Vorgestellt – Menschen in der Bundesgeschäftsstelle

Wer ist das eigentlich? Was macht die eigentlich? In "Mehr über uns" stellen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Bundesgeschäftsstelle vor. Unser aktuelles Porträt: Reinhild Benning, Agrarexperin beim BUND.

Reinhild Benning, BUND-Agrarexpertin

Reinhild Benning, geb. 1970 im Münsterland, wuchs auf einem gemischten Betrieb mit Kälbern, Hühnern und Schweinen auf. Bereits mit 14 Jahren engagierte sie sich im agrarpolitischen Arbeitskreis der Landjugend. In Köln studierte sie Deutsch, Sozialwissenschaften und Philosophie, entschied sich jedoch nach dem Studium, in der Landwirtschaft Fuß zu fassen. Nach einer dreijährigen Ausbildung in Kleve zur Landwirtin im Ökolandbau, arbeitete sie in einem landwirtschaftlichen Frauenkollektiv in der Nähe von Berlin. Über die ehrenamtliche Arbeit in Verbänden kam sie 2003 zum BUND.

Anfang des Jahres protestierten über 20.000 Menschen in Berlin für eine ökologische Landwirtschaft. Zuvor hatte der BUND die Belastung von Hähnchenfleisch durch antibiotikaresistenten Keime aufgedeckt. Warum werden Antibiotika so massiv in der Massentierhaltung eingesetzt und was sind die größten Risiken für den Verbraucher?

Die Haltung in Intensivtierhaltungen – 99 Prozent der Geflügelmastanlagen und 70 Prozent der Schweinemastanlagen in Deutschland – bedeutet:  Die Tiere leben auf sehr engem Raum zusammengepfercht und sollen dabei Höchstleistung erbringen: maximal Zunehmen in kürzester Zeit. Gleichzeitig werden sie an den Stall angepasst, indem ihnen Schnäbel oder Schwänze kupiert werden. Durch diesen Stress werden viele der Tiere krank.

Niedersächsische Veterinärbehörden sagen: Ohne Antibiotika würden viele dieser Tiere die Schlachtbank gar nicht erreichen. Das ist der Grund, weshalb – je nach Studie – in 100 Prozent der Mastkälberhaltung und in über 90 Prozent der Geflügelhaltung Antibiotika eingesetzt werden. In solchen Tierhaltungen, in denen Antibiotika eingesetzt werden, überleben jene Keime am besten, die Resistenzen gegen Antibiotika ausgebildet haben. Wir  züchten diese Keime also regelrecht heran. Die aktuelle BUND-Untersuchung beweist, dass antibiotikaresistenten Keime bis in die Küche der Verbraucher kommen. Es besteht also ein ganz direktes Gesundheitsrisiko.

Die BUND-Untersuchung wurde im Januar veröffentlicht, was hat sich seitdem getan?

Dank der Untersuchung haben wir vier Gesetze geöffnet, bei denen noch keine Änderung erfolgt ist: das Arzneimittelgesetz, das Tierschutzgesetz, das Baurecht und das Immissionsschutzgesetz. Bei letzterem wird diskutiert, ob es strengere Abstände von Massentierhaltungsanlagen zu Wohngebieten geben soll. Wir arbeiten natürlich mit Stellungnahmen und politischer Lobbyarbeit massiv daran, hier weiter Druck zu machen. Das tut die Gegenseite auch und leider wird die Industrie offensichtlich sehr viel intensiver von der Politik wahrgenommen, denn bisher haben wir beinahe keinen Fortschritt erreicht. Als einzige Verbesserung steht eine Änderung des Baugesetzes bevor. Extrem große Massentierhaltungsanlagen mit über 60.000 Legehennen und über 85.000 Masthähnchen sollen weniger Privilegien genießen als zuvor.

Bei kleineren Anlagen gibt es allerdings keine Änderung.

Das stimmt, die meisten Massentierhaltungsanlagen werden für 40.000 Plätze errichtet und diese sind in dieser Gesetzesänderung leider noch nicht erfasst.

Es handelte sich allerdings doch erst um einen Vorschlag?

Das wird derzeit im Kabinett so diskutiert. Wenn die Bundesregierung diesen Vorschlag macht, muss man ganz klar sagen: Das reicht nicht aus.

Auch für das Arzneimittelgesetz gibt es ja bereits Änderungsvorschläge.

Wir fordern für das Arzneimittelgesetz erst einmal eine korrekte Erfassung des Antibiotikaeinsatzes auf jedem Hof. Bereits heute müssen Tierärzte und Bauern die Medikamente dokumentieren, allerdings nicht digital, sondern in einer Art Stallbuch. Somit ist es für Veterinärbehörden vor Ort ungeheuer aufwendig, Daten zusammenzutragen, außerdem sind sie personell einfach nicht in der Lage dazu. Wir fordern deswegen eine digitale Erfassung und die Bundesländer unterstützen dieses Vorhaben. Die Bundesregierung ziert sich aber, und die Geflügelindustrie macht dort natürlich nicht mit. Weiterhin müssten die konkreten Daten von der Pharmaindustrie über den Verkauf von Tierpharmazeutika pro Jahr schon längst vorliegen. Die Bundesregierung lässt sich all dies gefallen, was in der Logik des konsequenten Wegschauens steht, damit nicht an die Substanz der Massentierhaltung herangegangen werden muss. Aber wir geben nicht auf, sondern haben weitere Untersuchungen in Planung.

Ein großer Teil der Lebensmittel- und Landwirtschaftspolitik wird durch Subventionen – zu großen Teilen durch die EU – gesteuert. Welche Position beziehen die übrigen europäischen Staaten? Haben sie eine andere, tierfreundlichere Landwirtschaft als Deutschland?

Deutschland ist in mancherlei Hinsicht geradezu Schlusslicht im Tierschutz, teilweise werden sogar EU-Regeln nicht eingehalten. So ist es nur in Ausnahmen gestattet, Hühnern die Schnäbel zu kürzen oder Schweinen die Schwänze zu kupieren, was dennoch in einem Großteil der Stallungen in Deutschland passiert. Einen Vollzug des Tierschutzes gibt es kaum, weil es viel zu wenig Personal gibt, um die Einhaltung von Tierschutzregeln vor Ort zu kontrollieren. In den Niederlanden, in Dänemark und auch z. T. in Schweden gibt es eindeutig bessere Tierhaltungsbedingungen. Geht man z. B. nach dem Zentimetermaß – also dem Platz pro Tier – hat Deutschland ganz und gar keine Vorreiterrolle.

Sehen Sie eine Chance, dass Deutschlands Landwirtschaft noch die Kurve kriegt?

Ja, noch wäre ein Großteil der deutschen Höfe in der Lage, auf eine artgerechte und umweltverträgliche Haltung umzustellen. Die Höfe könnten also ihre Tiere von der eigenen Fläche und mit eigenem Futter ernähren. Hier sehen ich eine große Chance, denn nur in der Zusammenarbeit mit Landwirten können wir eine nachhaltige Landwirtschaft gestalten. Allein die Rahmenbedingungen sind zurzeit schlecht, Industrie und Handel können die Preise diktieren und in den Keller drücken, weil zu viel Fleisch am Markt ist.

Welche Entscheidungen stehen auf europäischer und bundespolitischer Ebene in nächster Zeit an?

Ein sehr wichtiges Ziel ist die EU-Agrarreform, sie kommt wohl Mitte 2013. Die Vorschläge der Kommission zu dieser Reform sind brauchbar. Allein Deutschland möchte diese Reform nicht und versucht, die Beschlüsse aufzuweichen. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns im Januar zur nächsten "Wir haben es satt"-Demo wieder alle in Berlin zusammenfinden, um die Bundesregierung unter Druck zu setzen. Wir müssen der Welt zeigen, dass die Auffassung der Regierung und der Investoren aus der Landwirtschaft – alles beim Alten zu belassen – nicht die Auffassung der Menschen ist.

Wie können sich Bürgerinnen und Bürger aktiv gegen Massentierhaltung einsetzen?

Wir müssen unser Kaufverhalten ändern. Die Deutschen konsumieren mit 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr noch deutlich zu viel. Aber das Wachstum der Fleischindustrie besteht derzeit eher im Export. Weil wir selbst, trotz des hohen Konsums, einen Überschuss produzieren. Was kann jedeR Einzelne tun? Den BUND in seinen Studien, Untersuchungen und seiner Lobbyarbeit unterstützen. Jedes Mitglied tut durch seinen Monatsbeitrag aktiv etwas gegen Massentierhaltung. Jeder kann aber auch bei den Onlineaktionen gegen Massentierhaltung mitmachen. Zurzeit gibt es eine Aktion gegen Landgrabbing. Weiterhin kann man in Bürgerinitiativen aktiv werden, wenn in der eigenen Region eine Massentierhaltungsanlage besteht oder geplant ist.

Bei Eiern ist es einfach zu erkennen, ob sie aus Käfig- oder Freilandhaltung stammen. Ist eine ähnliche Regelung auch für Fleisch in Sicht?

Das ist eine unserer langjährigen Forderungen. Die Bundesregierung verlagert das Problem nach Europa, statt selbst mit einer Regelung voranzugehen. Auf europäischer Ebene wird diese Regelung im Parlament durchaus diskutiert, jedoch nicht von Mehrheiten unterstützt. Ich kann hier nur die VerbraucherInnen auffordern, mit Briefen an die EU, die Bundesregierung und die Industrie diese Forderung immer wieder zu unterstreichen.

Welche Rolle spielt beim Thema Landwirtschaft der internationale Dachverband des BUND "Friends of the Earth"?

Friends of the Earth ist für mich eine sehr wichtige Größe. Die Treffen mit Friends of the Earth sind eine wirkliche Inspirationsquelle, es ist unersetzlich, mit den Kollegen aus Paraguay und auch aus Afrika zu sprechen. Sie sind von der Landnahme durch europäische Konzerne und vom Sojaanbau direkt betroffen. Kurz: Die Berichte aus unseren internationalen Gruppen, die Kämpfe, die sie durchstehen und das unermüdliche Engagement sind für mich ein großes Vorbild.

Vielen Dank für das Interview, Reinhild Benning.

Das Interview führten BUND-Mitarbeiter Jan Beyer und Ralf Kretzschmar im Juli 2012.



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