Ein Recht auf Natur – Ein Interview mit Herbert Lohner

05. März 2018 | Nachhaltigkeit, Suffizienz

Herbert Lohner ist Naturschutzexperte des Landesverbands Berlin – und Ansprechpartner des BUND zum Thema "Umweltgerechtigkeit". Was hat die mit dem Gebot der Suffizienz zu tun?

Herbert Lohner erklärt, warum sich der BUND für Umweltgerechtigkeit einsetzt.  (BUND Berlin)

Herr Lohner, zuerst einmal: Was meint Umweltgerechtigkeit? Und warum setzt sich der BUND dafür ein?

Lohner: Das ist vorrangig ein Aspekt der nachhaltigen Stadtentwicklung. Umweltgerechtigkeit verknüpft Umwelt-, Sozial- und Gesundheitspolitik. Wir unterstützen die Vision, dass jeder Mensch in der Stadt in gleicher Weise von der Natur, von sauberer Luft und wenig Lärm profitiert – unabhängig von seinem sozialen Status.

Wie könnten sich die Städte diesem Fernziel nähern?

Lohner: Zuerst brauchen wir eine Datenbasis: Wo leiden besonders viele Leute unter Lärm, schlechter Luft oder sozialer Benachteiligung? In einem zweiten Schritt müssen Fördermittel gezielt in diese Gebiete geleitet werden. Projekte für mehr Umweltgerechtigkeit können derzeit mit den Programmen "Soziale Stadt" und "Zukunft Stadtgrün" gefördert werden. Doch bislang nehmen die Kommunen diese Option kaum wahr – der Begriff Umweltgerechtigkeit ist einfach noch zu unbekannt.

Warum ist der Baustein Suffizienz hier bedeutsam?

Lohner: Zum einen gibt es Hinweise, dass in Gesellschaften, die sehr ungleich, sehr hierarchisch strukturiert sind, der Ressourcenverbrauch insgesamt höher ist als in Gesellschaften, die sozial relativ homogen sind. Vor allem aber glaube ich, dass in einer Gesellschaft, wo alle das Gefühl gleicher Chancen und Lebensbedingungen für sich und ihre Kinder haben, das Leitbild der Suffizienz auf viel fruchtbareren Boden fällt. Wer in seiner Nachbarschaft Menschen erlebt, die offen­kundig materiell viel besser gestellt sind, dürfte weniger bereit dazu sein, selbst einen Anfang zu machen und seinen Lebensstil suffizienter zu ge­stalten.

In Berlin hat kürzlich ein Volksentscheid zum Flughafen Tegel für Schlagzeilen gesorgt. In der Einflugschneise haben die am meisten vom Lärm geplagten mehrheitlich für den Verbleib des Flughafens gestimmt, wohl aus Angst, sie könnten verdrängt werden, wenn nach der geplanten Schließung die Mieten steigen.

Lohner: Das kann ich den Menschen nicht verdenken. Daraus folgt: Das Konzept der Umweltge­rechtigkeit muss eng verknüpft sein mit einer sozialen Stadtentwicklung.

Hat Umweltgerechtigkeit eine globale Perspektive?

Lohner: Sicher. So hat der BUND das in Berlin entwickelte Konzept u.a. mit den Stadtverwaltungen von Peking und Mexico-City diskutiert – und dabei viel Offenheit und Interesse erlebt. Zudem betrachtet auch unser Netzwerk "Friends of the Earth" weltweit Städte auf den Aspekt "environmental justice" hin.

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