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Sosnovy Bor: nichts gelernt aus Tschernobyl

Hätte nach der Katastrophe von Tschernobyl der normale Menschenverstand regiert, dann würden heute, fast zwanzig Jahre später, sicher keine Reaktoren desselben Bautyps (RBMK-1000) mehr laufen. Die ältesten Einheiten dieses Typs stehen 80 Kilometer westlich von St. Petersburg, in der Retortenstadt Sosnovy Bor.

Eigentlich wäre die Laufzeit der Reaktoren Leningrad 1 bis 4 in der so genannten LNPP ("Leningrad Nuclear Power Plant") nach rund 30 Jahren Betrieb inzwischen abgelaufen. Wer aber meint, die hochriskanten Moloche würden nun endgültig still gelegt, der unterschätzt den ökonomischen Pragmatismus russischer Politiker und Unternehmer: Alle vier Reaktoren wurden in den 1990er Jahren nacheinander modernisiert und werden noch mindestens weitere zehn Jahre Strom produzieren.

Durch die extreme Laufzeitverlängerung steigt das ohnehin hohe nukleare Risiko für St. Petersburg und die gesamte Region um ein Vielfaches. "Es scheint, als hätten die russischen Behörden aus der Tschernobyl-Katastrophe keine Lehren gezogen", sagt Oleg Bodrow, ein Kernphysiker, der die örtliche Öko-Organisation "Green World" leitet. Bodrow hält die Laufzeitverlängerungen aber nicht nur für gefährlich, sie sind zudem überflüssig. Denn zum einen ist der Stromverbrauch in dieser Region deutlich zurückgegangen, und zum anderen könnte "die gleiche Energiemenge, die das Werk in den Nordwesten Russlands liefert, nämlich 40-45 Prozent des Bedarfs, bei vernünftiger Nutzung eingespart werden," so Bodrow.

Bei dem von Siemens und E.ON mitfinanzierten Projekt ging es von Anfang an darum, Strom nach Westeuropa zu exportieren. Über neue Leitungen, die aus dem Nordwesten Russlands über Finnland und Schweden gen Westen führen, wird der Strom in das europäische Netz eingespeist. Die hiesigen Stromkonzerne profitieren durch den mit geringem Aufwand produzierten Strom und haben sich gleichzeitig die billigste Variante der Endlagerung gesichert: Der strahlende Atommüll bleibt einfach dort, wo er produziert wird. Der schon erschreckende Müllberg erhöht sich immer weiter: Etwa 4.000 Tonnen abgebrannter Brennstoff sind in Sosnovy Bor in den letzten 30 Jahren angefallen. In den Abklingbecken neben dem Werk lagern außerdem mehr als 30.000 bestrahlte Brennstäbe, die etwa 20 Tonnen Plutonium enthalten.

In dem die EU die Vernetzung und Kooperation mit dem russischen Strommarkt vorantreibt, unterstützt sie die verantwortungslose Politik der russischen Behörden, die aus reinem Profitdenken heraus die Sicherheit der eigenen Bevölkerung aufs Spiel setzen und keinerlei Rücksicht auf die Umwelt nehmen.



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