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Gutes Leben ohne Bauen

13. Oktober 2015 | Nachhaltigkeit, Suffizienz

Zwar hat inzwischen fast jeder Politiker begriffen, dass es bei den Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr gut ankommt, die "grüne Wiese" vor der Stadt zuzubauen - aber haben wir dadurch wirklich etwas gewonnen? Schließlich wirkt die Bauwut nun umso stärker innerhalb der Stadtgrenzen, und die Verdichtung nimmt der Natur die letzten freien Flächen und den Nachbarn Licht und Luft. Wir sollten darum radikal umdenken und auf Neubau überall verzichten.

Von Daniel Fuhrhop

Alle zehn Jahre versuchen die Würzburger Kommunalpolitiker, ein Großprojekt im Stadtzentrum durchzusetzen: 2006 sollte es ein Shopping-Center werden, 2015 ein Baukomplex mit Handel und Hotel, für den man die denkmalgeschützte Moritzschule abreißen wollte. Zum Glück ist auf die Würzburgerinnen und Würzburger Verlass, denn wie schon zehn Jahre zuvor lehnten sie auch 2015 in einem Bürgerentscheid die Baupläne der Stadtoberen ab. In diesem Fall haben also die Bürger die Kommune zur Suffizienz gezwungen, zum "Weniger" oder zum Nicht-Bauen. Ein anderes prominentes Beispiel dafür ist der Volksentscheid, mit dem am 25. Mai 2014 insgesamt 739.026 Berlinerinnen und Berliner jeglichen Neubau auf dem Tempelhofer Feld verhinderten. Doch es muss nicht immer der Protest von unten sein, der suffizientes Handeln ermöglicht.

Wie wir Neubau überflüssig machen können

Das Buch "Verbietet das Bauen!" listet insgesamt 50 Werkzeuge, Beispiele und Anregungen auf, die Neubau überflüssig machen, darunter Ideen vom Umbauen und Umnutzen, die Förderung von Umzügen und von neuen Formen des Zusammenlebens. Bei jedem Werkzeug nennt das Buch auch gleich, wer es konkret umsetzen könnte; gleich vierzigmal wird die Politik angesprochen, ein Dutzend Mal ausdrücklich die politisch Verantwortlichen in den Kommunen. Deren Möglichkeiten beginnen mit einem Schritt, der selbstverständlich sein sollte: Sich einen Überblick verschaffen, was wo leersteht. Doch "zwei Drittel der deutschen Städte und Gemeinden wissen nicht, wieviele Häuser, Wohnungen oder Büros bei ihnen leerstehen. Gerade mal ein Viertel der Kommunen hat zumindest einen Teil des Leerstands erfasst, nur jede achte kennt ihn komplett", zitiert das Buch eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

Werkzeuge gegen Leerstand

Einen zusätzlichen Nutzen brächte es, wenn eine Gemeinde ihre leerstehenden Flächen nicht allein nutzt, sondern gemeinsam mit den Nachbarn. So schlugen Planer im Ruhrgebiet vor, sämtliche leeren Büros, Wohnungen und Brachen zu erfassen und gemeinsam zu vermarkten. Das würde einer Revolution gleichkommen, denn bislang handeln dort die 53 Städte und Kreise oft nebeneinander oder gar gegeneinander; aber in der "54. Stadt", die alle Leerstände vereint, fände das Ruhrgebiet neue Gemeinsamkeit.

Doch auch zusammen ist es nicht immer leicht, neue Nutzer für alte Häuser zu finden. In Rotterdam macht darum die Kommune den handwerklich Geschickten ein besonderes Angebot: Sie können ein Haus günstig erwerben, wenn sie es instand setzen und selbst darin wohnen. Ob man dieses sogenannte Klushuizen-Projekt auch in Deutschland umsetzen kann, prüft derzeit die Landesinitiative Stadtbaukultur NRW, und denkt dabei etwa an die Bochumer Straße in Gelsenkirchen, wo sich ein leeres Haus ans nächste reiht. Jede Altbau-Wohnung, die auf diesem Weg wieder bewohnt wird, macht eine Neubau-Wohnung überflüssig – und alle Werkzeuge zusammen sorgen dafür, dass wir nicht mehr neu bauen, sondern unsere Städte neu beleben.

Zum Autor

Daniel Fuhrhop ist Betriebswirt und war viele Jahre Architekturverleger. Im August ist im oekom-Verlag seine Streitschrift "Verbietet das Bauen!" erschienen.

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