Bioökonomie – wirklich nachhaltig oder nur eine Scheinlösung?

Die Bioökonomie soll die neue, nachhaltige Wirtschaftsform der Zukunft sein. Mit ihrer bisherigen Ausrichtung verschärft die Bioökonomie jedoch die ökologischen und sozialen Krisen. Der BUND fordert: Nachwachsende Rohstoffen müssen so genutzt werden, dass sie zu einem "Guten Leben für alle" innerhalb der planetaren Grenzen beitragen.

Impression aus dem Amazonas 2020; Foto: Douglas Freitas / Amigos da Terra Brasil Tropische Edelhölzer werden aus dem Amazonas-Gebiet abtransportiert.  (Douglas Freitas / Amigos da Terra Brasil)

Um nachhaltiger zu wirtschaften, sollen nachwachsende anstatt fossile Rohstoffe genutzt werden. Der Ansatz der Bundesregierung ist in der "Nationalen Bioökonomiestrategie" festgehalten: Bioökonomie steht demnach für "die Erzeugung, Erschließung und Nutzung biologischer Ressourcen, Prozesse und Systeme, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems bereitzustellen". 

Die Befürworter*innen der Bioökonomie versprechen viel: der Schutz von Klima, Natur und Ressourcen, Ernährungssicherheit, neues Wirtschaftswachstum und mehr Wettbewerbsfähigkeit durch bioökonomische Innovation. Die Bioökonomie soll so ein entscheidender Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung sein.

Leere Versprechen

Mit der bisherigen Ausrichtung der Bioökonomie können diese Versprechungen jedoch nicht eingehalten werden. Vielmehr würde sie bereits bestehende Probleme vielfach verschärfen. Dafür gibt es zahlreiche Gründe:

Fossile Rohstoffe einfach durch nachwachsende zu ersetzen, ist quantitativ gar nicht möglich: Die Bundesregierung hält es etwa für möglich, Autoreifen anstatt aus Öl und Erdgas (oder aus Naturkautschuk aus Asien oder Südamerika) ausschließlich mit Kautschuk aus in Deutschland angebautem Russischen Löwenzahn herzustellen. Allein dafür würden jedoch 14 Prozent der nutzbaren Agrarfläche in Deutschland verbraucht! 

Das Beispiel zeigt: Durch bioökonomische "Lösungen" droht eine weitere Verschärfung der Flächenkonkurrenz.

Weltweite Krisen werden verschärft

Maisfeld. Foto: meineresterampe / CC0 1.0 / pixabay.com Gibt es durch die Bioökonomie mehr Gentechnik auf den Äckern?  (meineresterampe / pixabay.com)

Die Rohstoffe für die Bioökonomie, also die Biomasse, einfach aus anderen Ländern zu importieren, stellt ebenfalls keine Lösung für dieses Problem dar. Solche Importe führen bereits jetzt zur Abholzung und Übernutzung von Wäldern weltweit, zu höheren Lebensmittelpreisen – und damit zu Hunger – sowie zur Zerstörung von kleinbäuerlicher Landwirtschaft im globalen Süden.

Um mehr nachwachsende Rohstoffe bereitstellen zu können, soll zudem im Namen der Bioökonomie die Intensivierung der Landwirtschaft weiter vorangetrieben werden. Dies führt dazu, dass Böden auslaugen und der Wasserhaushalt geschädigt wird. Das naturferne, intensive landwirtschaftliche Modell trägt außerdem zur Freisetzung von Treibhausgasen bei und ist der Haupttreiber des massiven Verlusts biologischer Vielfalt

Eine entscheidende Rolle bei der Bioökonomie wird auch der Agro-Gentechnik zugesprochen, die zu landwirtschaftlichen Ertragssteigerungen führen soll. Bedenken über deren potentiellen Gefahren werden in der Diskussion um die Bioökonomie dabei weitestgehend ausgeblendet.

"Grünes Wachstum" durch Bioökonomie?

Grüner Schlüssel "Grünes Wachstum" ist kein Schlüssel für ein "Gutes Leben für alle" innerhalb der planetaren Grenzen.  (suju / Pixabay)

Mit dem Verweis auf mehr wirtschaftliches Wachstum und mehr Wettbewerbsfähigkeit durch bioökonomische Innovationen soll die Bioökonomie das neue Aushängeschild für "grünes Wachstum" werden. 

"Grünes Wachstum", also Wirtschaftswachstum ohne Umweltzerstörung, hat es bislang jedoch niemals gegeben. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung ist es deshalb vielmehr notwendig, Wachstum als primäres wirtschaftspolitisches Ziel an sich zu hinterfragen. Sonst droht das weitere Überschreiten der planetaren Grenzen – auch aufgrund der Bioökonomie.

Fazit:

Demonstrantin mit einem Schild "Für eine Welt, in der wir gut und gerne leben" Damit diese Botschaft erfüllt wird, muss der Ansatz der Bioökonomie grundlegend verändert werden.  (Dominic Wunderlich / pixabay.com)

Mit der aktuellen Ausrichtung sind die Versprechungen der Bioökonomie nicht einhaltbar. Im Gegenteil: Durch sie drohen sich die ökologischen und sozialen Krisen weiter zu verschärfen. Vor allem der übersteigerte Ressourcenverbrauch ist das Problem. Nur eingebettet in eine Wirtschaftsform, die dazu beiträgt, dass insgesamt weniger verbraucht wird, kann die Bioökonomie zu mehr Nachhaltigkeit beitragen. 

Außerdem braucht sie ökologische Anbauformen – denn mit dem Einsatz von Gentechnik, Pestiziden und Kunstdünger wird der Raubbau an der Natur nur weiter fortgesetzt. 

Die Politik muss klare Vorgaben entwickeln, mit denen Klima-, Natur- und Ressourcenschutz sowie globale Ernährungssicherheit im Rahmen der Bioökonomie erreicht werden können. Nur dann kann die Bioökonomie zu einem "Guten Leben für alle" innerhalb der planetaren Grenzen beitragen.

BUND-Forderungen:

  • Die Bioökoomie darf nicht zum weiteren Überschreiten der planetaren Grenzen beitragen.
  • Ernährungssicherheit, Natur- und Arten- sowie Klimaschutz müssen Vorrang vor der Verwendung von Biomasse für bioökonomische Produkte haben. Dieser Vorrang muss durch eine entsprechende Gesetzgebung sichergestellt werden.
  • Die Bioökonomie darf nicht zum Einfallstor für Gentechnik werden.
  • Bioökonomie darf nicht zu mehr Biomasseimporten mit entsprechenden negativen Folgen für die weltweite Biodiversität führen.
  • Wirtschaftswachstum darf nicht länger wirtschaftspolitisches Ziel für die Bioökonomie sein.
  • Die Bioökonomie-Forschungsförderung muss mehr Gelder für ganzheitliche Lösungen wie den Ökolandbau bereitstellen.
  • Die Bundesregierung muss sich ein ambitioniertes und verbindliches absolutes Reduktionsziel im Ressourcenverbrauch setzen und daran muss auch die Bioökonomie gemessen werden.

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BUND-Projekte zur Bioökonomie

Der BUND arbeitet in zwei Projekten zur Bioökonomie. Dabei soll die bioökonomische Debatte einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Gemeinsam wollen wir diskutieren, inwieweit biobasiertes Wirtschaften Nachhaltigkeitsanforderungen gerecht werden kann.

Das Projekt "Perspektivwechsel Bioökonomie" wird im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2020/21 zum Thema Bioökonomie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Umsetzung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und dem Denkhaus Bremen.

Das Projekt "Bioökonomie im Lichte der Nachhaltigkeit", gefördert vom Bundesamt für Naturschutz (BfN), wird in Zusammenarbeit mit dem Denkhaus Bremen umgesetzt.


Podcast: "Bioökonomie – Zukunftschance oder leeres Versprechen?"

Bioökonomie – Zukunftschance oder leeres Versprechen?

Die Bioökonomie soll die neue, nachhaltige Wirtschaftsform der Zukunft sein.

Viele Fragen sind aber offen. Denn bislang droht die Bioökonomie eher zu einer Verschärfung von ökologischen und sozialen Krisen beizutragen.

Im 3-teiligen Podcast "Bioökonomie – Zukunftschance oder leeres Versprechen" sprechen wir mit Expert*innen darüber, was Bioökonomie denn eigentlich bedeuten soll. Und über den Rahmen, in dem Bioökonomie zu einem "Guten Leben für alle" beitragen könnte. 

Folge 1: "Alles bio – alles prima?"

In der ersten Folge des Podcasts erklären wir, welche Ideen hinter der Bioökonomie stecken. Im Gespräch mit Joachim Spangenberg (Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des BUND), Miriam Boyer (Wissenschaftlerin und Gründerin) und Karlo Horn (Landwirt in Brandenburg) zeigen wir auf: Umweltfreundlich ist die Bioökonomie nicht per se.

Folge 2: "Bioökonomie in der Landwirtschaft – Jetzt wird es eng"

Die Landwirtschaft soll in Zukunft auch nachwachsende Rohstoffe für die Bioökonomie liefern. In dieser Folge gehen wir der Frage nach, warum Intensivierung, Ausweitung der Flächen oder Agro-Gentechnik keine geeigneten Lösungen sind. Im Gespräch mit Ekkehard Spiegel (2.000-Quadratmeter-Weltacker in Berlin-Pankow), Anne Tittor (Universität Jena), Teja Tscharntke (Universität Göttingen) und Daniela Wannemacher (BUND) diskutieren wir, was sich verändern muss, damit die Bioökonomie die Probleme des industriellen Landwirtschaftsmodelles nicht noch weiter verschärft.

Folge 3: "Bioökonomie – Wie kommen Ökonomie und Ökologie wieder ins Gleichgewicht?"

Kleine, regionale Projekte bieten neue Möglichkeiten für die Bioökonomie. Ulfried Miller (Geschäftsführer BUND Ravensburg-Weingarten) berichtet in Folge 3 "Bioökonomie – Wie kommen Ökonomie und Ökologie wieder ins Gleichgewicht?", was alles aus den Walnüssen vom Bodensee entstehen kann und wie regionale Rohstoffe und Kulturlandschaft zusammenhängen. Mit Johannes Rupp (IÖW) und Timo Kaphengst (Regionalwert AG) sprechen wir über die Notwendigkeit von regionalen Wirtschaftskreisläufen. Doch was im Kleinen bereits funktioniert, kommt oft zu langsam in der Politik an. Lia Polotzek (BUND) und Beatrix Tappeser (stellv. Vorsitzende des Bioökonomierates) zeigen auf, warum es noch Veränderung benötigt, bis die Bioökonomie zu einer sozial und ökologisch gerechten Gesellschaft beitragen kann.

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Der Podcast ist ein Teil des Projekts "Perspektivwechsel Bioökonomie", welches der BUND gemeinsam mit dem Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und dem Denkhaus Bremen umsetzt. Das Projekt wird im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2020/2021 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.


 

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Abschlussgrafik der Podiumsdiskussion Bioökonomie  (BUND)

Dokumentation der Podiumsdiskussion vom 18.6.2021

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