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"Die IAA ist eine Mogelpackung"

31. August 2021 | Mobilität

Die IAA ist eine Mogelpackung, meint der BUND-Mobilitätsexperte Jens Hilgenberg. Im Interview erklärt er, wie die Mobilität von morgen aussehen wird und warum der Protest gegen die IAA so wichtig ist.

Flaniermeile mitten in Paris: So soll der bislang achtspurige Champs-Élysées in Zukunft aussehen.  (pca-stream)

Beim BUND arbeiten zahlreiche Expert*innen rund um die Themen Klima-, Umwelt-, und Naturschutz. Oftmals ist die Arbeit komplex und schwer nachzuvollziehen. In diesem Interviewformat fühlen wir den Fachreferent*innen auf den Zahn und stellen Ihnen auch die Fragen, die unsere Community brennend interessieren. In unserer ersten Ausgabe sprechen wir mit dem BUND-Mobilitätsexperten Jens Hilgenberg über die Zukunft der Mobilität und natürlich die anstehende IAA.

BUND-Redaktion: Hallo Jens bist du heute mit dem Auto zur Arbeit gefahren?

Jens Hilgenberg: (lacht) Natürlich nicht! Mein Arbeitsweg ist eine Mischung aus S-Bahn und Bus und den Rest gehe ich zu Fuß. Das letzte Mal bin ich Auto gefahren, als ich zu Besuch bei meinen Eltern in Nordhessen war.

In der Großstadt funktioniert das auch meist problemlos. Aber immer wieder heißt es, Menschen auf dem Land sind auf das Auto angewiesen. Will der BUND diesen Leuten den privaten Pkw verbieten?

Nein, natürlich nicht. Im ländlichen Raum werden motorisierte Fahrzeuge auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen, das ist uns klar. Wichtig ist allerdings, dass den Menschen ermöglicht wird, tägliche Wege auch ohne eigenes Auto zurückzulegen. Dafür muss das Angebot im öffentlichen Verkehr deutlich verbessert werden. Das heißt nicht, dass überall halb leere Linienbusse mit 50 Sitzplätzen durch die Gegend fahren. Wir brauchen neue Angebote, die Fahrten bündeln. Die Digitalisierung kann dabei helfen. Das zeigt zum Beispiel das so genannte Ride-Sharing, also gemeinsame Fahrten, die unkompliziert über eine App organisiert werden.

Können wir so wirklich alle privaten Autofahrten ersetzen?

Wir können nicht alle Fahrten mit dem eigenen Fahrzeug – und ich spreche hier bewusst nicht nur vom Auto – ersetzen. Deshalb ist es auch sehr wichtig, welche Fahrzeuge zukünftig zum Einsatz kommen. Sie sollten klein, leicht, elektrisch, energie- und ressourcensparend bei Herstellung, Betrieb und bei der Wiederverwertung der eingesetzten Rohstoffe sein. Nur so kann individuelle Mobilität, die über das Fahrrad hinausgeht, langfristig funktionieren. 

Kommen wir mal zu unserem großen Thema heute: Die Internationale Automobil-Ausstellung IAA. Die findet vom 7. bis 12. September in München statt. Der BUND ruft im Vorfeld zu friedlichen Protestaktionen auf. Was ist das große Problem an der IAA?

Wie der Name schon sagt, ist die IAA eine Automobilausstellung, veranstaltet von den einflussreichen Autolobbyist*innen des VdA, also dem Verband der Automobilindustrie. Diese stehen für all das, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Sachen Auto falsch gelaufen ist. Ihr Ziel ist es, möglichst viele neue Autos auf unsere Straßen zu bringen. Autos, die immer größer und schwerer werden, völlig übermotorisiert sind und Unmengen an Energie- und Rohstoffen verschlingen.
Politik und Autolobby haben wir es zu verdanken, dass SUVs und andere große Autos über verschiedene Töpfe mit Steuergeld subventioniert werden – und immer häufiger gekauft werden. 

Viele Subventionen sind doch heute an Bedingungen gekoppelt, also zum Beispiel an plug-in Hybride oder Autos mit Elektroantrieb.

Aber E-Autos und Plug-in-Hybride werden mit Tricks saubergerechnet, die von der Politik auf Druck der Autolobby in die Gesetze und Verordnungen geschrieben wurden. Besonders auffällig ist das bei Plug-in-Hybriden: Hier wird mit völlig alltagsfremden Messmethoden der offizielle Normverbrauch und der damit zusammenhängende CO2-Ausstoß der Autos ermittelt. Im Alltag sind diese geschönten Werte nicht zu erreichen. Die große Masse der Fahrzeuge wird mehr, oft das Vielfache, verbrauchen und ausstoßen. Ähnlich wie beim Diesel-Abgasskandal werden Verbraucher*innen hier Informationen vorenthalten. Vorteil für die Konzerne: Die Fahrzeuge gehen trotzdem mit den unrealistischen Werten in die Statistiken ein und verhindern so Strafzahlungen.

Und diese Autos werden nun auch auf der IAA beworben?

Ja, ähnlich wie diese Plug-in-Hybride ist die IAA 21 somit eine Mogelpackung. Der VdA versucht mit einer vermeintlich neuen Ausrichtung der Messe und einem neuen Standort davon abzulenken, dass die Messe nach wie vor nur ein Ziel hat: das Bewerben von Autos. Aber seit Jahren verliert die Messe an Bedeutung, immer mehr Autohersteller bleiben der IAA fern. Der Trend war schon vor der Pandemie extrem und verstärkt sich. Wir wollen mit der IAA-Demo am 11.9. in München mit breitem, buntem und friedlichen Protest klarmachen: Die Autolobby brauchen wir nicht mehr! Wir brauchen eine Mobilitätswende, welche die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen ökologisch und sozial befriedigt.

Der Protest der Umweltverbände scheint zu fruchten. Die großen Automobilkonzerne haben mittlerweile das Aus für den Verbrenner angekündigt. VW möchte ab 2035 keine Geschäfte mehr damit machen, andere Konzerne wie Daimler ziehen nach. Es scheint, als ginge die Wirtschaft entschlossener voran als die Politik. Das ist doch eine gute Nachricht oder nicht?

Grundsätzlich ist das ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass einige Konzerne schon viel weiter sind als große Teile der Politik. Doch auch diese Konzerne wollen noch immer möglichst viele neue Autos verkaufen, am liebsten solche, die möglichst hohe Gewinne abwerfen. Das sind vor allem die großen und luxuriösen Limousinen und SUVs. Es hilft der Umwelt aber nicht, wenn jetzt alle Verbrenner eins zu eins durch Autos mit Elektroantrieb ersetzt werden. 

Beim E-Auto kommt als weiteres Problem der Wettlauf um die Reichweite hinzu: Autos mit einer Batteriekapazität, die für 800 oder 1.000 Kilometer Reichweite ausreicht, sind Ressourcenfresser. Dieser Trend muss gestoppt werden. 

Der BUND fordert eine Halbierung des Autoverkehrs und Klimaneutralität im Verkehr bis 2035. Wie soll das gelingen?

Es ist völlig klar, dass wir mit Blick auf Klimakrise und Flächenversiegelung nicht einfach so weitermachen können. Immer mehr Autos, die immer weitere Strecken fahren – das funktioniert nicht. Deshalb muss die Politik attraktive Alternativen unterstützen, etwa durch den Ausbau des ÖPNV.  Außerdem müssen fehlerhafte Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte zumindest teilweise korrigiert werden. Dazu gehört, dass in vielen ländlichen Gebieten Dorfläden, lokale Arbeitsplätze und Arztpraxen verschwunden sind. Hier braucht es wieder mehr Vermischung zwischen Wohnen und Arbeiten. 

Letztlich sind für die Herausforderung der Klimaneutralität zwei Punkte entscheidend: Erstens der Umstieg auf erneuerbare Energien und zweitens, dass wir diese dann so effizient wie nur irgend möglich einsetzen. Im Bereich der Mobilität bedeutet das den weitgehenden Abschied vom ineffizienten Verbrennungsmotor.

Kommen wir zuletzt noch zu unserer Bildfrage. In unserem Nachbarland Frankreich krempelt die linke Bürgermeisterin von Paris Anne Hidalgo gerade die Verkehrspolitik um. So (siehe Bild oben) soll die bislang achtspurige Avenue des Champs-Élysées bald aussehen: Was fällt dir dazu ein?

Wenn ich ehrlich bin, sind mir auf diesem Foto noch immer zu viele klassische Autos. Bitte nicht falsch verstehen: Wir werden auch zukünftig noch Autos brauchen. Nur sollten die nicht mehr in solch großer Zahl durch unsere Innenstädte fahren. Für die Städte brauchen wir vor allem ÖPNV und Radverkehr in all ihren Spielarten, ergänzt durch elektrische Kleinfahrzeuge. ÖPNV sehe ich auf dem Bild gar nicht, ebenso wenig Lieferverkehr, beides müssen wir in den Städten angehen.

Lieber Jens, danke für das nette Gespräch und viel Erfolg bei den Protesten in München!

Sie haben Fragen zu Umwelt- und Naturschutzthemen, die wir unseren Fachreferent*innen stellen sollen? Dann schreiben Sie uns gerne an internet(at)bund.net.

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