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Unser Essen!

05. April 2017 | Suffizienz, Nachhaltigkeit, Landwirtschaft

Aussterbende bäuerliche Betriebe, Monokulturen, pestizidverseuchte Äcker, Lebensmittelverschwendung, Artenverlust – mit der Liste dessen, was in der heutigen industrialisierten und globalisierten Nahrungsmittelproduktion schief läuft, ließen sich Seiten über Seiten füllen. Und eine Besserung scheint nicht in Sicht. Oder vielleicht doch?

Ernährungsräte wollen unser Essen selbst in die Hand nehmen  (Elaine Casap / unsplash.com)

Von Almut Gaude

"Ich bin fest davon überzeugt, dass der Wandel nicht von oben sondern von unten kommen wird. Deswegen fangen wir jetzt vor Ort mit dem Druck von unten an". Valentin Thurn, preisgekrönter Dokumentarfilmer (u. a. "Taste the Waste") und prominenter Kritiker des derzeitigen Ernährungssystems, hat untätige Bundespolitiker im Griff der Agrarlobby satt und macht deswegen Nägel mit Köpfen.

Mit seinem Verein "Taste of Heimat" hat Thurn in Köln vor einem Jahr den ersten Ernährungsrat Deutschlands aus der Taufe gehoben und ist damit Mitinitiator einer in Deutschland anrollenden kommunalen Ernährungswende-Welle. "Die Entscheidungen über unser Essen werden immer weiter von uns weg getroffen, in Brüssel oder in Konzernzentralen. Mithilfe der Ernährungsräte wollen wird das wieder in unsere Hände nehmen und auf lokaler Ebene eine nachhaltige Landwirtschaft unterstützen", so Thurn.

Neben Köln hat sich im vergangenen Jahr auch in Berlin ein Ernährungsrat gegründet, in Hamburg befindet sich dieser im Aufbau und 20 weitere Städte (darunter Leipzig, Ludwigsburg, Oldenburg und Kassel) haben inzwischen großes Interesse bekundet, ebenfalls Ernährungsräte zu gründen.

Was sind Ernährungsräte?

Ernährungsräte sind beratende Gremien, die in Kommunen den Dialog zwischen Politik, Verwaltung, Erzeuger*innen, Vertrieben und Verbraucher*innen zum Thema Ernährung herstellen. Ziel ist es, eine ökologische und sozial gerechte Lebensmittelversorgung vor Ort zu stärken. Die Idee stammt aus Nordamerika, wo "Food Policy Councils" seit rund 15 Jahren in nahezu jedem Ballungsraum existieren.

In Köln besteht der Ernährungsrat aus 30 Personen, zu denen Vertreter*innen der lokalen Landwirtschaft, der Gastronomie, der Lebensmittelhersteller, der Politik und Verwaltung sowie Initiativen und Bürger*innen gehören. Der Rat soll eine Ernährungsstrategie für die Millionenstadt erarbeiten, die es den Kölner Bürger*innen erlaubt, sich gesund und regional zu ernähren und die gleichzeitig die bäuerliche Landwirtschaft im Umland erhält.

Valentin Thurn erhofft sich durch die Ernährungsräte eine dezentralere und selbstbestimmtere Ernährungslandschaft: "Das Dilemma, das mit der Lebensmittelverschwendung und der mangelnden Wertschätzung von Lebensmitteln einhergeht ist, dass den Menschen die Beziehung zu den Lebensmitteln und der Herstellung der Lebensmittel fehlt. Mit den Ernährungsräten können wir die Bürger*innen näher an die Lebensmittelproduktion rücken, indem wir urbane Gärten ausbauen, die essbare Stadt ausrufen und mit den Grünflächenämtern statt Buchsbäumen Johannisbeersträucher pflanzen. Wir können dafür sorgen, dass in den Schulen und Kitas mehr frisch gekocht wird, aus der Region und am besten auch noch Bio und dass die Absatzwege in die Stadt für die Bauern leichter werden."

Vom Schulessen bis zur Vermarktung regionaler Produkte

Das Engagement der Bürger*innen, sich in diesen Prozess einzubringen, ist laut Thurn sehr hoch. So treffen sich in Köln regelmäßig 100 Personen "von konservativ bis alternativ" in den unterschiedlichen Ausschüssen des Ernährungsrates. Themen der Ausschüsse sind u.a. Ernährungsbildung und Schulverpflegung, regionale Direktvermarktung und Lebensmittelproduktion in der Stadt. Es gab bereits u.a. Praxisworkshops mit den Kindertagesstätten der Stadt Köln, um diese stärker mit den Bauern aus der Region zu verbinden. Ein erstes Pilotprojekt mit den kommunalen Jugendeinrichtungen soll folgen.

Konrad Peschen, Leiter des Umwelt- und Verbraucherschutzamtes in Köln, ist von der Idee der Ernährungsräte überzeugt: "Wir haben hier eine Art Ernährungsparlament, in dem Akteure Einfluss auf kommunales Handeln gewinnen können, die normalerweise weit weg von diesem sind. Der Dialog bringt die Verwaltung dazu, sich mit dem Thema Ernährung auseinanderzusetzen. Das ist das Spannende!"

Zentral ist für Peschen die Möglichkeit, den Bürger*innen über die Ernährungsräte das Thema Klimaschutz auf sehr konkrete Weise näher bringen zu können. "Eine regionale Landwirtschaft ist für einen Bürger*innen viel nachvollziehbarer als abstrakte Klimaschutzmaßnahmen. Die Ernährungsräte öffnen hier neue Türen, in dem sie Sensibilität für das Thema Ernährung und nachhaltige Landwirtschaft schaffen und sich dadurch dann auch das Verhalten der Bürger nachhaltig ändern kann." Um diesen Prozess voranzubringen, finanziert die Stadt Köln eine Koordinierungsstelle für die Arbeit des Ernährungsrates. Der Rest der Arbeit der Mitglieder des Ernährungsrates ist ehrenamtlich.

Ernährungsräte haben ganz unterschiedliche Strukturen

Die Struktur eines Ernährungsrates kann von Kommune zu Kommune völlig unterschiedlich sein, je nach den Gegebenheiten vor Ort. So sieht sich der Berliner Ernährungsrat im Gegensatz zum Kölner Pendant viel stärker als zivilgesellschaftliche Bewegung ("bottom up"), die unabhängig von der Verwaltung eigene Forderungen in den politischen Prozess einbringen will. In Bielefeld hat wiederum die CDU-Fraktion die Gründung eines Ernährungsrats beantragt ("top down"). Auch die Frage, inwieweit man konventionelle Landwirtschaftsbetriebe mit in den Prozess einbezieht, wird von Ernährungsrat zu Ernährungsrat unterschiedlich gehandhabt.

Die großen Lebensmittelketten wie Aldi, Rewe oder Edeka hingegen passen nicht so recht in das Konzept – so will man in Berlin lieber die an einen Tisch bringen, "die die Ernährungswende voranbringen wollen und das schließt eigentlich schon per se bestimmte Akteure aus", so Christiane Pohl, Projektkoordinatorin des Ernährungsrates Berlin beim entwicklungspolitischen Verein Inkota.

Edeka oder Aldi würden vor allem ihren wirtschaftlichen Profit voranbringen wollen und "deswegen passen wir hier von den Grundinteressen nicht zusammen." Auch für Thurn sind "die großen Ketten eher schwierig", da man ja nur lokal aktiv sei: "Wir stehen aber mit einem lokalen Rewe, der eine Regional-Eigenmarke hat und vieles von Bauern aus dem Kölner Umland anbietet, in engem Kontakt."

Wer weiß, vielleicht werden die Ernährungsräte doch auch den größeren Ketten eine regionale, nachhaltige Lebensmittelversorgung schmackhaft machen können? Wir werden sehen! Auf jeden Fall passiert was in den Kommunen, das sich nach neuen Handlungsmöglichkeiten und tatsächlichem Veränderungswillen anhört.

Einen Ernährungsrat selber gründen? So geht's!

Wer an der Gründung eines Ernährungsrates interessiert ist, kann im November am ersten bundesweiten Kongress der Ernährungsräte teilnehmen, der passenderweise in Essen stattfinden wird. Mit dabei werden auch Mitglieder von Ernährungsräten aus den USA und Großbritannien sein, um ihre langjährigen Erfahrungen zu teilen.

Eine Website für den Kongress gibt es leider noch nicht – bei Interesse am besten per E-Mail anfragen entweder beim Ernährungsrat Köln oder bei Christine Pohl vom Ernährungsrat Berlin.

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