Das BUNDmagazin sprach mit Imme Scholz darüber, inwiefern die internationale Zusammenarbeit mit Fragen der Gerechtigkeit und Suffizienz verbunden ist.
(Andreas Weiss
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© Rat für Nachhaltige Entwicklung)
Frau Scholz, was versteht man auf internationaler Ebene unter ökologischer Gerechtigkeit?
Scholz: Arme Länder verfügen über nur wenige Ressourcen, um etwa den Folgen des Klimawandels vorzubeugen. Wenn solche Länder unter globalen Umweltveränderungen leiden, die zu einem Großteil wir verursacht haben, dürfen wir sie bei deren Bewältigung nicht alleinlassen. Wir haben aber wenig Erfahrung, dieses Verursacherprinzip im globalen Kontext anzuwenden. Es gibt dafür keinen Gerichtshof, und schwache Länder lassen sich leicht ignorieren.
Ein anderer Aspekt ist: Wie verteilt man die Kosten der Umstellung? Will ein armes Land statt der üblichen klimaschädlichen Technologien bessere neue nutzen, so wäre es ungerecht und auch unklug, es dabei nicht zu unterstützen.
Welche Rolle spielt das Konzept der Suffizienz bei dieser Gerechtigkeitsfrage?
Scholz: Wir können uns schlecht auf dem erreichten Wohlstand ausruhen und ihn anderen mit Verweis auf die planetaren Grenzen versagen. Suffizienz ist sicher ein Teil dessen, womit sich die Industrieländer angesichts ihres enormen Umweltverbrauchs beschäftigen müssen – mit Blick auf die Privathaushalte, auf Infrastrukturen oder Geschäftsmodelle. Allerdings sind die politischen Widerstände enorm. Wir können ja in Deutschland – in einer Gesellschaft, die über politische, technische, finanzielle und Wissensressourcen verfügt, um den Wandel voranzubringen – nicht einmal sachlich über unseren Fleischkonsum sprechen. Und auf internationaler Ebene nutzt man eben seine Verhandlungsmacht, um den eigenen Beitrag möglichst klein zu halten und dem Gebot der Suffizienz auszuweichen – auf Kosten der Entwicklungsmöglichkeiten im Süden.
Suffizienz, das rechte Maß – das ist also vor allem etwas, worum sich die reichen Länder zu kümmern haben?
Scholz: Vor 20 Jahren hieß es: Ändert der Norden seine Konsum- und Produktionsmuster, ist ein großer Teil dessen erbracht, was nötig ist, um die globale Umweltbelastung zu vermindern. Ganz so pauschal können wir das heute nicht mehr sagen. Selbst wenn wir unsere Emissionen auf null stellten, wäre nur ein Teil des Problems gelöst.
Wir müssen auch definieren, welchen fairen Beitrag die Entwicklungsländer leisten können, um die planetaren Grenzen zu wahren. Gerade in großen dynamischen Entwicklungsländern ist der Umweltverbrauch stark angestiegen. China ist das Paradebeispiel. Natürlich ist hier der Verbrauch pro Kopf noch nicht so hoch wie in den USA. Doch durch die schiere Zahl seiner Bewohner liegt er – absolut gesehen – längst höher.
Sind sich die Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit heute bewusst, wie sehr unser Lebensstil die Bedingungen in vielen armen Weltregionen prägt und diktiert? Oder geht es nicht am Ende doch mehr um Deutschlands Exportbilanz als um globalen Umweltschutz und Fragen der Gerechtigkeit?
Scholz: Wenn Sie die deutschen Außenbeziehungen betrachten, werden Sie ganz viele Inkonsistenzen feststellen. Das Umweltministerium hat andere Prioritäten – und vielfach die gleichen wie das Entwicklungsministerium – als etwa das Wirtschaftsressort. Sie finden aber auch dort Leute, die sich für erneuerbare Energien und nachhaltige Wertschöpfung einsetzen. Unsere Situation heute ist gekennzeichnet dadurch, dass wir mitten in einem Prozess des Wandels sind und viele Auseinandersetzungen erst noch führen müssen.
Auf jeden Fall müssen wir in Deutschland klären, warum eine sozial-ökologische Transformation in unserem Interesse ist. Und wie wir unsere wirtschaftlichen Verflechtungen mit den Entwicklungsländern gestalten müssen, damit dieser Wandel auch deren Chancen erhöht. Das deutsche Gemeinwohl lässt sich nicht ohne das europäische und globale Gemeinwohl sichern.