Freiburg: Wie eine Stadt Suffizienz in den Familienalltag bringt

29. Mai 2015 | Energiewende, Mobilität, Ressourcen & Technik, Klimawandel, Nachhaltigkeit, Suffizienz

Weg vom Klimaschutz im Konjunktiv: In Freiburg will man Anreize für Nachhaltigkeit im Alltag schaffen statt mit dem Zeigefinger Lebensstile vorzuschreiben. Das ist zumindest der Anspruch, den die Stadt mit ihrem Projekt "200 Familien aktiv fürs Klima" und dem Nachfolger "Klimaklub" formuliert hat. Im Wettbewerb "Kommunaler Klimaschutz" des Bundesumweltministeriums wurde das 200-Familien-Projekt 2013 als vorbildliches Mitmach-Projekt ausgezeichnet.

Projekt "200 Familien aktiv fürs Klima"

Von Jan Korte

Aus interessierten Freiburger  Haus- und Wohngemeinschaften, Singles und Paaren, mit und ohne Kinder, wurden im Jahr 2011 203 Familien zur Teilnahme an dem  Projekt "200 Familien aktiv fürs Klima" eingeladen. Ziel der Klimafamilien: In einem einjährigen Experiment herauszufinden, welche Handlungsmöglichkeiten für einen ressourcenleichten Alltag und die Änderung von Konsumgewohnheiten bestehen.

Schluss mit dem Philosophieren!

"Sind wir wirklich so grün, wie wir es sagen?" – diese Frage ist gerade in einer für seine vermeintlich ökologisch sensible Bürgerschaft bekannte Kommune wie Freiburg äußerst spannend. Denn über Energiesparen,  regionale Lebensmittel, Müllvermeidung und nachhaltiges Mobilitätsverhalten theoretisch zu philosophieren ist die eine Sache; wirklich suffizient zu handeln aber eine ganz andere. Schließlich sind es laut einer Untersuchung des Umweltbundesamts aus dem Jahr 2012 gerade die Bevölkerungsschichten mit dem größten Umweltbewusstsein, die den größten ökologischen Fußabdruck hinterließen.

In den Freiburger Experimenten ist Schluss mit dem "Man müsste doch, man sollte mal...". Die gemeinsame Lernreise, auf die man sich zusammen mit Familien aus der französischen Partnerstadt Besançon  begeben hat, dreht nämlich den Spieß um. Die Teilnehmenden werden gefragt, in welchen Bereichen des Alltagslebens sie  ganz persönlich Möglichkeiten zur Verhaltensänderung sehen.

Tagebücher, leere Müllsäcke, Stromfresser-Jagd: Spielerisch zum Guten Leben?

Die Stadtverwaltung unterstützte die Familien mit individuellen Energiesparberatungen, mit insgesamt 47 Veranstaltungen und Vorträgen, speziellen Thementagen für Kinder und Jugendliche von beiden Seiten des Rheins und einem Projekttagebuch.

Beispiel  für ein konkretes Experiment ist die "50-km-Diät". Über ein bis zwei Wochen versuchten zehn Familien, sich ausschließlich von Produkten aus einem Radius von 50 Kilometern zu ernähren – auch im Winter. Im vierwöchigen Experiment "Leerer Müllsack" probierten sechs Familien, Plastikmüll zu vermeiden und so den gelben Sack fast oder ganz leer zu bekommen. Gemeinsam haben die teilnehmenden Familien ausgetauscht, wie man z.B. Waschmittel nachfüllen kann, ohne neue Verpackungen zu verbrauchen. Herausgekommen ist eine Liste von Produkten ohne Verpackungsmüll.

Mit der "Stromfresser-Jagd" und dem System des "Taschengeld-Contracting" bekamen Kinder von ihren Eltern zusätzliches Taschengeld, wenn sie zuvor zu Hause für Stromsparmaßnahmen gesorgt hatten. Ob ein „Ködern“ und monetäres Belohnen allerdings langfristig zu umweltfreundlicherem Handeln führt, ist umstritten. Der US-amerikanische Philosoph Michael Sandel kritisiert  in seinem Buch "Was man für Geld nicht kaufen kann", dass die ökonomischen Prinzipien des Marktes in alle Aspekte menschlicher Beziehungen eingesickert seien und diese Entwicklung mitverantwortlich sei für Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit und unmoralisches Verhalten vieler Menschen.

Zusammen ist man weniger allein

Nachahmenswert macht das Projekt der Gemeinschaftsgedanke. Zusammen schafft man mehr. In keinem der Experimente ging es darum, perfekt zu sein. Vielmehr standen der Erkenntnisgewinn, das Ausschöpfen ungenutzter Möglichkeiten, die gemeinsamen Zielsetzungen für alle großen und kleinen Familienmitglieder und das auch grenzüberschreitende Lernen voneinander im Mittelpunkt. Die Absage an etwaige ökologische Absolutheitsansprüche hat auch dazu geführt, dass alle Familien bis zum Schluss dem Projekt treu geblieben sind. Einige Freiburgerinnen üben aber Kritik am 110.000 Euro teuren Projekt, das zur Hälfte von der Stadt und zur Hälfte vom Innovationsfonds des Energieunternehmens Badenova finanziert wurde. "Da werde Geld verplempert, um Aktionen mit einigen wenigen Familien zu veranstalten, die sowieso schon an Umweltschutz interessiert und entsprechend aktiv seien", ist in der Badischen Zeitung zu lesen. Ein Leserbrief kritisiert, dass nur die bereits "bekehrten Ober-Ökologen aus der Oberschicht" erreicht würden. Das ist aber doch gerade das Charmante an der Freiburger Initiative: Dass sie auf Handeln statt Reden und auf ökologisch sensible Familien als Multiplikatorinnen setzt. Und gleichzeitig zeigen möchte, dass  suffiziente Lebensstile eben keine Frage des Geldbeutels sind.

Wohin führt die "sanfte Tour"?

Eine direkte Weiterführung des Projektes gibt es nicht. Allerdings setzt die Stadt Freiburg weiterhin auf die sanften Anstupser zu mehr Suffizienz. In der badischen Universitätsstadt firmieren die unter dem Label "Bildung für Nachhaltige Entwicklung". Ob "die sanfte Tour" ausreicht, um als Gesellschaft ressourcenleicht zu werden, bleibt allerdings abzuwarten. 

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