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Klimapiraten: Freibeuter entern die Weltpolitik

Mit kreativen Aktionen sorgten die Klimapiraten der BUNDjugend beim Klimagipfel in Kopenhagen für Furore. Schon ihre Anreise war eine Demonstration der besonderen Art. Mit den beiden traditionellen Segelschiffen "Lovis" und "Petrine" fuhren sie CO2-frei über die Ostsee von Greifswald nach Kopenhagen.

Aufhalten kann sie jetzt niemand mehr, dazu sind sie schon zu weit gekommen. Mit Salz auf den Lippen und Fahrtwind im Gesicht trotzen sie den Wellen der winterlichen Ostsee, sind trotz Schaukelei und Seekrankheit wild entschlossen zum Kampf. "Act the f**k now" schreit es in großen Lettern von ihrem Gaffelsegel – "Handelt, verdammt noch mal!" Vorne am Bugspriet behält ein verwegen dreinschauender Seemann, einen Totenkopf am schwarzen Hut, den Horizont im Blick. Unter Deck planen die Kameraden, ausgestattet mit Augenklappe und Piratentuch, derweil bei Kräutertee und Vollkornbrot die nächste Attacke. Auf zwei gut hundert Jahre alten Traditionsschiffen segeln die »Klimapiraten« nach Kopenhagen zum UN-Klimagipfel, um die Weltpolitik zu entern: Spektakuläre Aktionen sollen aufrütteln und Druck auf die verhandelnden Politiker erzeugen.

Am Start

Ortstermin in Greifswald, ein eisiger Dezembermorgen. Hier und heute stechen die Klimapiraten in See und geben sich dabei medienwirksam als echte Freibeuter: Sie jagen das vom dänischen Energiekonzern Dong Energy geplante Kohlekraftwerk Lubmin symbolisch über die Planke und lassen den pechschwarzen Dong-Mann unter lautem Geheul ins kalte Wasser fallen. Als Piraten, die ihre eigene Vorstellung haben von Recht und Gesetz, entführen sie ein täuschend echtes Double von Angela Merkel. In einem Beiboot wird sie ins Schlepptau genommen, damit sie sich die Forderungen der Klimapiraten zu eigen macht und auf dem Weg nach Kopenhagen nicht ins Fahrwasser der Auto- und Kohlelobby gerät. In einer Schatztruhe bringen die knapp 50 Seefahrer zwischen 20 und 35 Jahren auch die Unterschriften einer Online-Petition nach Kopenhagen. Und in ihren Köpfen spuken Ideen für Straßentheater, menschliche Flutwellen, eine Blockade des Handelshafens und sogar das Entern des Konferenzgeländes.

Gut mobilisiert

Schon in den Monaten vor der Klimakonferenz hatten sich die Klimapiraten in Stellung gebracht. Sie enterten in Schwerin die Staatskanzlei und lieferten sich mit Ministerpräsident Sellering ein Wortgefecht über Kohle und alternative Energien. Als 350 Angela Merkels verkleidet suchten sie vor dem Brandenburger Tor in Berlin nach der "Klimakanzlerin" und forderten sie zum Handeln gegen den Klimawandel auf. Getragen wurde die Kampagne von der BUNDjugend und dem ASA-Programm; als Förderer war auch der BUND mit dabei. "Wir wollten möglichst viele Aktive ansprechen und brauchten einen prägnanten Namen", sagt David Wagner. Der Schreibtisch des Klimareferenten der BUNDjugend verwandelte sich vorübergehend ins Büro der Klimapiraten. "Eine derart offene Kampagne bietet mehr Freiraum. So konnten wir Aktive einbinden, die sich nur für begrenzte Zeit engagieren wollen und keine Lust auf etablierte Strukturen haben."

Die Möglichkeit, mit spektakulären Aktionen die Arbeit herkömmlicher Klima-Initiativen zu unterstützen, motivierte junge Aktive nicht nur dazu, eines der Piratenschiffe nach Kopenhagen zu besteigen. Mehr als die Hälfte der über 600 BUND-Teilnehmer der "Blauen Welle"-Demo von Friends of the Earth konnte die BUNDjugend mobilisieren.

An Bord

Bei Windstärke vier und mit acht Knoten ziehen die Schiffe "Lovis" und "Petrine" CO2--neutral quer über die Ostsee von Greifswald nach Kopenhagen. An Deck ist beim Segeln jede Hand gefragt, und unter Deck noch mehr – beim vegetarischen Kochen in der Kombüse. Piraten mit viel Idealismus sind an Bord, die trotzdem die Realität nicht aus den Augen verlieren. "Vermutlich wird es nicht zu dem starken und gerechten Abschluss kommen, den wir uns wünschen", fürchtet Hannah Bahr, die in Lüneburg Umweltwissenschaften studiert, schon auf der Überfahrt. Doch vergeblich oder gar sinnlos sei das Engagement auf keinen Fall, so die 21-Jährige, die sich auch für die "Young Friends of the Earth" engagiert. "Wenn jetzt und in Zukunft viele Menschen auf die Straße gehen und ausdrücken, wie unzufrieden sie mit dem Nicht-Handeln der Politiker sind, zeigen die Proteste sicher Wirkung." Doch ist der Klimawandel keine zu große Aufgabe? "Natürlich ist es frustrierend zu sehen, wie wenig sich bewegt. Manche Delegierte scheinen die Botschaft, dass wir jetzt handeln müssen, noch nicht verstanden zu ha­ben – für die ist das wie ein Pokerspiel" meint die engagierte Klimaschützerin. "Die nächsten zehn Jahre entscheiden über das Klima der nächsten 50 Jahre – deswegen ist es so wichtig, jetzt richtig zu entscheiden."

Frust und Freude

Ein Erfolg ereilt die Klimapiraten bereits kurz nach der Ankunft in Kopenhagen: Dong Energy gibt das in Lubmin geplante Kohlekraftwerk auf. "Einen besseren Auftakt hätten wir uns nicht wünschen können", freut sich Klima­pirat Christian Nitschke aus Potsdam. Anstelle einer geplanten Protestaktion  gratulierten die Aktivisten dem Energiekonzern und überreichten symbolisch ein "Goldenes Windrad".

Nicht nur Hannah Bahr schöpfte neuen Mut. "Es gibt viele inspirierende Teilnehmer voller Power. Wir sind so viele – und wir können es schaffen." Auf Einladung der Piraten kam die bayerische Umweltstaatssekretärin Melanie Huml zu einer Diskussion auf Deck. Doch das Scheitern des Klimagipfels sorgte am Ende für lange Gesichter. Noch einmal setzten die Klimapiraten ein Zeichen: Aus Entrüstung rasieren sich mehr als 30 Aktive die Köpfe.
"Die Klimapiraten haben bestehende Initiativen durch ihre Aktionen gut ergänzt", bilanzierte David Wagner. "Nun geht es darum, zu überlegen, wie wir weiter so motiviert, kreativ und vernetzt aktiv bleiben können." Zu tun gibt es schließlich genug. Und bei einem Rückschlag nicht aufzugeben, das ist ja wohl Piratenehrensache.

Vorabveröffentlichung aus dem BUNDmagazin 1/2010 (erscheint am 20. Februar)
Text und Fotos 1 bis 4: Helge Bendl, restliche Fotos: Julia Kneuse/ASA-Programm



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Foto: eyewire / fotolia.com
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