Acht Atomkraftwerke sind seit Anfang Juli endgültig vom Netz, die übrigen sollen bis 2022 stillgelegt werden. Was dem BUND viel zu lange dauert, geht einigen Bedenkenträgern aus Politik und Stromwirtschaft deutlich zu schnell. Sie warnen vor Versorgungsproblemen, vor Atomstromimporten aus Tschechien und Frankreich und vor steigenden Strompreisen. Was ist dran an diesen Befürchtungen? Fünf Fragen an den BUND-Experten Thorben Becker.
Wenn wir unsere Atomkraftwerke abschalten, müssen wir unweigerlich Strom importieren, im schlimmsten Fall auch aus Atomkraftwerken – stimmt das?
Nein. Die letzten Monate waren ein Praxistest für den Atomausstieg. Drei Monate lang waren mindestens acht der 17 AKW vom Netz, im Mai konnten zeitweise gar nur vier deutsche Atomkraftwerke Strom einspeisen. Die Stromversorgung hat in all dieser Zeit problemlos funktioniert. Zwar sind die Stromimporte etwas gestiegen, doch blieb die Auslastung unserer fossilen Kraftwerke stabil – der Import war schlicht billiger als die Nutzung der heimischen Kapazität. Bestehende Überkapazitäten, Reserven im Kraftwerkspark und bereits geplante neue Kraftwerke können den Wegfall der Atomkraft komplett kompensieren.
Wer behauptet, der zusätzlich (und eigentlich unnötig) importierte Strom käme aus Atomkraftwerken, hat dafür keinerlei Nachweis. Atomstrom ist auf dem Strommarkt kurzfristig nicht zu bekommen. Importiert wird vielmehr – nach einer Untersuchung des Öko-Instituts – Strom aus fossilen Kraftwerken.
Schadet es nicht dem Klima, wenn jetzt vermehrt Kohlekraftwerke zum Einsatz kommen?
Selbstverständlich werden wir bei einem Atomausstieg kurzfristig mehr Strom aus Kohle gewinnen. Der negative Klimaeffekt bleibt jedoch gering, da der Emissionshandel die Summe der CO2-Emissionen europaweit begrenzt. Deshalb war es immer schon falsch zu behaupten, dass längere AKW-Laufzeiten den Klimawandel bremsen könnten. Der einzige Effekt wären sinkende CO2-Preise gewesen. Wäre der Emissionshandel perfekt und nicht voller Schlupflöcher, hätte der Atomausstieg keinerlei negative Folgen für den Klimaschutz. So aber werden wir sicher erleben, dass RWE und andere versuchen, sich CO2-Zertifikate aus fragwürdigen Projekten in Entwicklungsländern zuzukaufen.
Dies haben sie aber schon vor dem Atomausstieg getan. Wesentlicher wird der Effekt sein, dass CO2-Zertifikate teurer werden – was gut ist für den Klimaschutz in Europa. Wie klimaverträglich der Atomausstieg wird, hängt vor allem davon ab, welche neuen Kraftwerke in Deutschland gebaut werden.