Hätte nach der Katastrophe von Tschernobyl der normale Menschenverstand regiert, dann würden heute, fast zwanzig Jahre später, sicher keine Reaktoren desselben Bautyps (RBMK-1000) mehr laufen. Die ältesten Einheiten dieses Typs stehen 80 Kilometer westlich von St. Petersburg, in der Retortenstadt Sosnovy Bor.
Eigentlich wäre die Laufzeit der Reaktoren Leningrad eins bis vier des LNPP ("Leningrad Nuclear Power Plant") nach rund 35 Jahren Betrieb verstrichen. Wer aber meint, die hochriskanten Moloche würden nun endgültig stillgelegt, der unterschätzt den ökonomischen Pragmatismus russischer Politiker und Unternehmer: Alle vier Reaktoren wurden in den 1990er Jahren nacheinander "modernisiert" und werden noch bis mindestens 2025 Strom produzieren (Reaktor 1 bis 2019, Reaktor 2 bis 2022, Reaktoren 3 und 4 bis 2025).
Durch die extreme Laufzeitverlängerung steigt das ohnehin hohe nukleare Risiko für St. Petersburg, die gesamte Region und das nur 200 Kilometer entfernte Finnland um ein Vielfaches. Energiepolitisch ist die Laufzeitverlängerungen überflüssig, denn zum einen ist der Stromverbrauch in der Region deutlich zurückgegangen, zum anderen könnte durch Energieeffizienzmaßnahmen das AKW überflüssig gemacht werden.