die Neubeladung nicht rechnen. Die jetzt schon alten Meiler benötigen neben der PSÜ auch umfangreiche Nachrüstungen. Insgesamt würden Laufzeitverlängerungen Investitionen in mehrstelliger Millionenhöhe erfordern.

Noch mehr Atomkraft, noch mehr Krise

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA befürchtet aufgrund der ukrainischen AKW im Kriegsgebiet eine Atomkatastrophe in Europa. Es ist absurd, dass wir in Deutschland gleichzeitig über einen Weiterbetrieb der hiesigen AKW diskutieren. Auch Deutschland ist nicht sicher vor Terror und Krieg – je schneller wir das Gefährdungspotenzial durch AKW ausräumen, desto besser. 

Dieser Sommer hat sehr deutlich gezeigt, dass AKW den mit der Klimakatastrophe einhergehenden klimatischen Veränderungen nicht gewachsen sind. Vielfach müssen Reaktoren abgeschaltet werden, weil in der Hitzeperiode, Flüsse überhitzen oder zu wenig Wasser fahren für die Kühlung der AKW. Energiesicherheit funktioniert nicht mit Atomkraftwerken.

Energieversorgung: AKW sind kein Gasersatz

Mit einem Anteil von etwa sechs Prozent im Strommix und nur einem Prozent am Endenergieverbrauch, spielen die deutschen AKW keine wesentliche Rolle für die Energieversorgung. Gaskraftwerke können sie ohnehin nicht ersetzen. Denn weit über 80 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs wird nicht für Strom, sondern die Erzeugung von Wärme für Gebäude oder für Industrieprozesse benötigt. Und mehr noch: Gaskraftwerke sind häufig Kombi-Kraftwerke. Das heißt, sie haben – anders als AKW – eine Kraft-Wärme-Kopplung und erzeugen Strom und Wärme gleichzeitig. Dadurch steigern sie ihren Effizienzgrad. Gaskraftwerke haben bei der Stromerzeugung außerdem die Funktion, Leistungsschwankungen bei den Erneuerbaren auszugleichen. Atomkraftwerke dagegen funktionieren nach dem Grundlastprinzip und können nicht flexibel und bedarfsgerecht gesteuert werden, um Spitzenlasten oder Schwankungen auszugleichen. Auch das Wirtschaftsministerium räumt im Juli 2022 ein, dass das Einsparungspotenzial für Erdgas durch Atomstrom lediglich bei 0,5 bis 0,7 Prozent liegt.

Energieunabhängigkeit von Russland: Nicht mit Atomkraft

Laut Aussagen von Preussen-Elektra stammt der Großteil des Urans, mit dem das AKW Isar 2 betrieben wird aus Russland und Kasachstan. Isar 2 ist keine Ausnahme. Die EU deckt etwa 20 Prozent ihres Bedarfs an Natururan mit Lieferungen aus Russland. Weitere 20 Prozent stammen von Russlands Verbündeten Kasachstan. Darüber bezieht die EU 26 Prozent des bereits angereicherten Urans ebenfalls aus Russland. Der russische Staatskonzern Rosatom ist ein zentraler Player entlang der gesamten nuklearen Produktionskette. Atomkraft würde die Abhängigkeit von autoritären Staaten weiter steigern, statt Energieunabhängigkeit zu fördern.

In den vergangenen Jahren hat Putin seinen Einfluss im Atombereich weltweit erfolgreich ausgebaut. Dass die EU ebenso wie die USA im Nuklearsektor bislang keine Sanktionen gegen Russland verhängt hat, liegt nicht an der Bedeutungslosigkeit sondern an der großen Abhängigkeit. Russland hat die Atomindustrie fest im Griff. Seit Kriegsbeginn sind mindestens drei Brennelemente-Lieferungen – per Flugzeug – zu europäischen AKW erfolgt. Insgesamt sind 18 europäische Reaktoren vollständig von russischen Brennelementen abhängig.

Laufzeitverlängerungen: Rückschlag für die Energiewende

Atomkraftwerke können nicht bedarfsgerecht und flexibel gesteuert werden. Ein effizientes Zusammenspiel mit erneuerbaren Energiequellen ist daher nicht möglich. Im Gegenteil: Atomstrom und Ökostrom konkurrieren im Stromnetz. Dies kommt dann zum Tragen, wenn Erneuerbare viel Strom produzieren und ins Netz einspeisen könnten. Sie werden dann jedoch oftmals abgeregelt, damit die Netze nicht überlastet werden. Atomstrom verdrängt somit Ökostrom aus dem Netz. Auf diese Weise ist bereits jede Menge Ökostrom verschwendet worden. Und mehr noch: Der Ausbau der Erneuerbaren wurde durch den Betrieb von AKW blockiert und gedeckelt. Laufzeitverlängerungen würden die Umstellung auf Erneuerbare Energien und ein flexibles Netzmanagement weiter behindern und wären daher ein massiver Rückschlag für die Energiewende.

Atommüll-Lager-Suche scheitert

Der Atomausstieg ist die Grundlage des laufenden Suchverfahrens für eine dauerhafte Lagerstätte für die in Deutschland verursachten hochradioaktiven Abfälle. Das Verfahren verliert seine Glaubwürdigkeit und die Akzeptanz in der Bevölkerung, sobald es nicht mehr dem Zweck dient, in einem gesamtgesellschaftlichen Prozess einen verantwortungsvollen Umgang mit der entstandenen atomaren Erblast zu finden, sondern neuen Atommüll zu produzieren, der nachkommende Generationen gefährdet. Mit einer Laufzeitverlängerung bzw. dem Ausstieg aus dem Atomausstieg wäre dies der Fall – das laufende Suchverfahren wäre gescheitert.
 

Kleine Geschichte der (west-)deutschen Atompolitik

Atomkraftwerk Grohnde in Niedersachsen © Thorsten Schier - Fotolia.com Atomkraftwerk Grohnde in Niedersachsen  (Thorsten Schier / fotolia.com)

Die damalige Bundesrepublik legte in den 1950er Jahren ein Atomprogramm auf – durchaus misstrauisch von Staaten wie Frankreich beobachtet, nachdem die Nationalsozialisten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs fieberhaft an der Entwicklung einer Atombombe gearbeitet hatten.

War die deutsche Energiepolitik zunächst vom Glauben an paradiesische Zustände durch Atomkraft geprägt, fand ab den 1970er Jahren unter dem Einfluss der Großdemonstrationen und verstärkt seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 teilweise ein Umdenken statt.

Die ostdeutschen Reaktoren an den Standorten Rheinsberg und Greifswald wurden im Zuge der Wiedervereinigung stillgelegt, der Bau des größten deutschen AKWs in Stendal Ende 1990 abgebrochen. Im Jahr 2002 vereinbarten die rot-grüne Bundesregierung und die Energiekonzerne den Ausstieg aus der Atomkraft. Von den westdeutschen Atomkraftwerken wurden nach dem rot-grünen Atomkonsens die beiden kleinen AKW Obrigheim (2003) und Stade (2005) vom Netz genommen.

Dieser "Atomkonsens" wurde im September 2010 von der schwarz-gelben Regierung unter Kanzlerin Merkel aufgelöst: Die Laufzeiten der einzelnen AKW wurden um acht beziehungsweise 14 Jahre (je nach Alter) verlängert. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima hat die schwarz-gelbe Regierung sieben weitere AKW, die vor 1980 gebaut wurden, und Krümmel (Baujahr 1984) im März 2011 vom Netz genommen. Die verbliebenen AKW sollen stufenweise bis Ende 2022 abgeschaltet werden. Den Anfang machte hier Ende 2017 das bayerische AKW Gundremmingen B. Ende 2019 wurde das Atomkraftwerk Philippsburg 2 abgeschaltet, Ende 2021 die AKWs Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C.

Der mögliche Endlagerstandort Schacht Konrad ist nach wie vor nicht vom Tisch, bis heute gibt es keine Lösung des Atommüllproblems.

Ihre Hilfe ist wichtig!

Seit den Gründungstagen des BUND engagieren wir uns gegen Atomkraft. Mittlerweile ist der Ausstieg beschlossen, dennoch: Immer lauter werden die Stimmen, die den Ausstieg aus dem Ausstieg fordern. Sie preisen die Atomenergie als die Rettung aus der Klimakrise. Aber wir halten dagegen. Denn mit uns gibt es keine Renaissance der Atomkraft! Auch die strahlenden Hinterlassenschaften sind ein riesen Problem. Wir alle müssen einen Ort mit der bestmöglichen Sicherheit finden – ein Weiterschieben der Verantwortung darf es nicht geben! Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende!

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Ihre Ansprechpartnerin

Angela Wolff

BUND-Expertin für Energiepolitik, Klima und Atom
E-Mail schreiben Tel.: (030) 2 75 86-562

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