BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


Methode des BUND-Wildkatzenwegeplans

Bisherige Korridormodelle in Deutschland

Vorläufer des BUND-Wildkatzenwegeplanes ist ein vom Bundesamt für Naturschutz  vorgestelltes "Grobkonzept zur Entwicklung eines Netzes bundesweit bedeutsamer Lebensraumkorridore". Dieses Grobkonzept aus dem Jahr 2004 berücksichtigte zwar die  Verbreitung verschiedener Zielarten, nicht jedoch deren Verhalten oder mögliche Ansiedlungsräume. Das BfN regte deshalb eine Weiterentwicklung des Konzepts an.

Daran anknüpfend hat der Naturschutzbund Deutschland (NABU) im Jahr 2007 eine Liste mit 125 Konfliktpunkten an Verkehrswegen und den notwendigen sogenannten Entschneidungsmaßnahmen vorgestellt. Diese Liste stellt eine wichtige Präzisierung es vorläufigen Korridorssystems des BfN dar.

Anders als seine Vorgänger orientiert sich das Konzept des BUND nun erstmalig am Vorkommen, an möglichen Ansiedlungsgebieten und am Verhalten der Wildkatze als einer besonders bedrohten Art.

Modellierung der Wildkatzenwege

Für die Modellierung der Wildkatzenwege wurden sogenannte Cost-Distance-Analysen  (Kosten-Distanz-Analysen) verwendet. Diese erlauben es, die günstigste Verbindung zwischen einem Start- und einem Zielpunkt zu ermitteln. Im ersten Schritt werden in einer gerasterten Landkarte den einzelnen Rastern entsprechend dem Landschafts- bzw. Landnutzungstyp sogenannte Widerstandswerte zugewiesen. Diese Widerstandswerte beschreiben die "Kosten" (z. B. in Form von Energie), die bei der Querung dieses Landnutzungstyps entstehen. Für eine Wildkatze ist z.B. Wald relativ einfach, also billig zu durchqueren, Agrarlandschaft dagegen teurer. Ausgehend von einem Startpunkt können so die entstehenden Kosten bis zu jedem beliebigen Endpunkt im Untersuchungsgebiet berechnet und entsprechend der günstigste Weg abgeleitet werden.

Für gewöhnlich werden für die Cost-Distance-Modellierung sogenannte Expertenmodelle verwendet. Das heißt, Experten legen aufgrund ihrer Erfahrungen die Widerstandswerte für die Landschaft fest. Diese beruhen also genau genommen lediglich auf Schätzungen, wenngleich sie sehr fundiert sind.

Junge Wildkatze wird für Telemetriestudien mit einem Sender ausgestattet.
Für Telemetriestudien werden einzelne Tiere gefangen und mit Sendern ausgestattet. Foto Th. Stephan

Im Gegensatz dazu stützt sich die Modellierung des WKWP auf ein statistisches Habitatmodell – d.h. auf "harte Fakten". Entstanden ist das Modell im Rahmen einer Promotion an der Freien Universität Berlin (Nina Klar). Als Basis dienten Radio-Telemetriedaten, die vier Jahre lang an frei lebenden Wildtieren in der Eifel ermittelt wurden und Aufschluss über die Raumnutzung der Wildkatze geben. Für solche Telemetriestudien werden einzelne Tiere gefangen und mit Sendern ausgestattet. Mit dieser Methode können die Tiere auch in unübersichtlichen Habitaten aufgespürt und verfolgt werden. So können ihre Wanderungen stetig und zuverlässig aufgezeichnet werden.

Durch ein statistisches Verfahren werden aus den gewonnenen Daten Gesetzmäßigkeiten abgeleitet, wie die beobachteten Tiere sich neue Lebensräume aneignen. Diese Erkenntnisse fließen anschließend als Widerstandswerte in die Cost-Distance-Analysen ein. Die Widerstandswerte stehen demnach in direktem Zusammenhang mit den tatsächlichen Vorlieben, die die beobachteten Tierarten für bestimmte Lebensräume haben.

Untersuchungsgebiet und Kartengrundlage

Die Wildkatzenwege wurden im Wesentlichen für die Bundesrepublik Deutschland modelliert. Aber auch Wildkatzenvorkommen und größere Waldflächen in den Nachbarländern fanden Berücksichtigung, um Anknüpfungspunkte der Korridore festzulegen.

Informationen über die Landschafts- bzw. Landnutzungstypen in Deutschland stammen aus dem CORINE Projekt. Das europaweite Programm CORINE Land Cover (Coordinated Information on the Environment) der Europäischen Union sammelt aus digitalen Satellitenbildern einheitliche und damit vergleichbare Daten der Bodenbedeckung in Europa. Dabei wird insbesondere beobachtet, ob Nutzungsveränderungen in Zusammenhang mit Umweltproblemen stehen. Insgesamt werden 44 verschiedene Bodenbedeckungskategorien erfasst, Kartierungsmaßstab ist 1 : 100.000. Nach einer Ersterfassung im Jahr 1990 liegt eine weitere aus dem Jahr 2000 vor, die auch die Veränderungen gegenüber 1990 dokumentiert.

Für den Wildkatzenwegeplan wurden für die Bundesrepublik und die angrenzenden Nachbarländer die aktuellsten Daten aus dem Jahr 2000 verwendet. Diese Daten geben Waldflächen, naturnahe Vegetation wie Heiden und Moore, landwirtschaftlich genutzte Flächen sowie Siedlungen und Industriegebiete wieder. Die kleinsten verzeichneten Flächen sind 25 Hektar groß. Gewässer und Straßen sowie kleinere Waldstücke oder Feldgehölze sind nicht enthalten.

Die CORINE-Daten sind gut geeignet, den Lebensraum von Wildkatzen großflächig zu beschreiben und auch den ungefähren Verlauf der Korridore zu veranschaulichen. Allerdings fehlen Details wie Feldgehölze, Hecken und Gewässer, an denen sich Wildkatzen ebenfalls orientieren. Diese landschaftlichen Details werden bei der späteren Feinplanung auf lokaler Ebene berücksichtigt.

Festlegung der Start- und Zielpunkte

Insgesamt wurden im vorliegenden Wildkatzenwegeplan 35 Start- und 52 Zielpunkte festgelegt. Startpunkte liegen in Gebieten, aus denen Wildkatzen abwandern könnten. Sie wurden so gelegt, dass jedes bekannte Wildkatzenvorkommen in Deutschland durch einen Startpunkt repräsentiert ist. Einzelmeldungen und sehr kleine oder unsichere Vorkommen wurden nicht berücksichtigt. Darüber hinaus wurden Startpunkte an der Grenze zu Nachbarländern festgelegt, in denen sich Wildkatzenvorkommen fortsetzen. Für die deutsch-französische Grenze in Baden-Württemberg wurde davon ausgegangen, dass einzelne Wildkatzen sowohl aus den Zentral-Vogesen als auch aus dem Schweizer Jura bis an den Rhein vordringen.

Blick auf die Wartburg bei Eisenach. Foto: www.pixelio.de
Noch beherbergt der Thüringer Wald keine Wildkatzen; durch den zu schaffenden Korridor soll sich das ändern.

Zielpunkte liegen in potentiell für die Wildkatze geeigneten Gebieten, für die zurzeit noch keine Vorkommen bekannt sind oder aus denen nur Einzelmeldungen vorliegen. Um die Zahl der Zielpunkte zu beschränken, wurden nur Gebiete ausgewählt, die mehr als 500 km² groß und entsprechend dem Habitatmodell für Wildkatzen geeignet sind (z.B. Thüringer Wald, Fränkische und Schwäbische Alb, Schwarzwald). Flächen dieser Größe können eine Wildkatzenpopulation von mehr als 100 Wildkatzen beherbergen. Zusätzlich wurden Zielpunkte an Grenzen zu den Nachbarländern gesetzt, um Verbindungen zu größeren Waldgebieten herzustellen.

Die ermittelten Korridore verbinden alle aktuellen Wildkatzenvorkommen untereinander sowie die vorhandenen Populationen mit potentiellen Verbreitungsgebieten. Die potentiellen Wildkatzengebiete ohne Wildkatzenvorkommen sind nicht zwangsläufig untereinander verbunden. Von der Regel abweichend wurde ein potentielles Wildkatzengebiet im Norden Mecklenburg-Vorpommerns eingefügt. Hier findet sich zwar kein zusammenhängender Wald mit einer Größe von über 500 km², Wildkatzen würden sich aufgrund der geringen Besiedlung und der großen Feuchtgebiete dort jedoch durchaus wohlfühlen.

Quelle: http://www.bund.net/bundnet/themen_und_projekte/rettungsnetz_wildkatze/wildkatzenwegeplan/methode/