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„Licht hat eine dramatische Bedeutung“

11. Februar 2019 | Energiewende, Nachhaltigkeit, Ressourcen & Technik

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Blaulicht in LEDs und unserer Gesundheit? Ein Interview der BUND-Expertin für Energieeffizienz, Irmela Colaço, mit Dieter Kunz, Leiter der AG Schlafforschung & Klinische Chronobiologie am Institut für Physiologie an der Charité Berlin.

Dieter Kunz, Leiter der AG Schlafforschung & Klinische Chronobiologie am Institut für Physiologie an der Charité Berlin  (Dr. Dieter Kunz)

Irmela Colaço: Herr Kunz, aus Klimaschutzsicht ist klar, dass LEDs die Energiesparmeister und damit auch das Leuchtmittel sind, das der BUND empfiehlt. Viele Menschen fragen sich jedoch, wie sich die neue Technik auf ihre Gesundheit auswirkt. In den Fokus gerät dabei vor allem der höhere Blaulichtanteil von LEDs. Was ist dieses blaue Licht und was hat es mit unserem Wohlbefinden zu tun?

Dieter Kunz: Licht hat eine dramatische Bedeutung, nicht nur für das Wohlbefinden, sondern auch für die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit des Menschen. Wir müssen uns klar machen, dass der Mensch ein System an inneren Uhren hat, was vorhersagt, wann wir was am besten tun. Und dieses System wird durch Licht und Dunkelheit getaktet. Der Blauanteil des Lichts ist dabei ein wichtiger Faktor. Denn auf der Netzhaut gibt es nicht nur Stäbchen und Zapfen, die das farbige und Schwarz-Weiß-Sehen ermöglichen, sondern noch ein weiteres Fotopigment, das sogenannte Melanopsin. Wenn Melanopsin Licht mit hohem Blauanteil ausgesetzt ist, teilt es dem System an inneren Uhren mit, dass draußen Tag ist, woraufhin das System „wacher“ wird. Das ist unabhängig von der Tageszeit. Das System besitzt zudem die Fähigkeit, sich umzustellen. So sind wir zum Beispiel in der Lage, nach New York in eine andere Zeitzone zu fliegen und nach kurzer Zeit einen neuen Tag-Nacht-Rhythmus zu entwickeln. Auch auf unterschiedliche Tageslängen – und so auf die verschiedenen Jahreszeiten – können wir uns einstellen. Auch das führt zur Veränderung der Physiologie des Menschen: Der oder die ein oder Andere kennt das vielleicht in Form der sogenannten „Winterdepression“.

Irmela Colaço: Reagieren alle Menschen gleich auf das Licht?

Dieter Kunz: Bei Kindern funktioniert das System der inneren Uhren noch am besten. Deshalb würde ich erwarten, dass sie am stärksten auf verschiedene Lichtverhältnisse reagieren. Allerdings wurde das leider noch nie systematisch untersucht.

Irmela Colaço: Im Idealfall würde künstliche Beleuchtung ja das Tageslicht simulieren. Können LEDs dem nahekommen?

Dieter Kunz: Das Tageslicht ist ein vollspektrales Licht. Dies lässt sich bisher mit keiner aktuell im Handel befindlichen Beleuchtung nachstellen. LEDs könnten das theoretisch! Allerdings sind die Lampen, die heute auf dem Markt sind, dazu noch nicht in der Lage – selbst, wenn sie es auf der Packung behaupten. Ich würde dennoch dazu raten, LEDs zu verwenden, weil sie ein breiteres Spektrum als die anderen Leuchtmittel haben, die heute verkauft werden. Die LED-Lampen haben zudem den Vorteil, dass sie in unterschiedlichen Spektren leuchten können. Bei allen anderen Leuchtmitteln, auch der Glühlampe, können wir die Beleuchtungsstärke variieren, aber nicht das Spektrum, also die Qualität der Beleuchtung. Neben der technischen Revolution ist die LED-Technik damit auch eine biologische Revolution, die ich überaus begrüße. Denn richtig eingesetzt kann sie den natürlichen Rhythmus des Menschen unterstützen, indem sie die Lichtqualität an die Tageszeit anpasst.

Irmela Colaço: Und gleichzeitig gilt dann, von falschem Licht zur falschen Zeit können gesundheitliche Gefahren ausgehen?

Dieter Kunz: Ja genau. Wenn Sie zum Beispiel morgens dunkles Licht mit hohem Rotanteil machen und abends den Blaulichtanteil erhöhen, dann kann Ihr Schlaf-Wach-Rhythmus gestört werden. Wir kennen das Phänomen als sogenanntes „Schichtarbeiter-Syndrom“.

Irmela Colaço: Das bedeutet die Verbraucher*innen müssen bewusster mit dem Licht umgehen?

Dieter Kunz: Oh ja! Es muss Aufklärung geben, wie Licht auf den Menschen wirkt. In unserer Klinik fragen wir die Patient*innen, wie die Beleuchtungsverhältnisse bei ihnen zuhause sind. Ist zum Beispiel nachts das Schlafzimmer ganz dunkel? Und wer abends etwa noch am Laptop sitzt, sollte das blaue Licht rausnehmen. Bei Smartphones gibt es ja oft einen „Nachtmodus“, der abends für mehr gelb-orangenes Licht – und damit für besseren Schlaf sorgt. Das ist kein bloßes Gimmick, das ist Biologie! Es gibt Studien, die sehr deutlich zeigen, dass das auch abendliches Licht einen starken Einfluss auf die Physiologie hat. Hierbei können wir innerhalb von Minuten Veränderungen der Gehirnaktivitäten messen und Veränderungen im Nachtschlaf sehen.

Irmela Colaço: Woran können Verbraucher*innen denn den Blauanteil einer Lampe erkennen?

Dieter Kunz: Der Kelvin-Wert bestimmt die Farbe. Je höher die Kelvin-Zahl einer Leuchte ist, desto kalt-weißer ist das Licht, was sie erzeugt. Als Faustregel gilt also: Je weniger Kelvin, desto weniger Blaulichtanteil.

Irmela Colaço: Was wäre Ihr Appell an Industrie und Politik?

Dieter Kunz: Die LED-Technik muss unbedingt so weiterentwickelt werden, dass die positiven Effekte des Lichts gestärkt werden. Entscheidend ist außerdem, dass wir verstehen, dass wir bei den negativen Effekten nicht über reine Befindlichkeiten reden, sondern dass es um die Leistungsfähigkeit und Gesundheit von Menschen geht. Es kann doch nicht sein, dass in Krankenhäusern nachts um zwei Uhr kaltes, blaues Licht herrscht. Damit werden die Selbstheilungskräfte des Menschen genau dann, wenn er sie am meisten braucht, außer Kraft gesetzt. Dasselbe gilt natürlich für alle Arbeitsstätten: Eine Nachtschicht mit Blaulicht erhöht erwiesenermaßen das Risiko für Krebs und weitere Krankheiten. Hier muss dringend etwas getan werden! Und wir müssen noch viel mehr wissenschaftliche Studien zum Einfluss des Lichts auf unsere Gesundheit durchführen. Das Thema wurde viel zu lange vernachlässigt, übrigens auch schon vor der Verbreitung von LEDs.

Irmela Colaço: Herr Kunz, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

 

 

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