Das BUNDmagazin 3/2011 erscheint Mitte August. Lesen Sie hier vorab das Interview mit Thorben Becker, dem Leiter des BUND-Klimateams.

Atomausstieg: Praxistest bestanden

Porträtfoto Thorben Becker
Thorben Becker leitet das Klimateam des BUND.

Acht Atomkraftwerke sind seit Anfang Juli endgültig vom Netz, die übrigen sollen bis 2022 stillgelegt werden. Was dem BUND viel zu lange dauert, geht einigen Bedenkenträgern aus Politik und Stromwirtschaft deutlich zu schnell. Sie warnen vor Versorgungsproblemen, vor Atomstromimporten aus Tschechien und Frankreich und vor steigenden Strompreisen. Was ist dran an diesen Befürchtungen? Fünf Fragen an den BUND-Experten Thorben Becker.

Wenn wir unsere Atomkraftwerke abschalten, müssen wir unweigerlich Strom importieren, im schlimmsten Fall auch aus Atomkraftwerken – stimmt das?

Nein. Die letzten Monate waren ein Praxistest für den Atomausstieg. Drei Monate lang waren mindestens acht der 17 AKW vom Netz, im Mai konnten zeitweise gar nur vier deutsche Atomkraftwerke Strom einspeisen. Die Stromversorgung hat in all dieser Zeit problemlos funktioniert. Zwar sind die Stromimporte etwas gestiegen, doch blieb die Auslastung unserer fossilen Kraftwerke stabil – der Import war schlicht billiger als die Nutzung der heimischen Kapazität. Bestehende Überkapazitäten, Reserven im Kraftwerkspark und bereits geplante neue Kraftwerke können den Wegfall der Atomkraft komplett kompensieren.

Wer behauptet, der zusätzlich (und eigentlich unnötig) importierte Strom käme aus Atomkraftwerken, hat dafür keinerlei Nachweis. Atomstrom ist auf dem Strommarkt kurzfristig nicht zu bekommen. Importiert wird vielmehr – nach einer Untersuchung des Öko-Instituts – Strom aus fossilen Kraftwerken.

Schadet es nicht dem Klima, wenn jetzt vermehrt Kohlekraftwerke zum Einsatz kommen?

Selbstverständlich werden wir bei einem Atomausstieg kurzfristig mehr Strom aus Kohle gewinnen. Der negative Klimaeffekt bleibt jedoch gering, da der Emissionshandel die Summe der CO2-Emissionen europaweit begrenzt. Deshalb war es immer schon falsch zu be­haupten, dass längere AKW-Laufzeiten den Klimawandel bremsen könnten. Der einzige Effekt wären sinkende CO2-Preise gewesen. Wäre der Emissionshandel perfekt und nicht voller Schlupflöcher, hätte der Atomausstieg keinerlei negative Folgen für den Klimaschutz. So aber werden wir sicher erleben, dass RWE und andere versuchen, sich CO2-Zertifikate aus fragwürdigen Projekten in Entwicklungsländern zuzukaufen.
Dies haben sie aber schon vor dem Atomausstieg getan. Wesentlicher wird der Effekt sein, dass CO2-Zertifikate teurer werden – was gut ist für den Klimaschutz in Europa. Wie klimaverträglich der Atomausstieg wird, hängt vor allem davon ab, welche neuen Kraftwerke in Deutschland gebaut werden.

Windräder auf einem Feld, Foto: www.istockphoto.com
Der BUND begrüßt es, dass jetzt endlich auch Bayern und Baden-Württemberg die Windenergie stärker fördern.

Wird der Atomausstieg zu höheren Strompreisen führen?

Die Händler an der Strombörse glauben offenbar nicht daran, denn dort haben sich die Preise seit Fukushima nur wenig verändert. Der mittlere Preis lag im zweiten Quartal 2011 bei moderaten 53,61 Euro je Megawattstunde ­– nach 51,85 Euro im Quartal davor.



An der Strombörse werden auch Lieferkontrakte für künftige Jahre gehandelt. An diesen lässt sich die langfristige Preiserwartung ablesen. Am letzten Handelstag vor dem Tsunami in Japan kostete eine Megawattstunde, die 2012 geliefert wird, 53,20 Euro. Nach dem Ausstiegsbeschluss Ende Juni lag der Preis dann bei 56,90 Euro – eine Differenz von gerade einmal 0,37 Cent pro Kilowattstunde.

Am Ende sind das nicht mehr als die berühmten Peanuts. Denn der Strompreis für Lieferungen im Jahr 2012 schwankte in den letzten Jahren auch ohne Fu­kushima und energiepolitische Kehrtwenden zwischen 50 und 90 Euro. Die Preiserwartungen der Stromwirtschaft liegen derzeit also eher im unteren Bereich.

Weniger Atomkraftwerke schwächen außerdem die Position der vier großen Stromkonzerne und führen zu mehr Wettbewerb – und damit sinkenden Preisen.

Wo soll der Strom herkommen, wenn die Reaktoren abgeschaltet sind?

Wir können die Atomkraftwerke spielend ersetzen. Dazu müssen die erneuerbaren Energien weiter engagiert ausgebaut werden. Am sichersten wird unsere Stromversorgung, wenn wir sie dezentral gestalten. Deshalb begrüßt der BUND sehr, dass jetzt endlich auch Bayern und Baden-Württemberg die Windenergie stärker fördern. Die Bundesregierung dagegen hat – trotz der Stilllegung von acht Atomkraftwerken – ihr Ausbauziel für die Erneuerbaren nicht verändert; das ist zu wenig.

Am sinnvollsten ist es, die Atommeiler einfach wegzusparen. Wir haben hierfür ein Sofortprogramm vorgeschlagen. Mit Effizienzfonds können bis 2020 durch bereits verfügbare, aber noch nicht konsequent ge­nutz­te Technik allein 70 bis 120 Terrawattstunden Strom gespart werden. Nur mittels mehr Effizienz würden damit zehn Atommeiler überflüssig. Als Ergänzung werden wir in den nächsten Jahren noch einige neue Gaskraftwerke brauchen. Und davon umso weniger, je stärker wir unseren Stromverbrauch senken und die Erneuerbaren ausbauen.

Braucht Deutschland nun viele neue Stromleitungen?

Der Atomausstieg funktioniert laut einer Studie Olav Hohmeyers vom Sachverständigenrat für Umweltfragen ohne einen einzigen Kilometer neue Stromleitung. Die Energiewende hin zu einer Vollversorgung mit erneuerbarer Energie braucht dagegen ein anderes Stromnetz als heute. Wir werden deshalb in den nächs­ten Jahren das Netz um- und auch ausbauen müssen.

Wenn wir uns dabei nur an den Erfordernissen der Erneuerbaren orientieren, sinkt der Ausbaubedarf. So schafft die Abschaltung der Atomkraftwerke Krümmel, Brunsbüttel und Unterweser neue Kapazitäten für die Einspeisung von Offshore-Windenergie. Je schneller die Energiewende, desto überflüssiger ein Netzausbau mit Leitungen, die gleichzeitig für alte AKW, neue Kohlekraftwerke und Erneuerbare ausgelegt sein müssen. Dies gilt erst recht, wenn endlich auch in Süddeutschland die Windenergie engagiert ausgebaut wird.

Vorrangig sollte also der Netzausbau neu und besser geplant werden, um den Netzumbau voranzubringen. Eine gute und eindeutig auf die Energiewende ausgerichtete Strategie wird dann auch die Akzeptanz neuer Leitungen erhöhen – wo sie denn nötig sind.

Mehr zum Thema Atomkraft auf www.bund.net

Das nächste BUNDmagazin mit dem Themenschwerpunkt "Halbherzige Energiewende" erscheint Mitte August. BUND-Mitglieder bekommen es frei Haus, alle anderen können es für 15 Euro abonnieren: mehr Informationen.



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