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Bremer Ziegeninsel: nichts zu meckern für Sandlaufkäfer und Ödlandschrecke

Eine abgelegene Insel mitten im Stadtstaat Bremen hat seit Sommer 2006 neue Bewohner. Eine kleine Ziegenherde tummelt sich ganzjährig auf der unbewohnten Lankenauer Weserinsel, einem langgezogenen Eiland am Neustädter Hafen.

Ziegenherde auf der Lankenauer Weserinsel

Ebbe und Flut, Winde und Sturmfluten haben hier eine besondere Landschaft geformt: Dünen, sandige Uferbänke und Flussinseln mit einer ganz eigenen, an magere Bedingungen angepassten Pflanzenwelt. Typische Vertreter sind das Silbergras und die Sandsegge. Durch das Spiel von Wind und Wasser wurde die Landschaft immer aufs Neue verändert und offen gehalten. Sandtrockenrasen heißt dieser Lebensraumtyp in der Fachsprache, eine Bezeichnung, die kaum erahnen lässt, welche Schönheit, Wildheit und faszinierende Vielfalt sich dem Beobachter hier eröffnen.

Silbergras auf der Lankenauer Weserinsel
Silbergras auf der Lankenauer Weserinsel

Von der künstlichen Insel zum seltenen Biotop

Solche Biotope kommen heute leider nicht mehr besonders häufig vor: Befestigung der Flüsse durch Eindeichungen, Steinschüttungen, Kaimauern und andere Verbauungen haben sie zerstört. An der Weser wird mit tatkräftiger Unterstützung von Aktiven des BUND Bremen ein solcher Magerrasen wieder hergestellt. Die Insel bei Lankenau entstand ursprünglich als Produkt des Menschen: Sie wurde als Strömungsschutz geschaffen, als in den 1960er Jahren der Neustädter Hafen in Bremen entstand. Es dauerte nicht lange und es machten sich Hochstauden, Gebüsche und Bäume breit, von Sandtrockenrasen keine Spur.

Deshalb entfernten BUND-Aktive im Jahr 2000 auf drei Hektar den Bewuchs und schütteten bis zwei Meter Höhe Sand auf. Schnell entwickelten sich Sandtrockenrasen, auf denen Silbergrasfluren das Bild bestimmen. Allerdings drangen Weiden- und Pappelschößlinge schon bald immer weiter vor. Schilf drängte mit seinen langen Ausläufern in die offenen, sandigen Flächen – ohne Pflege drohten die Trockenrasen zuzuwachsen, da das Wasser durch die Flussbefestigung die Sandlandschaften nicht mehr erreichen und offenhalten kann.

Wie aber konnte die wertvolle Sandlandschaft dauerhaft erhalten werden? Der BUND Bremen hatte die Idee, dass Vierbeiner helfen könnten, das Zuwachsen zu verhindern, und zwar solche, die besonders gern Knospen, Triebe und die Rinde von Gehölzen fressen. So kam es, dass 2006 eine kleine Ziegenherde auf der Insel angesiedelt wurde. Doch bevor die Ziegen auf die Insel konnten, gab es für die BUND-Aktiven eine Menge Arbeit.

Ziegen auf auf der Lankenauer Weserinsel fressen gern von der Rinde junger Weiden
Ziegen auf auf der Lankenauer
Ziegen auf auf der Lankenauer Weserinsel fressen gern von der Rinde junger Weiden
Weserinsel fressen gern von
Ziegen auf auf der Lankenauer Weserinsel fressen gern von der Rinde junger Weiden
der Rinde junger Weiden.

Sie befreiten die Insel komplett von angeschwemmtem Müll und brachten mehrere hundert Müllsäcke per Schiff an Land. Sie bauten einen geräumigen Offenstall als Wetterschutz für die Ziegen und beschafften ein seetüchtiges Boot, damit die Betreuer möglichst sicher die Insel erreichen können. Dann brachten sie zehn Ziegenböcke einer an raue Wetterlagen angepassten Züchtung mit einem Schlepper auf die Insel. Eine Besonderheit dieses Modellprojektes ist die einfache Haltung der Ziegen, denn ein Zaun ist auf einer Insel nicht nötig.

Aber die sorgfältige Betreuung der Tiere ist auch auf einer Insel notwendig. Ihr Gesundheitszustand wird regelmäßig überprüft und sie werden vorbeugend gegen Parasiten behandelt. Als Winterschutz sind ein stabiler Stall sowie ein Notvorrat an Heu für harte Zeiten vorhanden. Die Betreuung der Tiere ist an manchen Tagen für die BUND-Freiwilligen so etwas wie "Seefahrer-Abenteuer". Denn es ist eine ein Kilometer lange, oft raue Wasserstrecke in einem offenen Boot mit Außenbordmotor zurückzulegen. Bei Sturm ist die Passage unmöglich.

Eldorados für seltene Insekten

Die dreijährigen Erfahrungen sind überwiegend positiv. Die Ziegen kommen mit dem Klima zurecht und ihr Fressverhalten entspricht den Hoffnungen der BUNDler: Sie verbeißen die Triebe der Gehölze, legen aber auch durch ihren Vertritt und Rangkämpfe untereinander immer wieder offenen Sandboden frei. Dies sind kleine Eldorados zum Beispiel für Sandlaufkäfer und die blauflügelige Ödlandschrecke, einer seltenen Art aus der Familie der Feldheuschrecken. Auf Sand spezialisierte Vogelarten wie der Austerfischer haben die Insel wieder erfolgreich als Brutlebensraum angenommen.

Sandlaufkäfer
Sandlaufkäfer
Austernfischer, Foto: A Trepte
Austernfischer
Blauflügelige Ödlandschrecke, Foto: G.-U. Tolkiehn
Blauflügelige Ödlandschrecke

Bestandteil des Projekts, das bis Anfang 2009 von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und der Stadt Bremen gefördert wurde, war auch eine intensive ökologische Begleitforschung. Auch deren Ergebnisse sind überwiegend positiv – Grund genug dafür, dass die Ziegen auch weiter auf der Lankenauer Weserinsel leben und fressen dürfen –  unter der sorgsamen Betreuung des BUND Bremen und seit dem Frühjahr 2009  mit finanzieller Unterstützung der Wirtschaftsförderung Bremen GmbH (WFB).

Kinderguppe auf der Lankenauer Weserinsel

Das Ziegenprojekt eignet sich sehr gut für eine zielgerichtete Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Zahlreiche Berichte in der Lokalpresse haben über die Bedeutung von Sandtrockenrasen berichtet. Mehrere Schulklassen bekamen ausnahmsweise die Gelegenheit, die ansonsten nicht zugängliche Insel zu besuchen und einen ihnen völlig unbekannten Lebensraum direkt vor ihrer Haustür zu entdecken.



Kontakt:


BUND Landesverband Bremen e.V.

Am Dobben 44
28203 Bremen

Tel. 04 21 / 7 90 02 - 0
Fax  04 21 / 7 90 02 - 90

Projektbetreuer Michael Abendroth
michael.abendroth@bund-bremen.net

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