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Fracking in Zeiten des Klimawandels

10. Februar 2017 | Energiewende, Klimawandel

Ab diesem Wochenende darf in Deutschland wieder gefrackt werden. Nach fünf Jahren Streit tritt heute das Fracking-Gesetz der großen Koalition in Kraft.

Ann-Kathrin Schneider, BUND-Klimaexpertin  (Sebastian Hennigs)

Neben den Auswirkungen der Gasförderung mit der Methode des Fracking auf Menschen und Umwelt in der Umgebung der Bohrungen ist das Inkrafttreten des Gesetzes mit Blick auf den Klimawandel ein deutlicher Rückschritt. Das Fracking-Gesetz verzögert das Ende der fossilen Energie-Ära und die Umsetzung des Klimaschutzabkommens von Paris. Um - wie dort beschlossen - die Erderwärmung möglichst auf maximal 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, stehen der schnelle Ausbau erneuerbarer Energien, drastische Energieeinsparungen und die Steigerung der Energieeffizienz auf der Tagesordnung, nicht aber Zuwächse bei der Gasförderung und eine Steigerung der damit einhergehenden CO2-Emissionen.

Tonnenweise Sondermüll

Die Methode des Fracking - also das Herauspressen von Gas- oder Ölreserven aus tiefen Erdschichten unter hohem Druck mithilfe von Flüssigkeiten - ist umweltpolitisch unverantwortlich, klimapolitisch kontraproduktiv und energiepolitisch verzichtbar. Beim Fracking fallen giftige Bohrschlämme an, Mischungen aus Schlamm und Gesteinsresten versetzt mit krebserregenden Kohlenwasserstoffen, mit Quecksilber, Arsen und radioaktiven Partikeln. Diese Bohrschlämme sind Sondermüll. In Niedersachsen, dem Bundesland mit den größten Gasvorkommen, waren die Mengen in den letzten Jahren so groß, dass über 300.000 Tonnen davon auf Sondermülldeponien in anderen Bundesländern entsorgt werden mussten.

Der Umgang mit den Bohrschlämmen und mit dem Lagerstättenwasser, das bei den Bohrungen zwangsläufig mit gefördert wird, konnte bislang nirgendwo zufriedenstellend gelöst werden. Während die Schlämme in Sondermülldeponien gelagert werden, dürfen die giftigen Flüssigkeiten unter die Erde gepumpt werden und gefährden so zur Trinkwasserversorgung genutzte Grundwasserleiter. Ob diese Praxis eine der Ursachen für die massiv erhöhten Krebsraten in einigen Gasförderregionen Niedersachsens ist, wird noch untersucht. Beispielsweise haben Behörden und Ärzte in der niedersächsischen Gemeinde Bothel in den letzten zehn Jahren rund doppelt so viele Leukämie-Erkrankungen bei Männern festgestellt als es der Durchschnitt erwarten ließ. Es ist nicht auszuschließen, dass bestimmte Prozesse der Fracking-Gasförderung dafür verantwortlich sind. Deshalb fordert auch die Bevölkerung in der Region ein Moratorium für die Gasförderung und die schnelle Aufklärung der Ursachen der Erkrankungen.

Der Widerstand ist groß

Die Zeichen der Zeit erkannt haben inzwischen andere europäische Staaten. In den Niederlanden demonstrierten in dieser Woche in Groningen Tausende gegen die Erdbeben-Gefahren durch das Gas-Fracking. In Irland und Schottland wiederum werden Gesetzesinitiativen diskutiert, die alle Arten von Fracking unmöglich machen. Und in Dänemark und Polen gaben inzwischen sogar einige Fracking-Firmen ihre Förderlizenzen zurück.

In Europa sind es nur Deutschland und Großbritannien, wo es der Öl- und Gasindustrie gelang, den Gesetzgeber von einem Fracking-Verbot abzubringen. Gerade in diesem Jahr, in dem die Bundesregierung die G20-Präsidentschaft u.a. mit dem Schwerpunkt Klimaschutz innehat und im November in Bonn der Weltklimagipfel stattfindet, sind in der Klima- und Energiepolitik die Weichen jetzt richtig zu stellen. Ziel muss es sein, so schnell wie möglich eine 100-prozentige regenerative Stromversorgung aufzubauen und sich auch in den anderen Energie- und Industriesektoren sowie im Verkehrsbereich von fossilen Energiequellen zu verabschieden. Es gilt, die Erfolge der Energiewende und damit auch die dezentrale Stromerzeugung - d.h. die Errichtung bzw. Nutzung erneuerbarer Energieanlagen in Bürgerhand - als wichtigen Akteur zu stärken.

Die Energiewende gelingt dort am besten, wo Initiativen, Gruppen, Familien und die Kommunen gemeinsam Erneuerbare-Energien-Projekte planen, finanzieren und realisieren. Die dezentrale Energieversorgung ist eine grundsätzliche Voraussetzung für eine sozial verträglich und klimafreundlich gestaltete Gesellschaft. Und wenn mit Energie verantwortungsvoll umgegangen, der Gebäudebestand besser isoliert und die Verschwendung von Energie, Strom und Wärme beendet wird, werden umweltschädliche Energieträger wie Erdöl, Erdgas und auch die Atomenergie überflüssig. Eine Mehrheit der Deutschen befürwortet ein Fracking-Verbot und den entschlossenen Ausbau erneuerbarer Energien.

Klimaschutz soll nicht berücksichtigt werden

Interessant wird es nach Inkrafttreten des Fracking-Gesetzespakets nun vor allem in Niedersachsen. Denn hier, wo Gas schon seit längerem per Fracking gefördert wurde, sollen noch dieses Jahr erste Bohrungen unter den veränderten gesetzlichen Bedingungen stattfinden. Es heißt, dass die BASF-Tochter Wintershall versuchen wird, sich in Niedersachsen eine Frackingbohrung in Sandstein genehmigen zu lassen. Die neue Gesetzgebung erlaubt das Fracking in Sandstein, jedoch nur nach Anhörung der Anwohner und der örtlichen Wasserbehörde. Offen ist zudem, ob die Klimawirkungen von Fracking-Projekten in den Genehmigungsverfahren eine Rolle spielen werden. Das ist die größte Leerstelle im neuen Fracking-Gesetz, die Belange des Klimaschutzes sollen in künftigen Genehmigungen unberücksichtigt bleiben. Angesichts des rasant voranschreitenden Klimawandels ist das nicht hinnehmbar.

Die niedersächsische Landesregierung muss deshalb vor der Entscheidung über ein mögliches Fracking-Projekt dessen Auswirkungen auf das Klima untersuchen lassen. Dabei würde eines deutlich werden: Gas, das mit dieser Methode gefördert wurde, schadet dem Klima. Allein deshalb sollte Fracking verboten werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.fr-online.de  

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