Tscheljabinsk – der verseuchteste Fleck der Erde

Lager für spaltbares Material in Majak (zur Bauzeit), Foto: gemeinfrei, Carl Anderson, US Army Corps of Engineers
Lager für spaltbares Material in Majak (zur Bauzeit).

Im Ural, rund 1.200 Kilometer östlich von Moskau, liegt im russischen Verwaltungsbezirk Tscheljabynsk der Ort Kyshtym. 15 km östlich von Kyshtym befindet sich das "Chemiekombinat" Majak. Dort arbeiten 17.000 Menschen in einer Wiederaufbereitungsanlage zur Gewinnung von Plutonium, einem Lager für radioaktive Abfälle, oder in einem der sieben Atomreaktoren, von denen fünf still gelegt sind. Einem Gutachten der UN zufolge weist das Gelände, auf dem sich die 90 Quadratkilometer große Anlage befindet, die größte radioaktive Verseuchung der Welt auf.

Seit den 1950er Jahren wurde in Majak waffenfähiges Plutonium hergestellt. Mit unvorstellbarer Rücksichtslosigkeit gegenüber Mensch und Natur wurden dabei von Beginn an verheerende Verschmutzungen billigend in Kauf genommen: Der Fluss Tetscha, Trinkwasserquelle für über 120.000 Menschen, wurde als Kühlmittel benutzt und ebenso wie der Karachay-See über Jahrzehnte mit strahlendem Müll verseucht. Nach Angaben von Greenpeace ist der See mittlerweile so vergiftet, dass ein mehrstündiger Aufenthalt an seinen Ufern unter Umständen tödliche Folgen haben kann. Jedes dritte Kind in dem Gebiet kommt mit Missbildungen zur Welt.

Majak – das Tschernobyl der 1950er Jahre

Landkarte mit eingetragener Lage von Majak, Foto: CC BY SA Uwe Dedering/wikicommons
Majak, Russische Föderation.

Wie viele Unfälle oder "Störfälle" sich in den letzten 50 Jahren dort ereignet haben, wissen vermutlich nur wenige Menschen ganz genau. 1957 jedenfalls ereignete sich eine Katastrophe, die dem Unglück von Tschernobyl hinsichtlich der Menge an freigesetztem radioaktiven Material in nichts nachsteht. Durch Überhitzung explodierte ein Tank mit einem flüssigen Gemisch aus Radionukliden und anderen Abfallprodukten der Plutonium-Wiederaufarbeitung.

Nach unterschiedlichen Angaben starben 1.000 Menschen direkt durch die Explosion. Die freigesetzte Strahlung, die mit dem zwei- bis sechsfachen der Tschernobyl-Katastrophe angegeben wird, zog etwa 270.000 Menschen in Mitleidenschaft. Die Sowjet-Regierung vertuschte die Katastrophe, die Bevölkerung wurde nicht gewarnt und, wenn überhaupt, erst eineinhalb Jahre nach dem Unglück evakuiert. Erst im Juli 1989 informierte die sowjetische Regierung offiziell über die Katastrophe von Majak. Zum 31. Dezember 2002 legte die russische Atomsicherheitsbehörde die Anlage wegen der Trinkwasser-Gefährdung still, aber schon im März 2003 wurde, unter Auflagen, eine neue Genehmigung erteilt.

Radioaktiver Abfall aus Westeuropa landet im Südural

In jüngerer Zeit war Majak wieder in die Schlagzeilen gekommen, weil ein Gesetz der Duma seit Sommer 2001 den Import radioaktiven Mülls gestattet. Dabei wurden in Majak ohnehin schon radioaktive Abfälle mit einer Gesamtaktivität von einer Milliarde Curie angehäuft - 20 mal mehr, als in Tschernobyl freigesetzt wurde.

Seit Sommer 2003 rollen nun regelmäßig Container mit verbrauchten Brennstäben in den Ural, aus Ungarn, aus Bulgarien oder der Ukraine. Ende 2010 sollte sogar ein Atommülltransport aus dem Zwischenlager Ahaus nach Majak geschickt werden: Bundesumweltminister Röttgen stoppte den Transport der Brennelemente aus dem ehemaligen DDR-Forschungsreaktor Rossendorf im letzten Moment. Auch andere Staaten wie Japan, Südkorea, Spanien oder die Schweiz haben Interesse, ihre Abfälle in Majak zu lagern. Das dürfte vor allem mit dem Dumpingpreis zu erklären sein, denn während andere europäische Betriebe zwischen 1.200 und 1.500 Dollar je Kilo kassieren, kann man seinen Atommüll in Russland für günstige 300 bis 620 Dollar loswerden. Es sieht so aus, als sollte Majak noch sehr lange der giftigste Ort der Welt bleiben...



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