Unser aktuelles Porträt: Stephan Gunkel, Referat Gewässerpolitik
Stephan Gunkel stammt aus Thüringen und engagiert sich seit vielen Jahren für den Schutz unserer Gewässer. Bereits zu DDR-Zeiten gründete er eine Umweltgruppe und führte Aktionen zum Gewässerschutz durch, was ihm das Misstrauen des damaligen Staates eingebracht hat. Nachdem er Naturschutz und Landnutzung studiert hat und zunächst beim European Rivers Network in Frankreich engagiert war, ist er seit 2003 beim BUND aktiv. Er hat zunächst das Projekt "Lebendige Werra" in Thüringen geleitet und ist seit 2008 in der Bundesgeschäftsstelle für Gewässerpolitik verantwortlich.
Wie wird das Thema Wasser in Deutschland eigentlich wahrgenommen? Im Gegensatz zu Ländern, die an Wassermangel leiden, gibt es bei uns ja vermeintlich genug.
Zwar hat Deutschland genug Wasservorkommen, wir gehen aber verschwenderisch damit um. Zu erkennen ist das am Zustand unserer Gewässer: mehr als 50% unseres Grundwassers ist in schlechtem Zustand! Das wird aber noch viel zu wenig wahrgenommen. Da sind ein Hochwasser oder ein Dioxinfund, wie zuletzt in der Flussaue der Ems, offenbar nötige Denkanstöße, damit die Leute feststellen: Wir haben ein Problem. Andererseits begreifen die Menschen Wasser als wichtigen Teil ihrer Lebensqualität. Das zeigt sich z.B. in einer 2008 durchgeführten EMNID-Umfrage: 94 Prozent gaben an, dass die Bundesregierung mehr für den Umweltschutz an unseren Flüssen tun soll.
Als Fachreferent müssen Sie sich sowohl mit Fachfragen beschäftigen, aber auch die Politik von der Wichtigkeit des Wasserschutzes überzeugen. Ist diese Lobbyarbeit nicht sehr kräftezehrend?
Ja, in der letzten größeren Auseinandersetzung zum Umweltgesetzbuch hat schon einiges an Zeit drin gesteckt. Wir versuchen auch oft, unsere Positionen mit Anderen gemeinsam zu vertreten, z. B. im Deutschen Naturschutzring (DNR), aber auch mit Akteuren, die nicht aus dem Umweltbereich kommen. Wasserversorger haben z.B. auch Interesse an sauberem Wasser, damit sie geringere Kosten bei der Aufbereitung haben.
Bei politischer Lobbyarbeit gibt es doch sicher Erfolgserlebnisse?
Da erinnere ich mich an Folgendes: Ein Vertreter des Industriekonzerns K&S, der Werra und Weser mit seinen Abwassern versalzt, hat vor drei Jahren noch lachend gesagt: „Ein Konzept zur Verringerung der Salzabflüsse? Das machen wir nie.“ Inzwischen wurde der Konzern dazu gezwungen und hat im Herbst 2008 ein Maßnamenpaket im Umfang von 360 Mio. Euro vorgestellt. Das reicht zwar noch nicht, um die Werra salzfrei zu machen, ist aber ein Schritt in die richtige Richtung.
Wasserpolitik hat viele Schnittstellen mit anderen Politikbereichen. Das macht die Arbeit sicher nicht leichter.
Prinzipielle Richtungsentscheidungen werden auf unseren Delegiertenversammlungen und fachliche Fragen in den jeweiligen Arbeitskreisen behandelt. Wenn kurzfristig spezielle Themen anstehen, geht das meist auf dem informellen Weg. Ein Beispiel ist die Offshore-Windkraft. Das berührt den Meeres- und Küstenschutz, aber auch alternative Energien, die wir als BUND prinzipiell wollen. Derzeit werden aber so viele dieser Projekte geplant, ohne dass man die genauen Umweltauswirkungen kennt. Das sehen wir kritisch.
Neben der politischen Arbeit haben Sie sicher auch konkrete Tipps für Aktive.
BUND-Aktive sind ja sehr verschieden. Da gibt es solche, die z.B. gerne Kröten über die Straße tragen und solche, die eher politisch orientiert sind – wir wollen für alle etwas im Angebot haben. Daher haben wir gerade ein Aktionspaket zum Amphibienschutz entwickelt. Für die politisch Interessierten bieten wir Hintergrundmaterialien und Handreichungen zu verschiedenen Themen der Gewässerpolitik an und unterstützen sie damit bei ihrer politischen Arbeit vor Ort.
Zum Schluss noch ein Blick zurück und einer nach vorne. Was hat der BUND beim Wasserschutz bereits erreicht? Und was muss in Zukunft getan werden?
Auf europäischer Ebene haben wir z.B. erreicht, dass Grundwasser als Lebensraum anerkannt wird. Das gibt es in Deutschland noch nicht und ist eine Aufgabe für die Zukunft. Auch an der Elbe haben wir Einiges erreicht, so bekommt die Elbe durch die Rückdeichung bei Lenzen neuen Raum, um sich auszubreiten, ein Gewinn für die Artenvielfalt und ein Beitrag zum ökologischen Hochwasserschutz. Doch das kann nur der Anfang sein. Denn was in den Tropen der Regenwald ist, das sind unsere Flussauen in Mitteleuropa. In den Auen kommen auf nur 8 Prozent der Landesfläche mehr als 2/3 aller Arten vor – kein anderer Lebensraum bei uns weist eine solche Artenvielfalt auf! Deshalb ist es wichtig, dass es in Deutschland wieder mehr echte Flussauen gibt.