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Bitte keine Reklame! Grenoble schafft als erste Stadt Europas Werbung im öffentlichen Raum ab

08. Mai 2015 | Nachhaltigkeit, Suffizienz

Als erste Stadt Europas schafft das französische Grenoble ab Januar 2015 schrittweise die Werbung im Öffentlichen Raum ab. Stattdessen will man Platz für Begegnungen schaffen und die Natur zurück in die Stadt holen. Dazu haben wir mit Lucille Lheureux, der für Öffentlichen Raum und Stadtnatur zuständigen Bürgermeisterin in Grenoble, gesprochen. Die Stadträtin des Bürgerbündnisses aus Grünen, Linken und Zivilgesellschaft erklärt uns die mutige Entscheidung in der französischen Alpenstadt und ihre Verbindung zur Suffizienzpolitik.

Grenoble mit und ohne Werbung  (Ville de Grenoble)

Ein Interview von Jan Korte

Frau Lheureux, wie kamen Sie dazu, das Thema Außenwerbung auf die politische Agenda Grenobles zu setzen?

Lucille Lheureux: Da muss ich ein bisschen ausholen. Zur letzten Kommunalwahl im März 2014 haben wir ein Wahlbündnis gegründet, das sich zu gleichen Teilen aus Europe-Ecologie-Les Verts (den Grünen), der Parti de gauche (den Linken) und Mitgliedern der Zivilgesellschaft, aus Vereinen und Initiativen zusammensetzt. Im Vorfeld haben wir Leitlinien für eine gemeinsame Politik definiert. Diese Leitlinien umfassen die Themen Ökologie, soziale Gerechtigkeit und partizipative Demokratie. Wir haben zusammen eine neue Vision für die Stadt entwickelt. Denn in den letzten Jahren gab es sehr viel Unmut in Grenoble: Der Protest gegen große, millionenschwere Infrastrukturprojekte wie die geplante Umgehungsstraße im Norden oder ein neues Stadion waren symptomatisch für  das Misstrauen der Bürgerinnen und Bürger gegenüber der etablierten Politik. Die Bürgerinnen und Bürger wurden einfach nicht ernst genommen, hatten das Gefühl, nicht gehört zu werden. Dieser Vertrauensverlust hat dann unser Bündnis auch mit ins Rathaus getragen – im Stadtrat stellen wir seit der Wahl mit 41 Abgeordneten und dem Bürgermeister Eric Piolle die absolute Mehrheit.

Wie und warum kam dann das Thema Werbung ins Spiel?

Im Bündnis haben wir die großen Leitlinien in 120 konkrete Wahlversprechen für die Stadt übersetzt. 20 davon beschäftigen sich mit der „Demokratischen Stadt“ zur besseren Einbindung der Bürgerinnen und Bürger, etwa 40 mit der sozial-ökologischen Transformation und den Themen Energiewende, gerechtem Zugang zu Wasser und Öffentlichem Nahverkehr und dem Verbraucherschutz. Beim dritten Thema „Menschengerechte Stadt“ geht es um Lebensqualität, den Platz von Kindern und Alten im Öffentlichen Leben, um Geschlechtergerechtigkeit und eine Stadt der kurzen Wege. Das Thema Werbung berührt nun gleich mehrere dieser Aspekte und ist faktisch wie symbolisch ein großes Problem in der Stadt.

Was haben Sie konkret an den Reklametafeln im Öffentlichen Raum auszusetzen?

Hier stehen vor allen Dingen zwei Dinge im Vordergrund. Zum einen geht es um die Verschönerung der Stadt und darum, die Natur zurück in die Stadt zu holen. Sie müssen wissen, Grenoble liegt direkt an den Alpen und hat das Glück, ein wunderschönes Bergpanorama zu haben. Doch sind die Sichtachsen oft durch riesige Reklametafeln versperrt. Indem wir Werbeflächen durch Bäume ersetzen, leisten wir nicht nur einen Beitrag zur Ästhetik der Stadt, sondern auch zur Biodiversität und für ein besseres Stadtklima. Das wird in den nächsten Jahrzehnten immer wichtiger werden! Zum anderen geht es um das Thema Sozialer Zusammenhalt in der Stadt. Denn was heißt das denn eigentlich, in der Stadt wohnen? Für uns ist das mehr, als in seinen eigenen vier Wänden zu wohnen, zur Arbeit zu fahren und die Kinder aus der Schule abzuholen. In Frankreich ist der Öffentliche Raum leider überhaupt kein gemeinschaftlicher Raum mehr. Die Leute haben Angst vor der Privatisierung des Öffentlichen Raumes, nutzen ihn aber auch deswegen immer weniger. So verkommt er zu einem Nicht-Ort. Seit etwa 15 Jahren sehen wir diese Bewegung der Umgestaltung öffentlicher Plätze hin zu Betonwüsten, zum großen Nichts: Es gibt keine Sitzbänke, keine Grünflächen, keine Orte des Miteinanders. Mit den Maßnahmen gegen die Werbetafeln wollen wir das Modell einer anderen Stadt propagieren.     

Wie sieht denn für Sie dieses andere Modell genau aus? Verbinden Sie auch Kritik an der Konsumgesellschaft und Postwachstums-Ideen mit ihren politischen Projekten?

Selbstverständlich – weniger Haben, mehr Sein, das ist für uns ein wichtiger Grundgedanke, auch symbolisch. Wir möchten aber vor allem einen Gesellschaftsentwurf herausfordern, der anonymen, transnationalen Konzernen das Geld in den Rachen wirft. Wir möchten lieber die lokale Wirtschaft unterstützen. Aber das tun wir nicht, indem wir JCDecaux teuer Werbetafeln vermieten lassen. Schließlich haben nur ganze fünf örtliche Gewerbetreibende in den vergangenen Jahren deren Flächen genutzt. Der Großteil der Werbeflächen wird von großen Marken in Anspruch genommen, die wiederum nur in den großen Supermarktketten erhältlich sind. Zusammen mit dem Wahlversprechen, keine neuen Hypermärkte mehr in der Kommune zuzulassen, ist die Reduzierung der Außenwerbung eine Maßnahme von mehreren, um regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Und nochmal zum Thema Miteinander: Wir möchten den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeiten geben, auf eigenen Plakatflächen untereinander zu kommunizieren und beispielsweise über Nachbarschaftsfeste, Sportvereine, Bürgerinitiativen oder Schulkonzerte zu informieren.

Das klingt nach einem machbaren Projekt. Was glauben Sie, warum hat es so lange gedauert, bis eine Stadt in Europa sich traut, die Werbeflächen im Öffentlichen Raum abzuschaffen? Ihre Argumentation klingt doch sehr überzeugend.

Weil es wirklich ein Symbol für das bestehende Modell ist, das seit Jahrzehnten existiert. Weil es einen Normalzustand darstellt. Weil die Werbetafeln so präsent in der Stadtlandschaft sind. Im Wahlkampf haben wir genau das gesagt, dass wir das vorherrschende System ändern möchten. Wir sind keine Politik-Profis, für viele von uns ist es das erste öffentliche Amt. Umso weniger waren wir an irgendwelche politischen Absprachen in Hinterzimmern oder Kompromisse gebunden. Deswegen machen wir hier eine klare Ansage.

Der Vertrag der Stadt mit JCDecaux, einem der großen Unternehmen, die weltweit Werbeflächen bereitstellen, ist im Januar 2015 ausgelaufen. Grenoble hat ihn nicht verlängert. Was hat das Unternehmen alles versucht, um sie umzustimmen?

Die Verträge, die Decaux auf der ganzen Welt anbietet, funktionieren nach dem Prinzip „Geben und Nehmen“. Wie in Paris haben Sie uns ein Fahrradleihsystem angeboten, für dessen Einrichtung und Unterhalt sie aufkommen und im Gegenzug exklusiv die Vermarktungsrechte der Werbeflächen erhalten würden. Doch haben wir in Grenoble ein ganz wunderbares Langzeit-Fahrradleihsystem, das mit den Pariser Vélibs nicht vergleichbar ist. Wir möchten nachhaltige Mobilität fördern und erreichen, dass die Leute ihr Fahrrad im Alltag – immer, so oft wie möglich – nutzen. Dafür ist das System von JCDecaux aber völlig ungeeignet. Dann haben Sie uns digitale Screens für das Stadtmarketing angeboten. Aber die verbrauchen unglaublich viel Energie und verschmutzen die Stadt visuell im höchsten Maße. Das wäre im Endeffekt noch viel schädlicher für die Stadt gewesen. Ich glaube, es hat sich bisher einfach noch niemand getraut, Nein zu sagen. Und seien wir ehrlich: Werbung ist ein Modell von gestern.

Zurück zur Realpolitik: Auf welche Einnahmen muss die Stadt denn nun verzichten?

Der bisherige Vertrag, der jetzt im Januar ausgelaufen ist, hat uns jährlich 600.000 € eingebracht – für insgesamt 326 Werbetafeln. Für einen möglichen neuen Vertrag haben die Unternehmen aber nur um die 150.000 € geboten. Das liegt daran, dass die Umsätze im Bereich Außenwerbung massiv zurückgegangen sind, vor allen Dingen durch die Konkurrenz im Online-Marketing, das spezifischer auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe eingehen kann. Was Sie jetzt aber überraschen wird: Selbst die 600.000 € machen nur 0,2 % unseres gesamten städtischen Haushalts aus, der insgesamt einen Umfang von 330 Millionen € hat. Wir sehen also: Die Werbung trägt nur einen Bruchteil zu den städtischen Finanzen bei. Wir können darauf also verzichten. Vor allen Dingen ist das aber eine Summe, die in keinster Weise rechtfertigen würde, unsere politischen Überzeugungen einfach so über Bord zu werfen. 

Wie waren die Reaktionen: Gab es Hindernisse auf dem Weg zur werbefreien Stadt?

JCDecaux war natürlich sauer. Die fürchten jetzt, dass Grenoble ein Vorbild für andere Städte sein wird. Zu Recht – denn in Lille beispielsweise sind die Grünen schon sehr an unseren Erfahrungen interessiert, letzte Woche habe ich mit belgischen Politikern gesprochen. Im Stadtrat waren die beiden großen Oppositionsparteien, die Parti socialiste und die Rechte gegen das Vorhaben. Der Unmut im Gewerbe hielt sich allerdings in Grenzen. Gemeinsam mit dem Einzelhandel in den Stadtvierteln wollen wir jetzt überlegen, wie wir ihr Angebot im öffentlichen Raum sichtbar machen können.

Und die grenoblois? Was meinen die zu ihrer neuen Stadt ohne Werbung?

Der Bürgermeister und ich haben enorm viel Post bekommen. Um die 500 Briefe und E-Mails haben uns erreicht, die das Projekt loben und unterstützen – eine wirklich tolle Reaktion. Nur ca. 10 Mails waren kritischer Natur. Die waren aber nicht per se gegen das Abschaffen der Werbetafeln, sondern fragten sich, ob man sich nun auch endlich mal um ihre Probleme kümmern könne. Alles in allem waren das sehr positive Reaktionen.

Aber was glauben Sie, warum hat dieses Projekt gerade in Grenoble funktioniert?

Unser Alpenpanorama hatte da glaube ich einen großen Einfluss. Die Bewohner der Stadt sind sehr sensibel, was das Stadtbild und die Natur angeht. Jeder schaut sich gerne die Berge an, im Sommer wie im Winter. In Grenoble gibt es außerdem eine starke Bürgerbewegung, wir haben hier viele Vereine und Initiativen, wir sind Universitätsstadt. Man spürt hier einen esprit citoyen.

Es scheint, als wäre der Kampf gegen Werbung nur der Anfang. Was haben Sie noch geplant, um eine Politik des „Weniger“ nach Grenoble zu bringen?

Verstärkt möchten wir uns dem Themenkomplex gesunde Ernährung und nachhaltige Landwirtschaft widmen. In einem Projekt wollen wir alle öffentlichen Kantinen auf 100% Bio umstellen, momentan liegen wir bei etwa 50%. In einem anderen Projekt bringen wir die Essbare Stadt nach Grenoble und ermöglichen allen Bürgerinnen und Bürgern, im öffentlichen Raum zu gärtnern, zu pflanzen, zu ernten. Dazu legen wir momentan einen großen, gemeinschaftlichen Obstgarten an. Jedes Jahr soll ein neuer Gemeinschaftsgarten dazu kommen.  Sie sehen, die Ernährungsfrage ist bei uns Herzstück unseres Engagements für eine andere Konsumkultur, denn Essen müssen wir alle.  Zusätzlich möchte ich erwähnen, dass wir uns auf die Maxime „Renovieren statt Neubauen“ verpflichtet haben und Pioniere des Bauens mit nachhaltigen Rohstoffen werden möchten.

Es scheint wirklich, als wäre in Grenoble unglaublich viel in Bewegung. Wie fühlen Sie sich, Teil dieser Aufbruchsstimmung zu sein?

Das ist wirklich wunderbar. Schließlich kommen die meisten von uns aus der Zivilgesellschaft und können jetzt mit ganzem Herzen was bewegen. Wir widmen uns für die nächsten 5 Jahre unserem Mandat und setzen die Vision der „einen Stadt für alle“ zusammen um. Das ist einfach toll. 

Frau Lheureux, Danke für das Gespräch und alles Gute nach Grenoble.

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