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"Unabhängig, wild und schön"

09. Oktober 2017 | Wildkatze, Wälder, Lebensräume

Max Moor moderierte den diesjährigen BUND-Sommerabend und bekam dabei einen Eindruck von den Herausforderungen, vor denen der Wildkatzenschutz heute steht. Ein Gespräch rund um die Themen Wildkatze, Artenschutz und den neuen Kinofilm "Maleika", in dem Moor Sprecher ist.

Max Moor bei den Sprachaufnahmen zu "Maleika".  (Camino Film)

BUND-Wildkatzenteam: Herr Moor, Dinge über die Sie schreiben und berichten, die Art, wie Sie gemeinsam mit Ihrer Frau Ihren Hof bewirtschaften – dies alles lässt darauf schließen, dass Sie sehr naturverbunden und nachhaltig leben. Gab es Schlüsselmomente in Ihrem Leben, die Ihnen diese Richtung aufgezeigt haben?

Max Moor: Nein, die gab es nicht. Das war bei mir eher eine allmähliche Entwicklung. Vor 20 Jahren habe ich auch noch bei Fastfood-Ketten gegessen. Ich bin ländlich aufgewachsen. Irgendwann fiel mir auf, dass da etwas ganz gewaltig nicht mehr stimmt. Die Landschaften haben sich verändert, riesige Monokulturfelder herrschten vor. Es gab kaum noch Kühe auf der Weide. Mit bäuerlichem Wirtschaften hatte das alles nichts mehr zu tun. Dann habe ich mit meiner Frau in der Schweiz diesen Hof gepachtet, mit wenig Land und Eseln. Das war für mich das Zurückholen von Kindheitserinnerungen. Als wir dann nach Brandenburg gezogen sind, wollten wir es richtig machen – keinen Hobbyhof, sondern biologische Landwirtschaft mit Produkten in Demeter-Qualität. Wichtig war es uns, die Natur nicht auszubeuten, sondern mit ihr einen Deal zu machen.

BUND: Haben Sie Katzen auf ihrem Hof?

Moor: Natürlich, es geht auf einem Hof nicht ohne, sobald man Heu und Stroh hat! Wir bekämpfen die Mäuse auf natürliche Art und Weise. Die Katzen bekommen von uns ein unappetitliches Trockenfutter, damit sie nicht vom Fleische fallen, das "gute Essen" müssen sie sich dann selbst organisieren. Und das klappt wunderbar.

BUND: Es wird zunehmend schwierig, Flächen für den Naturschutz zu sichern. Dies ist ein Problem für die Wildkatze und viele andere bedrohte Arten, die weitgehend unberührte Natur brauchen. Können Naturfilme und medienwirksame Kampagnen heute noch einen Beitrag dazu leisten, die Öffentlichkeit für den Artenschutz zu begeistern?

Moor: Die Begeisterung durch solche Maßnahmen kann gelingen. Ich bin allerdings pessimistisch, was die tatsächliche Umsetzung von Schutzmaßnahmen angeht, so zum Beispiel bei der Wiedervernetzung von Gebieten, die durch Straßen getrennt wurden. Außerdem glaube ich, dass die Qualität der noch vorhandenen Lebensräume für Wildkatze, Luchs, Wolf und Co. oft nicht mehr ausreicht. Hier muss die Politik handeln. Mir ist aber auch nicht klar, wie wir bei dem Thema Verdrängung der Natur das Ruder rumreißen können. Vielleicht braucht es erst eine Art Kollaps.

BUND: Das klingt eher pessimistisch. Sie haben sich dennoch entschieden, an der Naturdokumentation über die Gepardin "Maleika" mitzuarbeiten. Warum?

Moor: Das war eine Anfrage des Regisseurs Matto Barfuss an mich und ich fand, er hat ganz tolle Aufnahmen der Gepardenfamilie gemacht. Es ist erstaunlich, wie es ihm gelungen ist, das Vertrauen der Gepardenmutter zu gewinnen. Wir haben lange darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, die Geparde zu vermenschlichen. Ich bin da anderer Meinung als er. Aber letztlich fand Matto Barfuss, dass dies der Weg ist, um die Herzen der Menschen für diese Tierart zu öffnen.

BUND: Beim Geparden und der Europäischen Wildkatze handelt es sich um ganz verschiedene Unterfamilien der Katzen. Der eine ist das schnellste Säugetier der Erde, die andere ist eine echte Ureinwohnerin Europas. Warum üben insbesondere Raub- und Wildkatzen auf viele Menschen eine derartige Faszination aus?

Moor: Sehr viele Leute haben Hauskatzen. Darüber hinaus genießen sie den Ruf unabhängig zu sein, wild und schön in ihren Bewegungen. Sie sind ein Symbol für Freiheit. Das fasziniert die Menschen.

BUND: Die Gefahren für die Europäischen Wildkatze sind größtenteils menschengemacht: Früher die Jagd, nun zerschneiden Siedlungen, Straßen und Ackerflächen ihren Lebensraum. Ist der Mensch im 21. Jahrhundert eher Gefahr oder Chance für bedrohte Arten?

Moor: Der Mensch ist eher eine Gefahr, und zwar eine große. Jedes Jahr verschwinden immer noch viele Arten von unserer Erde – egal, ob Pflanzen oder Tiere. Das sind Alarmmeldungen! Angeblich ist in manchen Regionen hier in den letzten 20 Jahren die Biomasse der Insekten um 80 Prozent zurückgegangen. Deshalb finde ich, wir müssen umdenken. Es ist falsch, den Menschen und die Welt um uns herum zu trennen. Wir sind Teil der Umwelt, der Natur! Denn die Natur hat uns hervorgebracht. Wir müssen uns als Teil von ihr verstehen. Jedes Lebewesen auf der Erde hat ein Abkommen mit der Schöpfung. Wir Menschen haben dieses Abkommen aus den Augen verloren. Wir müssen erkennen, dass alles, was die Natur einschränkt, auch unseren Lebensraum einschränkt. Wir schnüren uns sonst selber die Luft zum Atmen ab.

BUND: Welchen Wert hat Wildnis heute noch für uns Menschen und brauchen wir sie überhaupt noch?

Moor: Ich glaube schon, dass wir sie brauchen. Sie könnte uns lehren, dass wir nicht das Maß der Dinge sind. Wer sich mit Wildnis auseinandersetzt, setzt sich mit Leben und Tod auseinander. Mit Arten, die entstehen, mit Arten, die verdrängt werden. Wildnis ist das hohe Lied des Lebens. Ich sehe nur leider keine mehr. Es gibt einige Naturschutzgebiete, aber das sind ja nur so kleine Gärtchen, vergleichbar mit Blumenkübeln in der Fußgängerzone. 

BUND: Die anspruchsvolle Wildkatze steht in Deutschland für biologische Vielfalt – wo sie sich wohlfühlt, tun es viele andere Arten auch. Sie als Medienprofi wissen, wie schwer es ist, den Menschen diesen sperrigen Begriff "Biologische Vielfalt" zu erklären. Haben Sie einen Tipp für uns?

Moor: Ich glaube, man muss ihn nicht erklären. Entweder die Menschen finden sie gut oder nicht. Einfach die Natur machen lassen, dann entsteht die biologische Vielfalt von alleine. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland Menschen gibt, die sagen: "Ein Gras reicht mir auf einer Wiese". Alle lieben doch die Natur! Aber in gewisser Weise fühlen sich die Menschen beim Rückgang der biologischen Vielfalt auch machtlos. Ich zumindest fühle mich machtlos. Als junger Mensch dachte ich noch, es liegt an der Aufklärung. Man muss den Menschen einfach sagen, wie es ist und dann sehen die das schon ein und werden etwas ändern. Aber jetzt hat man es den Menschen gesagt und sie finden es nicht gut – und dennoch ändert sich nichts. Das schmerzt.

BUND: Auch Brandenburger Wälder wären potenzielle Lebensräume für die Europäische Wildkatze. Ein geeigneter Wanderkorridor zur Vernetzung mit den bisherigen Wildkatzenwäldern führt östlich an Berlin vorbei. Wenn es irgendwann soweit ist, dass die Wildkatze Brandenburg zurückerobert, können wir auf Ihre Unterstützung z.B. bei einer Korridorpflanzung zählen?

Moor: Also, wenn mein Land tatsächlich dort liegt, wo ein Korridor nötig ist, würde ich das bestimmt unterstützen. Auch jetzt gibt es auf unseren Flächen schon Heckenstrukturen, die aktuell von Kleintieren genutzt werden. Hasen verstecken sich dort und Bussarde kreisen darüber. 

BUND: Herr Moor, vielen Dank für das Gespräch!

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