BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


Milchpolitik ist auch Klimapolitik

Anlässlich des "Milchgipfels", zu dem Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) Vertreter der Bauern, Molkereien und des Einzelhandels geladen hatte, kritisierte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger in einem Exklusivbeitrag für die Tageszeitung "Neues Deutschland" die Agrarpolitik Seehofers:

Kühe auf der Weide, Foto: www.pixelio.de/wrw

Wenn tausende Bauern Discounter blockieren und Milch an ihre Kühe verfüttern, dann liegt das unter anderem daran, dass es zu viel Milch auf dem EU-Markt gibt. Und wenn es nach der EU-Kommission geht, soll es noch mehr werden. Mehr Milch heißt aber nicht mehr Kühe, sondern Kühe mit größerer Milchleistung – denn die Hochleistungskuh stellt im Gegensatz zur grasenden Kuh die finanziell einträglichere Variante dar. Art- und umweltgerecht auf der Weide gehaltenes Vieh gibt weniger Milch als mit Kraftfutter gefüttertes. Grünland mit seinen Wiesen und Weiden aber ist ein wertvoller Speicher für das Klimagas Kohlendioxid (CO2). Auch setzen grasende Kühe weniger Methangas frei.

Der Grünlandbauer leistet damit einen doppelten Beitrag zum Klimaschutz. Seine wirtschaftliche Lage ist jedoch wenig attraktiv: Abgesehen von den geringeren Milcherträgen, gibt es im Vergleich zu Ackerland für Weideland nur einen Bruchteil der Subventionen aus Brüssel. Und das Anziehen der Getreidepreise tut ein Übriges: Bauern pflügen ihr Grün- in Ackerland um. Das schadet dem Klima: Wird dort z.B. Mais oder Getreide angebaut, setzt die Düngung klimaschädliches Lachgas frei. Seine Menge entspricht jährlich allein in Deutschland über 36 Millionen Tonnen CO2 und liegt damit bei den Treibhausgasemissionen noch vor denen aus der Rinderhaltung.

Das leuchtet auch der EU-Kommission ein und so plant sie eine Reform der Agrarsubventionsvergabe nach ökologischen Gesichtspunkten. Zehn Prozent der jährlich 50 Milliarden Euro EU-Agrargelder könnten vor allem an Grünlandbauern fließen und deren Beitrag zum Klimaschutz belohnen. Außerdem sollen sie einen fairen Ausgleich für geringere Milcherträge darstellen. Nicht zu vergessen ist der Beitrag des Grünlandbauern zum Erhalt einer Landschaft, die zum Urlaubmachen einlädt. Bisher wird mit Steuergeldern überwiegend die Zerstörung von Landschaft und Natur subventioniert.

Frankreich ist hier weitsichtig: Die französische Regierung, unter deren Ratspräsidentschaft bis Ende 2008 die Agrarreform abgeschlossen werden soll, plädiert dafür, dass EU-Staaten nicht nur 10, sondern mindestens 20 Prozent der Direktzahlungen für Grünlandregionen, umweltschonend erzeugte Qualitätsprodukte und regionale Vermarktung einsetzen können.
Zudem sollen Großempfänger von Subventionen, die mehr als 300 000 Euro im Jahr an Direktzahlungen erhalten, bis zu einem Fünftel dieser Gelder an Bauern abtreten müssen, die Klima-, Arten- und Gewässerschutz leisten. Solche Programme für den Umwelt- und Naturschutz sind bisher chronisch unterfinanziert und stellen angesichts steigender Getreidepreise kaum einen Anreiz dar, die Überdüngung zurückzufahren oder gar auf Ökolandbau umzustellen.

Bundesagrarminister Horst Seehofer will die geplante Modernisierung der Agrarpolitik nicht. Ihm scheinen vor allem landwirtschaftliche Großbetriebe am Herzen zu liegen. Bisher schöpfen 1,5 Prozent Großbetriebe in Deutschland rund 30 Prozent der EU-Agrarsubventionen ab. Mit seiner Blockade des finanziellen Ausgleichs für Grünlandbauern, die vor allem in Süddeutschland angesiedelt sind, stellt sich Seehofer einmal mehr gegen den Klima- und Artenschutz sowie gegen die Interessen gerade auch der bäuerlichen Milchviehhalter.

Und was den Milchsee angeht: Solange in der EU – auf Kosten des Klimas – über 15 Prozent mehr Milch produziert als verbraucht werden, stehen die Milchbauern unter Preisdruck. Daher ist die Forderung der im »European Milk Board« organisierten Bauern richtig, die absolute Milchmenge in Europa an den Verbrauch anzupassen. Im Moment unterläuft die Kommission mit ihrer Milchpolitik Klimaschutzanstrengungen, die sie eigentlich forcieren will. Wenn wie geplant die erlaubte Milchmenge in der EU erhöht wird und 2015 die Begrenzung ganz fällt, heißt das auch: mehr Proteinfutter für mehr Hochleistungskühe. Das aber wird zu über 70 Prozent importiert. Die Ausweitung dieser Futterproduktion trägt weltweit am stärksten zur Abholzung des Regenwaldes bei.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Lobby der Großbetriebe ihre Pfründe verteidigt. Verwunderlich und ärgerlich ist aber, dass Seehofer sich zu ihrem Handlanger macht. Er sollte lieber für die Vorschläge der Kommission kämpfen, zumal es um die Zukunft der Agrargelder geht: Andere EU-Ressorts schielen mit Blick auf die Novellierung des EU-Haushaltes ab 2013 auf die Agrarmilliarden, deren Vergabe gerade wegen der wenigen Subventions-Profiteure und der Umweltschäden auf dem Prüfstand steht.

Quelle: http://www.bund.net/bundnet/themen_und_projekte/landwirtschaft/klimaschutz/milchpolitik_ist_auch_klimapolitik/