Fischerei: Die Zerstörung der Artenvielfalt unter der Oberfläche

Dorsche so groß wie Menschen und Fischschwärme so groß, dass Fischer sie für unerschöpflich hielten: Das sind Bilder der Vergangenheit. Die rücksichtslose Ausbeutung der Meere durch die Fischerei hat in Nord- und Ostsee deutliche Spuren hinterlassen. Überfischung ist mehr denn je die größte Bedrohung für die Artenvielfalt in den Meeren.

Der BUND fordert

  • Fangquoten müssen verbindlich nach den wissenschaftlichen Empfehlungen des Internationalen Rats für Meeresforschung festgelegt werden
  • Mindesten 50 Prozent aller Natura-2000 Meeresschutzgebiete müssen für jegliche Fischerei gesperrt werden ("no-take-zones")
  • Abschaffung zerstörerischer grundberührender Fischerei, zuerst in Schutzgebieten und langfristig überall
  • (Weiter-)Entwicklung und verpflichtender Einsatz von alternativen und umweltverträglichen Fangmethoden zur Reduzierung von Beifang

Unterwasserlärm tötet

Mensch mach leise!

Folgen der Überfischung

Überfischung in Nord- und Ostsee Die Überfischung in Nord- und Ostsee hat gravierende Folgen.  (vinzenttrozenberg / istock)

Der Appetit der Menschen auf Fisch ist nicht zu bremsen. Seit 1961 ist der durchschnittliche Fischkonsum eines Menschen von neun Kilogramm auf 20,3 Kilogramm pro Jahr angestiegen. Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen. Die Menschen betreiben immer mehr Aufwand, fahren mit ihren Fangschiffen weiter raus, fischen länger und tiefer, entwickeln neue Techniken und trotzdem wird der Fang kleiner. Der Grund: Überfischung.

Überfischung bedeutet, dass aus einem Gewässer mehr Fische gefangen werden, als durch Fortpflanzung dazukommen. Wird ein Bestand überfischt, nimmt die Gesamtmenge einer Fischart in einer bestimmten Region immer weiter ab. Heute sind laut der UN-Welternährungsorganisation (FAO) 34 Prozent der weltweiten Fischbestände überfischt. Weitere 60 Prozent sind bis an die biologischen Grenzen ausgebeutet und stehen kurz vor einer Überfischung.

Die Auswirkungen der Überfischung auf die Meere

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Störung des ökologischen Gleichgewichtes

Seit Beginn der industriellen Fischerei sind 90 Prozent aller großen Raubfische aus den Meeren verschwunden. Dazu gehören vor allem Haie, aber auch Thunfisch, Stachelmakrele, Zackenbarsch oder Kabeljau. Das Fehlen solcher Räuber verändert die Zusammensetzung des Ökosystems und ganzer Lebensgemeinschaften.

Fischarten werden kleiner

Die anhaltende Überfischung hat inzwischen sogar dazu geführt, dass sich die Evolution von Fischen verändert hat. Weil kleine Fische, die früher geschlechtsreif werden, am besten durch die Maschen der Netze entwischen und sich vermehren können, sind sie evolutionär im Vorteil. Über längere Zeit führt das dazu, dass die Fische insgesamt kleiner bleiben. Ein Beispiel ist der Dorsch in der Ostsee: Im Jahr 1990 hatten die Fische noch eine Körpergröße von 38 Zentimetern beim Erreichen der Geschlechtsreife. Im Jahr 2018 waren es nur noch 20 Zentimeter. Das Problem ist, dass kleine Weibchen weniger und häufig schwächeren Nachwuchs produzieren als große Weibchen. So wird die Überfischung zusätzlich verstärkt.
 

Der ökologische Fußabdruck der Fischerei

Die Meere sind ein gigantischer Kohlenstoffspeicher, vor allem im Meeresboden sind große Mengen Kohlenstoff gebunden. Durch Fischereimethoden, wie Grundschleppnetze und Muscheldredgen, wird der Meeresboden durchwühlt und der Kohlenstoff freigesetzt. Eine wissenschaftliche Studie hat gerade herausgefunden, dass die Fischerei mit Grundschleppnetzen mehr CO2 freisetzt, als der gesamte Flugverkehr! Durch die schweren Netze werden jedes Jahr ca. 1,5 Gigatonnen CO2 aus dem Meeresboden gelöst, gelangen ins Wasser und verstärken so die Ozeanversauerung. Dazu kommt, dass Grundschleppnetze durch das Ziehen der schweren Netze über den Boden deutlich mehr Treibstoff verbrauchen, als jede andere Fischereimethode.
 

Verstärkung sozialer Ungerechtigkeit

Die Überfischung hat aber nicht nur Auswirkungen auf das Leben in den Meeren, sondern auch direkte Konsequenzen für viele Menschen. So drohen nicht nur höhere Fischpreise, sondern auch ein Engpass in der Nahrungsmittelversorgung in den Ländern des globalen Südens. In vielen Ländern führt der Zusammenbruch von Fischbeständen immer häufiger zu einer Verarmung der Küstenbevölkerung. Besonders in den Ländern Westafrikas, wo auch Europäische Hochseetrawler die Küstengewässer leerfischen, leiden die Menschen extrem unter den Auswirkungen der Überfischung und illegaler Fischerei.
 

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Nadja Ziebarth

Nadja Ziebarth

BUND-Meeresschutzbüro
E-Mail schreiben Tel.: (04 21) 7 90 02-32

Fangmethoden und ihre Risiken

Fischerei: Ein Problem für die Meere Unterschiedliche Netze haben unterschiedliche Folgen für das Meer.  (Irena Dragan / istock)

Die Fangmethoden in der Fischerei sind so unterschiedlich, wie die Fische selbst. Abhängig von der Fischart und ihrem Lebensraum, kommen verschiedene Schiffe und Netze zum Einsatz. Zu den gängigen Fangmethoden gehören Schleppnetze, Grundschleppnetze, Treib- und Stellnetze sowie Langleinen. Für die Nordsee ist vor allem die Schleppnetz-, und Grundschleppnetzfischerei von Bedeutung, während in der Ostsee sehr viel mit Stellnetzen gefischt wird.

Netze, Leinen, Haken und Käfige: Fischereimethoden im Überblick

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Schleppnetze

Ein Schleppnetz besteht aus einem trichterförmigen Netz, das mit Hilfe von Auftriebskörpern, und Gewichten offen gehalten und hinter dem Schiff "her geschleppt" wird. Dieses Netz wird zum Fangen von Fischarten wie Hering, Kabeljau, Seelachs, Sprotte und Makrele verwendet, die in großen Schwärmen in der freien Wassersäule leben. Mit moderner Technik an Bord der Schiffe, wie Sonar und Echolot, werden die Fischschwärme gezielt geortet und gejagt. So werden die Meere systematisch leergefischt.

Die größten Schiffe auf unseren Meeren fischen mit Schleppnetzen: Hochsee-Trawler sind bis zu 140 Meter lang und in ihre Netze passen bis zu 500 Tonnen Fisch auf einmal. Dabei leidet oft auch die Qualität des Fangs, da viele Fische aufgrund des starken Drucks in den Netzen zerquetscht oder verletzt werden. Ein gravierendes Problem der Schleppnetzfischerei ist die große Menge Beifang. Regelmäßig verenden Haie, Wale und Schildkröten in den bis zu 1,5 Kilometer langen Netzen.
 

Treibnetze

Ein Treibnetz ist ein zwischen 26 Meter und 20 Kilometer langes einfaches Netz, das frei in der Wassersäule treibt. Zum Einsatz kommen Treibnetze hauptsächlich beim Fang von Thunfisch, Lachs und Hering. Sie wurden weltweit und häufig verwendet, da sie günstig und einfach zu verwenden und die erzielten Profite mit Arten wie Thunfisch und Schwertfisch sehr hoch sind. Die Fischerei mit Treibnetzen hat dramatische Auswirkungen auf die Meere, insbesondere durch den Beifang von Walen, Haien, Meeresschildkröten und anderen Tieren.

Fischfang mit Treibnetzen, die länger als 2,5 Kilometer sind, ist seit 1992 von der UN geächtet. Im Jahr 2002 hat auch die EU endlich ein Verbot für Treibnetze aller Größen ausgesprochen, allerdings mit Ausnahme für die Ostsee. Dort vergingen weitere sechs Jahre bis zu einem endgültigen Verbot. 2006 hat die EU die Treibnetzfischerei im Mittelmeer mit Hilfe eines juristischen Winkelzugs wieder zugelassen. Dabei wurden Treibnetze als Schwebenetze neu deklariert und damit legalisiert.
 

Stellnetze

Ein Stellnetz ist ein einfaches Netz, das durch Gewichte und Schwimmer offen gehalten wird. Es findet besonders in der Küsten- und Binnenfischerei Verwendung. Im Gegensatz zum Treibnetz wird es jedoch gezielt an einer Stelle ausgebracht und fest am Meeresboden verankert. Stellnetze gehören zu den Kiemennetzen, bei denen die Fische sich mit ihren Kiemendeckeln in den Maschen der Netze verfangen und nicht mehr befreien können. Zum Einsatz kommen sie vor allem in der Ostsee in der Herings-, Dorsch- und Schollenfischerei.

Auch hier sind die Beifangmengen sehr hoch. Da die Netze oft in geringen Wassertiefen eingesetzt werden und die darin gefangenen Fische leichte Beute sind, verheddern sich häufig tauchende Seevögel in ihnen und ertrinken. Allein in der Ostsee ertrinken so jedes Jahr tausende seltene und schützenswerte Seevögel. Auch für Schweinswale sind die Stellnetze eine tödliche Falle: Die kleinen Meeressäuger orientieren sich akustisch und können die dünnen Stellnetze nicht erkennen. Auf der Suche nach Futter verheddern sie sich und ertrinken.

Langleinen

Bei der Langleinenfischerei werden lange Leinen mit köderbesetzten Haken ausgebracht. Die Länge der Leinen reicht von wenigen hundert Metern in der kleinen Küstenfischerei bis zu über 100 Kilometern in der industriellen Hochseefischerei. Langleinen werden vor allem für den Thun-, Schwert- und Haifischfang eingesetzt.

Die Köder an den Haken locken allerdings nicht nur Fische, sondern auch Schildkröten, Wale und Haie an. Besonders gefährdet sind auch Seevögel, die auf der Suche nach Futter nach den Ködern tauchen, die Haken verschlucken und dann ertrinken. Vor allem Albatrosse und Fregattvögel sind durch Langleinenfischerei gefährdet.

Fischfallen

Fischfallen sind eine passive und zumindest theoretisch schonende Fangmethode. Fischfallen werden weltweit in ganz verschiedenen Formen genutzt: Reusen, Körbe, beköderte Käfige oder Tongefäße werden je nach Zielart und Land eingesetzt. Da die Fallen einzeln versenkt und später wieder heraufgeholt werden, wird der Meeresboden nicht geschädigt. Allerdings lassen sich mit dieser Methode auch schwer zugängliche Orte wie Riffe und Felsenbereiche befischen und leerfischen, wenn kein nachhaltiges Management betrieben wird.

Fischfallen können auch zu ungewollten Beifängen führen. Meeressäuger und Seevögel verfangen sich in den Leinen, mit denen die Fischfalle an einer Oberflächenboje befestigt wird oder in den Öffnungen der Falle, wenn sie versuchen, die gefangenen Fische zu fressen. Mit geeigneten Fluchtöffnungen können Beifänge zu einem großen Teil vermieden werden.

Beifang: Wenn Lebewesen zu Abfall werden

Unterwasserlärm, Schweinswal Foto: Solvin Zankl / Alamy Stock Photo Auch Schweinswale können versehentlich in's Netz geraten und sterben. (Solvin Zankl)  (Solvin Zankl / Alamy Stock Photo)

Beifang bezeichnet in der Fischerei die Tiere, die nicht verkauft oder verwertet und daher wieder über Bord geworfen werden. Eine unfassbare Verschwendung von vielfältigem Leben, denn fast alle Tiere sterben dabei. Je nach Fangmethode und Zielart können bis zu 80 Prozent des gesamten Fanges Beifang sein. Da die Entsorgung von Beifang weit draußen auf dem Meer stattfindet, weiß niemand ganz genau, wie viele Tiere jedes Jahr auf diese Weise sterben. Die Schätzungen belaufen sich auf zwischen sieben und 38 Millionen Tonnen Meereslebewesen jedes Jahr.

Seit 2015 dürfen in der EU viele Beifänge nicht mehr einfach auf See entsorgt werden, sondern müssen dokumentiert und an Land gebracht werden. Die Anlandeverpflichtung sollte Fischereien nachhaltiger und transparenter machen, doch durch fehlende Kontrollen und Überwachung werden auch in Nord- und Ostsee weiterhin viele Beifänge illegal zurückgeworfen.
 

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Was in den Netzen landet

Nicht nur Fische und kleine wirbellose Meerestiere, wie Seesterne enden weltweit als Beifang, sondern pro Jahr auch 300.000 Wale, 300.000 Seevögel, 650.000 Robben sowie 250.000 Meeresschildkröten und mehrere Millionen Haie. Auch in deutschen Gewässern verenden regelmäßig Haie, Rochen, Vögel, Robben und Schweinswale in den Netzen der Fischerei. Gerade für kleine Populationen wie den Ostsee Schweinswal sind die hohen Verluste durch Stellnetze existenzbedrohend.

Der Beifang auf dem Krabbenbrötchen

Allein in der Nordsee werden jährlich bis zu einer Million Tonnen Beifang an Deck geholt. Besonders betroffen ist dabei die Krabbenfischerei, dort werden bis zu 80 Prozent aller gefangenen Tiere direkt wieder entsorgt. Der Beifang besteht hier hauptsächlich aus Krebsen, Seesternen, Schnecken, Muscheln, Schwämmen und sehr kleinen Fischen. In den meisten Fällen werden all diese Tiere direkt wieder über Bord geworfen und landen in den Mägen der schon wartenden Seevögel oder sinken auf den Meeresboden und werden dort von Aasfressern gefressen. Durch die große Menge toter Tiere an einer Stelle und die Zersetzungsprozesse können lokale Todeszonen entstehen - Bereiche in denen kaum mehr Sauerstoff im Wasser vorkommt und kein Leben existieren kann.

Was getan werden muss

Der Beifang kann durch technische Hilfsmittel erheblich reduziert werden: Wale lassen sich durch akustische Signale fernhalten, Haie durch elektrische Felder vertreiben und Schildkröten hilft oft schon eine Fluchtklappe, um sich zu befreien. Auch zeitlich begrenzte Fangverbote in wichtigen Laichgebieten und Kinderstuben, können helfen Beifang zu vermeiden. Ein Umdenken in der Beifangpolitik ist nötig, um die Meere zu schützen und Leben zu retten: Meerestiere dürfen nicht wie Abfall tot oder verletzt ins Meer zurückgeworfen werden, sondern müssen an Bord bleiben und angelandet, gemeldet und verwertet werden.
 

Was Sie jetzt schon tun können

  • Reduzieren Sie ihren Fischkonsum und testen Sie pflanzliche Alternativprodukte. Fisch auf dem Teller muss eine Delikatesse sein.
  • Verzichten Sie vollständig auf besonders problematische Arten wie Europäischen Aal, Thunfisch, Lachs und Hai (z.B. "Schillerlocke").
  • Informieren Sie sich über Herkunft und Fangmethode des Produkts, um überfischte Arten und zerstörerische Methoden auszuschließen. Bei der Auswahl können die Fischratgeber der Umweltverbände helfen.

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