BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


Ergebnisse aus Bali

Geschäftsführer Gerhard Timm

Von Gerhard Timm, Geschäftsführer des BUND

Bali, 16.12.2007:

Gegen ein Uhr Ortszeit erklärt ein sichtlich gestresster und verärgerter Umweltminister Sigmar Gabriel den NGO-Vertretern, dass die Verhandlungen sehr schwierig seien und an der Blockadehaltung der USA durchaus noch scheitern könnten. Mit „Scheitern“ ist aus EU-Sicht der Verzicht auf „substantiellen Fortschritt“ gemeint. Eine gute Stunde später wurden die Verhandlungen dann ohne abschließendes Resultat unterbrochen und um acht Uhr im öffentlichen Plenum wieder aufgenommen. Der Hauptteil wurde dabei bereits gestern in einer kleinen Runde von 15 bzw. 40 Staaten (Minister + 1) vorverhandelt. Hier waren die maßgeblichen Protagonisten vertreten, darunter auch Deutschland.

Aus diesen Verhandlungen hat die Präsidentschaft ein neues Papier destilliert, das eine deutliche Abschwächung der bisherigen Positionen enthielt. U.a. wurden die Reduktionsziele dort nicht mehr thematisiert, sondern stattdessen auf den IPCC-Report verwiesen, allerdings auf alle Szenarien, so dass offen bleibt, welche Temperaturerhöhung man bereit ist zu akzeptieren. Gabriel interpretiert dies so, dass selbstverständlich das Szenario mit den bekannten Reduktionszielen gemeint sein kann. Man kann es aber auch anders interpretieren. Dies wird partiell "geheilt" durch die explizite Erwähnung der Reduktionsziele in einem anderen Dokument, dass allerdings „nur“ von den Ratifizierern des Kyoto-Protokolls beschlossen wurde (d.h. ohne USA).

Die Debatte im Plenum wurde nach ca. 20 Minuten wieder unterbrochen und erst 13 Uhr (Bali-Ortszeit) mit einem Appell von Ban Ki Moon fortgesetzt. Gegen 16 Uhr wurde das Papier der Präsidentschaft mit zwei Änderungen von Indien und Pakistan – also im Wesentlichen unverändert – angenommen.

Die Einigung umfasst insgesamt die folgenden Eckpunkte

  • Verständigung auf die Reduktionsziele 25 – 40 Prozent bis 2020 (direkt für den Kyoto-Beschluss und indirekt durch Verweis auf den IPCC-Bericht im Klimarahmenkonventionsbeschluss).
  • Verständigung, dass der Verhandlungsprozess bis 2009 abgeschlossen sein soll. Dies ist notwendig, damit zwischen der ersten (2008 –2012) und der zweiten Verpflichtungsperiode keine Lücke entsteht.
  • Eine Einigung über die Verwaltung des Anpassungsfonds für Entwicklungsländer für Anpassungsmaßnahmen an die Folgen des Klimawandels. Der Fonds speist sich aus einer Abgabe auf CDM-Projekte in Höhe eines 2%igen Anteils daran. Diese Ausstattung ist aber von den Summen her absolut unzureichend.
  • Der Punkt "Verhinderung von Entwaldung in Entwicklungsländern" wurde in das Arbeitsprogramm für die nächsten zwei Jahre aufgenommen. Da dieses Problem in der Tat sehr komplex ist, ist es als positiv zu bewerten, dass auf Bali keine Einigung erzwungen wurde, sondern Zeit für weitere Analyse bleibt.
  • Alle Industrieländer verpflichten sich zu Reduktionen (umfasst auch USA).

Bewertung

Gemessen an den ökologischen Notwendigkeiten ist das Ergebnis von Bali als enttäuschend zu bewerten. Wir haben uns für weitreichendere Beschlüsse eingesetzt. Die Staatengemeinschaft konnte sich nicht auf konsequente Vorgaben für den weiteren Verhandlungsprozess verständigen. Es kann daher auf keinen Fall von einem „Durchbruch“ gesprochen werden.

Der nur indirekte Verweis auf die Reduktionsziele ist sehr bedauerlich und sendet ein falsches Signal der Industrieländer. Hier – bei den verbindlichen Reduktionsverpflichtungen – war der Widerstand der USA am größten und letztlich nicht zu überwinden.

Es ist andererseits zu begrüßen, dass mit dem Bali-Beschluss der Anpassungsfonds endlich in Kraft treten kann, dass die Entwaldungsproblematik in einem zukünftigen Abkommen enthalten sein wird und dass der Technologietransfer geregelt werden soll.

Von zentraler Bedeutung ist auch, dass sich die internationale Staatengemeinschaft auf ein Enddatum für die Verhandlungen für eine zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls bis 2009 geeinigt haben.

Der erzielte Kompromiss ist daher insgesamt eine vertretbare Grundlage für die Verhandlungen in den nächsten zwei Jahren. Wobei klar ist, dass noch viel Arbeit und schwierige Verhandlungen vor den Staaten liegen.

Positiv ist die große Bereitschaft zur Bewegung auf Seiten der Entwicklungs- und Schwellenländer (G77 und China) und die konstruktive Haltung der EU. Es ist auch deutlich erkennbar, dass das Vertrauen zwischen den G77 und der EU im Laufe der Verhandlungen deutlich gewachsen ist. Dies lässt für zukünftige Verhandlungen hoffen. Deutschland hat dazu – u.a. als Verhandler in den kleineren Runden – entscheidenden Anteil gehabt.

Erfreulich war auch die völlige Isolation der USA, die bis zum Schluß versucht haben, den Prozess insgesamt zu Fall zu bringen und dafür Verbündete gesucht, aber nicht mehr gefunden haben. Erst dies hat zu einem Einlenken der USA geführt.

Bewertung im Einzelnen

1. Forderung: Spätestens 2009 muss ein Anschlussabkommen verabschiedet werden. Auf Bali muss ein konkreter Zeitplan verabschiedet werden, der dies garantiert. Bewertung: Gut, das Zieldatum ist enthalten.

2. Forderung: Die Industrieländer müssen hohe Reduzierungen akzeptieren und zwar um mindestens 40 Prozent bis 2020 und mindestens 80 Prozent bis 2050 im Vergleich zu 1990. Auf Bali müssen deshalb alle Industriestaaten drastische Emissionsreduktionen verbindlich zusagen. Bewertung: Das Ergebnis ist unzureichend. Die Zielspanne von 25 – 40 Prozent für Kyoto-Parteien lässt eine geringer Reduktion als notwendig zu.

3. Forderung: Die Industriestaaten müssen durch finanzielle und technologische Hilfe die Entwicklungs- und Schwellenländer unterstützen, einen nachhaltigen Entwicklungspfad einzuschlagen. Auf Bali müssen die Industriestaaten diese Verantwortung anerkennen und ausreichende Finanzierungshilfen zusagen. Bewertung: Das Ergebnis ist unzureichend. Zwar wurde die Notwendigkeit von Technologietransfers anerkannt, allerdings gab es keine Verhandlungen zu neuen Finanzquellen für diese bitter notwendige Arbeit.

4. Forderung: Die Anpassung an den Klimawandel und der Schutz gefährdeter Regionen vor Klimaextremen sind äußerst drängende Probleme. Die Industriestaaten müssen die besonders betroffenen Entwicklungsländer stärker unterstützen und dies auf Bali verbindlich zusagen. Bewertung: Das Ergebnis ist unzureichend. Notwendigkeit und Dringlichkeit von Anpassungshilfen wurden anerkannt. Der Anpassungsfonds wurde durch die Bali-Entscheidung arbeitsfähig. Leider fehlen nach wie vor die notwendigen Mittel.

5. Forderung: Auf Bali muss eine Einigung darüber erzielt werden, dass alle Staaten im Sinne einer fairen Aufgabenteilung – gemessen an ihren historischen und gegenwärtigen Emissionen sowie ihrer Handlungspotentiale – zum Klimaschutz beitragen. Bewertung: Das Ergebnis ist akzeptabel, da eine Unterscheidung der Ziele für Industrie- und Entwicklungsstaaten gemacht wird. Leider scheint die Staatengemeinschaft noch nicht bereit, eine wirklich gerechte Lösung im Sinne einer Differenzierung der Länder nach ihren historischen und gegenwärtigen Emissionen und ihrer wirtschaftlichen Kapazität zu entwickeln.

6. Forderung: Technologieentwicklung und -verbreitung muss ein Teil der nach Bali beginnenden Verhandlungen sein, siehe Punkt 3.

7. Forderung: Spätestens bis 2009 muss die Staatengemeinschaft wirksame Maßnahmen gegen Abholzen tropischer und borealer Wälder entwickeln. Auf Bali sollen Ziele, Verfahren und Zeitplan für diesen Prozess vereinbart werden. Bewertung: Das Ergebnis ist akzeptabel. Das Thema wurde aufgenommen, es wurden noch keine konkreten Maßnahmen beschlossen. Angesichts der Komplexität des Themas ist dieses Vorgehen zu begrüßen. Dass Plantagen indirekt als Lösung in Betracht gezogen werden, ist zu kritisieren.

8. Forderung: Die stetig zunehmenden Emissionen des Flug- und Seeverkehrs werden vom Kyoto-Protokoll nicht erfasst. In der nächsten Verpflichtungsperiode müssen sie Teil der Minderungsverpflichtungen werden. Bewertung: Das Ergebnis ist akzeptabel. Flug- und Schiffsverkehr ist durch indirekte Nennung im Text enthalten.

9. Forderung: Alle nach Bali zu vereinbarenden Post-Kyoto-Verpflichtungen müssen die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel zu Grunde legen und regelmäßig an diese angepasst werden. Bewertung: Bezüglich der Konventionsentscheidung ist das Ergebnis unzureichend. Die Referenz auf den IPCC ist zwar im Text enthalten. Allerdings referiert der Text auf alle Szenarien und gibt damit nicht vor, welche Treibhausgaskonzentration und Temperaturerhöhung akzeptabel ist. Für den BUND ist klar: Schon bei einer Temperaturerhöhung über 1,4 Grad sind dramatische Folgen zu erwarten, die Millionen Menschen heimatlos machen werden. Dies muss verhindert werden.
Bezüglich der Kyoto-Protokoll-Entscheidung akzeptabel: klare Referenz auf den IPCC.

Fazit

Gemessen an der von Anfang an destruktiven Haltung der USA und ihrer Gefolgsstaaten und gemessen an vorübergehenden Tiefpunkten der Verhandlungen, aber auch gemessen an den Ergebnissen von Nairobi ist das Bali-Resultat nicht wirklich überraschend. Immerhin konnte eine – wenn auch schwache – Ausgangsbasis für die weiteren Verhandlungen getroffen werden.

Die zentralen Akteure waren auf der positiven Seite die EU und insbesondere Deutschland und Portugal und auf der negativen Seite vor allem die USA, aber auch Japan und Saudi-Arabien und anfänglich auch Kanada. Gabriel betonte intern auch die negative Rolle Russlands, das für die USA die „Drecksarbeit“ gemacht habe.

Die Schwellenländer – insbesondere Indien und China - waren überwiegend konstruktiv und lösungsorientiert. China hat insbesondere am Anfang der ersten Woche eine überraschend progressive Rolle gespielt. Gabriel sieht es als großen informellen Fortschritt an, dass sich die Vertrauensbasis zwischen der EU und den G77 im Laufe dieser Konferenz deutlich verbessert habe. Dies sei eine gute Basis für zukünftige Verhandlungen.

Wenn sich die USA konstruktiver verhalten hätten, hätten sich die G77 in der zweiten Woche nicht wieder auf ihre alten Positionen zurückgezogen. Insofern haben die USA durch ihr eigenes Verhalten ein Stück weit genau das verhindert, was sie selbst immer als Forderung und Bedingung für ihr eigenes Engagement formuliert hatten: Die Schwellenländer müssen auch zu eigenen Beiträgen bereit sein.

Deutschland und auch Bundesminister Gabriel sind für ihr engagiertes Auftreten eindeutig zu loben! Gabriel hat sowohl in den Verhandlungen, als auch in vielen bilateralen Gesprächen sehr zielführende agiert. Realistisch betrachtet war auf dieser Konferenz kein wesentlich besseres Ergebnis zu erwarten gewesen.

Mehr Informationen

Quelle: http://www.bund.net/bundnet/themen_und_projekte/internationaler_umweltschutz/klima/klimapolitik/bali/