Goitzsche-Wildnis – Brennpunkt biologischer Vielfalt

Einzig ihren Namen aus uralten Zeiten hat die Goitzsche, ein Landstrich nahe der Stadt Bitterfeld, bis heute nahezu unverändert bewahrt. Alles Übrige an ihr hat einen äußerst tiefgehenden Umbau von Menschenhand erfahren.

Neues Leben entsteht

Einst war die Goitzsche als ausgedehnte, natürliche Flussaue ein überaus artenreicher Lebensraum. Jetzt ist hier eine weiträumige Bergbaufolgelandschaft langsam auf dem Weg zu neuem Leben. Dazwischen liegen fast hundert Jahre Braunkohle-Tagebau. Sie haben die vielgestaltige, artenreiche Fauna und Flora des mehr als 6.000 Hektar großen Terrains nahezu restlos abgeräumt. Doch vom Tag an, da die Bagger stillstanden, keimten wieder Pflanzen in den aufgewühlten Böden und nahmen Tiere das verlassene Gebiet erneut in Besitz.

Der Vierfleck ist in der Wildnis der Goitzsche häufig anzutreffen, Foto: Stefanie Mösch

Dieser spontanen Wiederbesiedelung wollte der BUND von Anfang an am liebsten vollkommen freien Lauf lassen. Wenn schon nicht auf ganzer Fläche, so sollte dort der natürliche Wildwuchs auf einem nennenswert großen Areal absoluten Vorrang genießen. Dafür haben BUND-Landesverbände seit 2001 etliche große Flächen in der Goitzsche gekauft.

Unterwasserexkursion in den Großen Goitzsche-See

  • Unterwasserwiese aus Laichkraut, Foto: F. Wieland
  • Süßwassermeduse,  Foto: F. Wieland

Im Oktober, der Zeit, wo das Seeadlerpaar am Großen Goitzsche-See auf Störungen am unempfindlichsten reagiert, gab es mit Genehmigung der BUNDstiftung eine Unterwasser-Fotoexkursion in Teile des Großen Goitzsche-Sees – mit vielen spannenden Entdeckungen. So konnten die Taucher unter anderem Süßwasser-Medusen beobachten und fotografieren ebenso wie Süßwasserschwämme.

Medusen und Schwämme

Die Süßwasser-Meduse ist die einzige Süßwasserqualle in Mitteleuropa. Die schirmartig geformten, durchscheinenden Medusen haben zu Beginn ihrer Entwicklung nur acht Fangarme, doch nimmt die Anzahl der nesselbesetzten Tentakeln mit zunehmender Größe rasch auf mehr als 500 zu. Die Tiere werden nur bis zu ca. 2 bis 2,5 cm groß.

  • Süßwasserschwamm  im Großen Goitzsche-See, Foto: Frank Wieland
  • Wels im Großen Goitzsche-See, Foto: Frank Wieland
  • Wasserschlauch im Großen Goitzsche-See, Foto: Frank Wieland
  • Laichkraut mit Knospen im Großen Goitzsche-See, Foto: Frank Wieland

Süßwasserschwämme sind einfache Vielzeller im Tierreich. Es gibt sechs sehr schwer zu unterscheidende Arten im heimischen Süßwasser. Schwämme bilden einen flachen Überzug auf festen Unterlagen, der zwischen einigen Millimetern bis zu 20 cm groß ist und geweihartig oder klumpig aussieht. Ihre Farbe variiert von grün, grau bis gelblich.

Reiche Fischwelt in der Goitzsche-Wildnis

Natürlich gab es auch viele Fische zu beobachten. Bekannt ist, dass es 17 Fischarten im See gibt. Und die sehr imposanten Welse wissen offenbar ganz genau, dass ihnen in der Goitzsche-Wildnis keinerlei Gefahr droht. Hier herrscht Angelverbot! Mehrere staatliche Exemplare von mehr als einem Meter Länge wurden beobachtet. Die Seebereiche zwischen den Inseln dienen vielen Fischen als Kinderstube. Und so wimmelte es auch nur so von kleinen Fischlein, darunter Barsche, Hechte, Plötzen und Rotfedern.

Blitzschnell: der Wasserschlauch

Auch die Pflanzenwelt unter Wasser hielt Überraschungen bereit, z.B. bis zu fünf Meter lange Laichkräuter. Immerhin schon vier verschiedene Arten. Dazwischen ganze Wälder vom zarten Tausendblatt und vom Wasserschlauch, einem pflanzlichen Räuber. Mit seinen Fangbläschen kann diese fleischfressende Pflanze kleine Wassertierchen fangen und verdauen. Die Bläschen funktionieren nach dem Saugfallenprinzip. Innerhalb der Fangblase wird ein Unterdruck aufgebaut, der die Blasenwände zusammenzieht. Die Fangblase ist mit einer Klappe verschlossen, an der sich einige feine Borsten befinden. Mittels chemischer Lockstoffe werden Beutetiere, z.B. kleine Wasserflöhe, angelockt. Sobald die Borsten von diesen berührt werden, öffnet sich die Klappe, und zwar mit der schnellsten bekannten Bewegung im Pflanzenreich: Das Beutetier wird mit hineingerissen und danach schließt sich die Falle wieder. Nun wird verdaut! Durch diese Zusatznahrung kann der Wasserschlauch auch in sehr nährstoffarmen Gewässern leben.

In der Goitzsche sind auch Deutschlands "Einwanderer" heimisch geworden: Amerikanischer Flusskrebs, Dreikantmuschel und die Schmalblättrige Wasserpest. Und sie scheinen sich in das erst etwa zehn Jahre alte Ökosystem des Sees eingepasst zu haben, ohne in der Goitzsche-Unterwasserwildnis Probleme zu bereiten.

Reiche Fischwelt im Großen Goitzsche-See, Foto: Frank Wieland

20 Prozent der Fläche im Besitz der BUNDstiftung

Heute gehören der BUNDstiftung 1.300 Hektar zusammenhängende Flur im Südwesten des Gebiets. Das sind rund 20 Prozent der Gesamtfläche, die nun dauerhaft der freien Entfaltung von Wildnis vorbehalten bleiben. Diese Entwicklung stellt zwar in dem tiefgreifend veränderten Gelände nicht wieder her, was einmal dort war – von Ausnahmen wie der Bärenhofinsel, die auch in Tagebauzeiten weitgehend unangetastet blieb, einmal abgesehen.

Wunderbare Selbstheilungskräfte der Natur

Trotzdem ist die neu entstandene Goitzsche-Wildnis inzwischen zu einem regelrechten Brennpunkt der biologischen Vielfalt geworden. Und das ist beachtlich für ein revitalisiertes Industriegebiet inmitten unserer dichtbesiedelten Kulturlandschaft. Doch hier sind nicht allein Schutzräume für selten gewordene Arten entstanden. Die Goitzsche ist außerdem ein eindrucksvoller Schauplatz für die wunderbaren Selbstheilungskräfte der Natur. Sie brechen sich überall Bahn, wo wir ihnen Raum und Zeit dafür lassen. Und wie jede wiedergewonnene Wildnis trägt auch der Wildwuchs der Goitzsche das Vermögen zur Wiederbelebung weiterer Areale in sich. Und genau dieses Potenzial ist es, das das Projekt weit über die Grenzen der Goitzsche hinaus bedeutsam macht.

Kraniche in der Goitzsche, Foto: F. Heidecke
Kraniche in der Goitzsche, Foto: F. Heidecke

Dann gilt es, den Freiwilligen die Flächen zu zeigen, die Kartierungen mit ihnen abzusprechen. Jetzt wo die Kraniche aus dem Süden heimgekehrt sind und in der Goitzsche ihre Reviere besetzen, werden diese Bereiche mit Infrarotkameras überwacht um die Tiere einerseits nicht zu beunruhigen und andererseits aber auch ausreichende Informationen über die Kranichbruten zu erhalten.

In wenigen Wochen ist es dann wieder Zeit, die Tonnen der vier Kilometer langen Tonnenkette zum Schutz der Bärenhofinsel und des dort brütenden Seeadlers vor ungebetenen Besuchern auf dem See auszubringen. 40 Tonnen werden ausgebracht. Dies ist eine anstrengende Arbeit, denn die Tonnen müssen vom Boot aus ins Wasser gebracht werden, teils müssen 30 Meter lange Ankerketten vom Seegrund an die Oberfläche gezogen werden. Und dann müsen die ersten Veranstaltungen für die Osterferien vorbereitet werden, darunter ein wilder Ostertag für Kinder zwischen sechs und acht Jahren.

Bei den notwendigen Gebietskontrollen bleibt wenigstens ein wenig Zeit  dem langanhaltenden Gesang der am Himmel "stehenden" Feldlerchen, die schwermütige, abfallenden Strophe der verwandten Heidelerche oder das einfache Lied der Goldammer zu lauschen.  Und wenn im Mai der flötenartige Ruf des exotisch anmutenden Pirols ertönt, ist die Natur vollständig aus den Federn. Aber bis dahin ist in der Goitzsche-Wildnis noch einiges zu tun.

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