Sosnovy Bor: nichts gelernt aus Tschernobyl

Landkarte mit eingetragener Lage von Sosnovy Bor, Foto: CC BY SA Uwe Dedering/wikicommons
Sosnovy Bor, Russische Föderation.

Hätte nach der Katastrophe von Tschernobyl der normale Menschenverstand regiert, dann würden heute, fast zwanzig Jahre später, sicher keine Reaktoren desselben Bautyps (RBMK-1000) mehr laufen. Die ältesten Einheiten dieses Typs stehen 80 Kilometer westlich von St. Petersburg, in der Retortenstadt Sosnovy Bor.

Eigentlich wäre die Laufzeit der Reaktoren Leningrad eins bis vier des LNPP ("Leningrad Nuclear Power Plant") nach rund 35 Jahren Betrieb verstrichen. Wer aber meint, die hochriskanten Moloche würden nun endgültig stillgelegt, der unterschätzt den ökonomischen Pragmatismus russischer Politiker und Unternehmer: Alle vier Reaktoren wurden in den 1990er Jahren nacheinander "modernisiert" und werden noch bis mindestens 2025 Strom produzieren (Reaktor 1 bis 2019, Reaktor 2 bis 2022, Reaktoren 3 und 4 bis 2025).

Durch die extreme Laufzeitverlängerung steigt das ohnehin hohe nukleare Risiko für St. Petersburg, die gesamte Region und das nur 200 Kilometer entfernte Finnland um ein Vielfaches. Energiepolitisch ist die Laufzeitverlängerungen überflüssig, denn zum einen ist der Stromverbrauch in der Region deutlich zurückgegangen, zum anderen könnte durch Energieeffizienzmaßnahmen das AKW überflüssig gemacht werden.

Es geht um wirtschaftliche Interessen…

Sosnovy Bor, Foto: Bayoue/wikicommons, gemeinfrei
"Kernkraftwerk Leningrad" in Sosnovy Bor.

Bei dem von Siemens und E.ON mitfinanzierten Projekt ging es von Anfang an darum, Strom nach Westeuropa zu exportieren. Über neue Leitungen, die aus dem Nordwesten Russlands über Finnland und Schweden gen Westen führen, wird der Strom in das europäische Netz eingespeist. Die hiesigen Stromkonzerne profitieren durch den mit geringem Aufwand produzierten Strom und haben sich gleichzeitig die billigste Variante der Endlagerung gesichert: Der strahlende Atommüll bleibt einfach dort, wo er produziert wird. Der schon erschreckende Müllberg erhöht sich immer weiter: Etwa 4.000 Tonnen abgebrannter Brennstoff sind in Sosnovy Bor in den letzten 30 Jahren angefallen. In den Abklingbecken neben dem Werk lagern außerdem mehr als 30.000 bestrahlte Brennstäbe, die etwa 20 Tonnen Plutonium enthalten.

Indem die EU die Vernetzung und Kooperation mit dem russischen Strommarkt vorantreibt, unterstützt sie die verantwortungslose Politik der russischen Behörden, die aus reinem Profitdenken heraus die Sicherheit der eigenen Bevölkerung aufs Spiel setzen und keinerlei Rücksicht auf die Umwelt nehmen.



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Bildergalerie, 11.3.2012

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