Vorgestellt – Menschen in der Bundesgeschäftsstelle

Dr. Heidrun Heidecke: Leitung Naturschutzpolitik und -koordination
Dr. Heidrun Heidecke: Leitung Naturschutzpolitik und -koordination

Porträt: Heidrun Heidecke, Leiterin Naturschutzpolitik und -koordination

Heidrun Heidecke, geb. 1954 in Magdeburg, arbeitete nach ihrem Studium an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 13 Jahre lang als Lehrerin. Im Wendeherbst 1989 engagierte sie sich als Gründungsmitglied der Grünen Partei der DDR im Bezirk Magdeburg. Von 1990 bis 1994 gehörte sie dem Landtag von Sachsen-Anhalt an. Dort war sie parlamentarische Geschäftsführerin und umweltpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Im Juli 1994 wurde sie zur Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Landwirtschaft und Umwelt ernannt. Gleichzeitig war sie bis zum Ende der Wahlperiode Stellvertreterin des Ministerpräsidenten. Im November 1998 begann sie ihre ehrenamtliche Tätigkeit für den Vorstand des BUND und ist hier seitdem für verschiedene Naturschutzprojekte zuständig, seit 2007 hauptamtlich. Seit über zehn Jahren unterrichtet sie als Gastprofessorin und Dozentin an Hochschulen.

Wenn Ihr Name fällt, hört man als erstes mit einer gewissen Ehrfurcht: Wir haben eine frühere Ministerin als Naturschutzexpertin im Verband...

Ach, das ist ja schon zehn Jahre her! Natürlich waren die acht Jahre in der Politik prägend und wertvoll für mich. Ich profitiere davon noch heute. Ich habe dort hautnah erfahren, wie Politik funktioniert. Aber genauso wichtig sind andere berufliche Erfahrungen für mich: Ich war vor meiner Zeit als Abgeordnete im Landtag von Sachsen-Anhalt und als grüne Umweltministerin immerhin 13 Jahre Lehrerin für Biologie und Chemie. Mir lag das Pädagogische immer am Herzen, deswegen habe ich auch gleich nach dem Ausscheiden aus dem Ministerinamt 1998 wieder unterrichtet. Außerdem war und ist die ehrenamtliche Arbeit für mich von zentraler Bedeutung. Ich brauche immer die Rückkopplung zur Basis.

Wie sieht das konkret aus?

Ich habe zum Beispiel gerade wieder während meines Urlaubs zwei Camps in der "Wildnis Goitzsche“, dem früheren Braunkohlegebiet in Bitterfeld, mit 30 Kindern organisiert. Da geht es darum, Kinder und Jugendliche an die Natur heranzuführen und ihnen ganz handfeste Dinge zu vermitteln. Viele wissen wenig über Natur und Tiere. Neulich hat ein Kind mit dem Brustton der Überzeugung gesagt: "Ein Huhn hat vier Keulen." Der Junge kannte eben nur die Hähnchenkeulen-Packungen aus der Tiefkühltruhe von Aldi. Wir führen diese Kindercamps seit 2003 durch.  Etwa 18.000 Menschen haben wir insgesamt seit dem Jahr 2000 durch unser Schutzgebiet geführt. Da mir diese Wildnis Goitzsche besonders am Herzen liegt, bin ich dort auch schon lange Schatzmeisterin in der BUND-Kreisgruppe Bitterfeld und in der Freiwilligenkoordination tätig. Im Zuge der BUND-Kampagne "Wildnis in Deutschland" Ende der neunziger Jahre ist es dem BUND gelungen, die 1.300 Hektar zu kaufen und für Naturschutzzwecke zu sichern. Heute trägt die BUND-Stiftung hier die größte Verantwortung. Das Besondere an dem Goitzsche-Konzept ist, dass Menschen dort – im Gegensatz zu vielen Nationalparks – mit eingeplant sind. Naturschutz braucht Fläche und viele im Osten – ehemals militärisch oder für Rohstoffabbau genutzt – wurden ja nach der Wende frei und neuen Bestimmungen zugeführt.

Das ist ein gutes Stichwort. Als Ministerin haben Sie sich ja schon für diese Wildnis stark gemacht. Was war für Sie als Ministerin am schwersten in der Zeit? Und gab es auch ein Bedauern nach dem Ausscheiden aus dem Amt?

Belastend war es, dass ich als grüne Ministerin natürlich gegenüber dem größeren Koalitionspartner SPD nicht alles durchsetzen und in der Öffentlichkeit gelegentlich Dinge vertreten musste, die nicht meine eigene Überzeugung widerspiegelten. Am schwersten war es dann, die Unzufriedenheit der eigenen Basis auszuhalten. Manches ist auch am Bund gescheitert, zum Beispiel die friedliche Nutzung der Colbitzer Heide. Rund 100 Gemeinden hatten damals in Sachsen-Anhalt dafür gestimmt, leider erfolglos. Das Bundesverteidigungsministerium hat seinen Plan zur militärischen Nutzung durchgezogen. Das hat der Demokratie in Sachsen-Anhalt schweren Schaden zugefügt.

Ich bin jetzt froh, das ich jedenfalls keine Rücksichten mehr auf eine "Koalitionsdisziplin" nehmen und keinerlei Kompromisse mittragen muss, die mir schwer im Magen liegen.

Bedauert habe ich natürlich, dass ich Projekte wegen des Zeitmangels nicht abschließen konnte. Man steckt in manches viel Arbeit hinein, stellt in Kleinstarbeit einen Konsens mit vielen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen her und dann ist die Legislaturperiode zu Ende, der Wahlkampf steht vor der Tür und die Dinge werden auf Eis gelegt. So ging es mir zum Beispiel mit dem Landesentwicklungsprogramm. Da hatten wir Innovatives vor, zum Beispiel, wie Naturschutz und regenerative Energie sinnvoll aufeinander abgestimmt werden können. Das konnte ich leider nicht zu Ende führen. Wenn ich heute in Sachsen-Anhalt den Wildwuchs an Windkraftanlagen sehe, ärgert mich das natürlich.

Sie sind seit 2007 hauptamtlich für die Koordination von Naturschutzprojekten zuständig. Was ist derzeit das wichtigste Projekt?

Das "Rettungsnetz Wildkatze". Daran sind mittlerweile acht Landesverbände beteiligt. Anfangs waren es nur drei – Thüringen, Bayern und Hessen. Seitdem wir im letzten Jahr den Wildkatzenwegeplan entwickelt haben, ist das Projekt enorm gewachsen. Außerdem unterstütze ich die Landesverbände auch bei anderen Naturschutzprojekten. Wir unterstützen zum Beispiel alle Aktivitäten gegen die Zerstörung des Gipskarstes durch Tagebaue und koordinieren das "Abenteuer Faltertage". Wir sorgen gemeinsam mit der Internetredaktion dafür, die Arten- und Naturschutzprojekte in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.
 
Bei Ihnen vermutet man, dass Naturschutz auch jenseits von Haupt- und Ehrenamt in Ihrer Freizeit eine Rolle spielt.

Das stimmt. Ich muss auch immer mal die Gummistiefel anziehen und mich in der Natur bewegen. Als Biologin ist und bleibt es für mich eine spannende Aufgabe, Artengruppen zu erfassen und zu kartieren. Der Naturschutz ist einfach meine Leidenschaft.

Das Interview führte BUNDmagazin-Redakteurin Gabriele Mittag.



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