Heinz Ratz über die Idee zu seine Flusstour

"Als ich vor vielen Jahren einen alten Augsburger Maler fragte, was für ihn der Unterschied sei zwischen der Zeit, in der er jung war und der Zeit heute, erhielt ich eine unvergessliche Antwort. Er sagte: "Als ich jung war, war die Welt voller Schmetterlinge. Jetzt gibt es fast keine mehr!"

Man mag darüber lächeln, aber es ist doch für jeden fühlbar, dass eine Welt voller Schmetterlinge eine andere ist, als eine Welt ohne Schmetterlinge. Wir leben in einer Zeit unvorstellbarer Umweltzerstörung. Dabei kennen wir von allen Tier- und Pflanzenarten nur gerade mal ein Zehntel. Aber 40 Prozent von allen Arten, die wir kennen und noch nicht kennen, sind entweder ausgerottet oder vom Aussterben bedroht. Die Aussterberate der Tiere und Pflanzen ist durch menschliche Einflüsse ca. 10.000 mal höher als die natürliche wäre. 150 Tier- und Pflanzenarten sterben jeden Tag aus. Wir sind dabei, unseren Kindern eine furchtbar verödete Welt zu hinterlassen. Und wir sind alle mitschuldig daran. Ich. Du. Jeder. Wir verweigern uns nicht, sondern nehmen teil.

Admiral, Foto: © Frank Hollenbach / PIXELIO; Luchs, Foto: © Helga Schmadel / PIXELIO; Eisvogel, Foto:© Uwe Kunze / PIXELIO.
Sind bei uns äußerst rar geworden: der Admiral, der Luchs und der Eisvogel.

Darüber hinaus gibt es im Menschen ein fatales Selbstbewusstsein, mit allem doch irgendwie fertig zu werden. Und sei es unter geradezu irrsinnigen Opfern. Wir meinen, auch in einer Welt ohne Vögel, ohne Blumen, ohne Waldspaziergänge, ja, zur Not auch ohne Sonnenaufgänge, ohne den Wechsel von Tag und Nacht überleben zu können. Wir glauben daran, uns allem anpassen zu können. Aber welchen Preis zahlen wir?! Wie wenig Dankbarkeit gegenüber unserer Erde, die uns mit ihrer Vielfalt nährt und schützt und hervorgebracht hat! Wie wenig Verantwortungsbewusstsein und Liebe, auch gegenüber unseren Kindern, die in einer Welt leben müssen, die wir ihnen gestalten.

Leider hat in der Geschichte die Vernunft noch nie die Kraft besessen, große gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Immer war das erst als Reaktion auf Katastrophen möglich oder auf nicht mehr zu ertragende Unmenschlichkeiten. Immerhin hat es ein Teil der Welt geschafft, sich dadurch in Staaten mit einer demokratischen Grundordnung zu organisieren. Wenn ich mir aber diese Gesellschaften genauer betrachte, sehe ich die schönen Werte der Demokratie durchtränkt von einer versteckten Rücksichtslosigkeit der Besitzenden gegenüber den Besitzlosen, einer überheblichen Zerstörungswut gegenüber der gesamten Tier- und Pflanzenwelt und einer leider wachsenden feindseligen Distanz zwischen den Kulturen und Religionen.

Heinz Ratz beim "Lauf gegen die Kälte", Foto: Gerhard Löhr
Heinz Ratz beim "Lauf gegen die Kälte", Foto: G. Löhr

Ich habe im Frühjahr 2008 versucht, auf die gesellschaftliche Verhärtung aufmerksam zu machen, sichtbar durch den zunehmenden Sozialabbau, in dem ich zu Fuß von Dortmund nach München lief und jeden Abend Konzerte gab und Spenden zugunsten von Wohnungslosen sammelte. Es war der „Lauf gegen die Kälte”. Dieser Lauf war das erste von insgesamt 3 Projekten. Gemeinsam bilden sie den „Triathlon der neuen Werte”.

Im zweiten Projekt „Die Lee(h)re der Flüsse” - möchte ich auf die ungeheure Zerstörung unserer Natur aufmerksam machen, aber auch auf ihre Geduld und Schönheit, auf ihren bewahrenswerten Reichtum, aus dessen Überfluss auch die Menschheit, als eine von vielen Spielarten, hervorging. In engem Schulterschluss mit dem BUND - Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, werde ich Teilstrecken von deutschen Flüsse entlang schwimmen - täglich bis zu 20 Kilometer - zu 52 Städten, und wie schon beim „Lauf gegen die Kälte” Konzerte geben, Spenden sammeln für regionale Artenschutzprojekte, aber auch die Gelegenheit schaffen, sich zu informieren, zu diskutieren, auszutauschen und einer Politik mit einem klaren „Nein!” entgegenzutreten, die nur von Profitgier und Rücksichtslosigkeit bestimmt wird.

Der Musiker Heinz Ratz bei einem seiner Konzerte, Foto Sascha Loss
Der Musiker Heinz Ratz bei einem seiner Konzerte, Foto S. Loss

Jahrtausendelang wurde in Flüssen geschwommen. Es war eine absolute Selbstverständlichkeit, wie etwa ein Waldspaziergang auch. Heutzutage wird die Verschmutzung der Flüsse als gegeben hingenommen, der Mensch scheint sich mit seiner selbstverschuldeten Vergiftung des Wassers derart abgefunden zu haben, dass die Idee, durch die deutschen Flüsse zu schwimmen, als absurd und gefährlich empfunden wird. In dieser Gewöhnung an eine durch Umweltzerstörung verunstaltete Welt sehe ich eine große Gefahr und möchte mit der Rückkehr zum Schwimmen die Aufmerksamkeit darauf richten, dass wir uns eben nicht damit abfinden sollten, dass unsere Welt durch verantwortungslose Politik und wirtschaftliche Gewinnsucht zerstört wird, sondern dass wir alle ein Grundrecht haben auf eine intakte, gesunde Umwelt, dass wir Verantwortung tragen gegenüber allen uns wehrlos ausgelieferten Tieren und Pflanzen und dass wir alle die Welt mit gestalten, in der unsere Kinder leben müssen. Wegschauen und Abfinden und Resignieren kann keine Veränderung bewirken."



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