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Streiken, Murren, Zicken: Wie Initiativen gegen die Wegwerfkultur an-reparieren und wie wir sie unterstützen können

14. Juli 2015 | Ressourcen & Technik, Nachhaltigkeit, Suffizienz

Das Radio streikt, der Laptop zickt, das Fahrrad murrt: Fast täglich sind wir mit Technik und Technologien konfrontiert, die alles andere als perfekt sind und ein wenig Zuwendung brauchen. Aber statt – wie viele – im Jahrestakt neue Smartphones anzuschaffen, gibt es im ganzen Land immer mehr Menschen, die sich einer ein wenig in Vergessenheit geratenen Kulturtechnik verschreiben: dem Reparieren. Vor Ort kann viel getan werden, um Reparatur-Initiativen das Leben leichter zu machen.

Einfach mal zum Werkzeug greifen...

Von Jan Korte

Schon über 200 Reparatur-Initiativen gibt es in Deutschland: Mancherorts schießen Repair Cafés wie Pilze aus dem Boden, in anderen Städten kommen Reparaturwillige regelmäßig in Häusern der Eigenarbeit oder zu Repair Days für nur einen Tag zusammen. "Es gibt einen regelrechten Boom", sagt Tom Hansing von der anstiftung, einer Stiftungsgemeinschaft, die Reparaturinitiativen in Deutschland fördert, unterstützt, vernetzt und hilfreiche Tipps zur Gründung bereitstellt. Im Mai 2015 hat Hansing mit seinen Kolleginnen und Kollegen eine Online-Karte an den Start gebracht, die den Trend sichtbar macht. Auf www.reparatur-initiativen.de kann jede*r eine Gruppe gründen, sich bestehenden anschließen, oder einfach mal schauen, was in seiner Ecke Deutschlands Reparaturbegeisterte bereits umsetzen. Das Schöne am Trend, dem sich auch viele BUND-Gruppen, zum Beispiel in Bochum, Lohr, Gelnhausen, Heidelberg, Bensheim oder Berlin-Schöneberg anschließen: Menschen mit Reparatur-Know-How und solche, die genau diese Fertigkeiten benötigen, weil sie z.B. defekte Geräte haben, aber nicht wissen, wie man sie reparieren kann, finden zusammen.

Wo gibt es das noch: Computer-Nerd trifft Meister im Ruhestand

Tom Hansing schwärmt von den vielen Vorteilen der nicht-kommerziellen Reparatureinrichtungen. So würden die Müllberge potentiell schrumpfen, wenn Menschen weniger wegwerfen und neukaufen. Gerade der Elektroschrott, den man in Deutschland pro Kopf produziere, sei immens; im Jahre 2014 waren es allein hierzulande 21,6 Kilogramm - pro Kopf. "Für viele Menschen ist das Thema Nachhaltigkeit etwas Unkonkretes, Schwammiges. Reparieren aber ist etwas Alltagspraktisches. Man kann tätig werden und ohne große Umwege oder finanzielle Mittel einen nachhaltigen Lebensstil praktizieren", so Hansing.

Begeistert ist er aber auch, weil hier unterschiedliche Menschen produktiv und konstruktiv zu einander fänden, die sonst im Leben eher wenig gemein haben. "Wir sehen hier neue Formen der Vergemeinschaftung. Der junge Computer-Nerd und der verrentete Meisterrentner versuchen gemeinsam, alte Schmuckstücke wieder zum Laufen zu bringen. Solche Gelegenheiten für intergenerationellen Austausch sind selten geworden", resümiert Hansing die Wirkungsmacht der Reparaturinitiativen. Schließlich hänge der Erfolg einer Reparaturveranstaltung auch davon ab, ob es gelinge, die Angst zu nehmen und die „Blackbox Technik“ vom Thron zu stoßen. "Ziel ist nicht die kostenlose Reparaturdienstleistung, sondern die Hilfe zur Selbsthilfe".  Das zu schaffen, liege in der kommunikativen Kunst der Reparateurinnen und Reparateure, wie auch diese Multimedia-Publikation zum Thema zeigt.

Kommunen können helfen, gutes Leben einfach zu machen

Doch auch die Meister des guten Lebens stoßen immer wieder auf Hindernisse: So können bei Unfällen den Veranstaltern einer Repair-Veranstaltung hohe Kosten entstehen. Kommunen können hier durch die Übernahme der Unfallversicherung wunderbar Hilfestellung leisten. Gerade Initiativen, die keine selbstständige Körperschaften, also Vereine oder Ähnliches  sind, können unterstützt werden, beispielsweise durch umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit oder die Bereitstellung von Räumen, wie es zum Beispiel das Tourismusbüro in Bad Kreuznach immer wieder macht. Auch Lagerräume sind für "wiederkehrende" Reparaturinitiativen wichtig. Freiwilligenagenturen, die es bereits in zahlreichen Städten gibt, können als Katalysator für das Engagement dienen – Kooperationen lohnen sich auch hier. Doch aus temporären Reparatur-Veranstaltungen erwächst oft der Wunsch, einen festen Ort zu haben. Daraus haben sich in den letzten Jahrzehnten oft "Häuser der Eigenarbeit" wie in München entwickelt. Hier gibt es eine Übersicht über diese offenen Werkstätten. Wenn die Stadtverwaltung eine regelmäßig zu zahlende Miete für Räumlichkeiten nicht übernehmen kann – so kann sie möglicherweise zugleich problemlos einmalig Werkzeug und Materialien finanzieren. Fragen lohnt sich.

Probier's mal auf dem Wertstoffhof...

Ein noch ungehobener und wohl auch weitgehend unbekannter Schatz ist die Zusammenarbeit von Engagierten mit der kommunalen Abfallwirtschaft. Schließlich können Wertstoffhöfe und "Müllkippen" als umfassendes Ersatzteillager für Reparaturveranstaltungen dienen. Global gesehen könnte in der Zusammenarbeit ein großer Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft gemacht werden. So wird in München diskutiert, ob abgegebene Gebrauchtgeräte Sozialunternehmen zur Verfügung gestellt werden. Analog zum Lebensmittelretten, dem so genannten "Foodsharing", bei dem Freiwillige übrig gebliebene Lebensmittel von Supermärkten, Bäckereien oder Veranstaltungen abholen, würde den Reparatur-Initiativen somit der Zugang zu Deponien und Wertstoffhöfen geöffnet. Ein Modell für die Zukunft, schließlich geht Umnutzen und Reparieren vor Recyceln.

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