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Gipfel hautnah: BUND-Kopenhagen-Tagebuch

Antje von Broock, foto: BUND
Antje von Broock

Der BUND hat den Kopenhagener Klimagipfel vor Ort begleitet. Antje von Broock, BUND-Expertin für Internationale Umweltpolitik, hat täglich vom Gipfel aus Kopenhagen berichtet. Lesen Sie die Ereignisse und den Verlauf der Verhandlungen in ihrem Tagebuch noch einmal nach.

Samstag, 19.12.: Bittere Enttäuschung

Pressemitteilung: Kopenhagen – "Ohrfeige für Weltklima und ärmste Staaten"

Freitag, 18.12.: Frustrierender Showdown

Täglich wird es schwerer, mich zum Aufstehen zu bewegen. Nicht nur, weil ich mittlerweile völlig übermüdet bin, sondern auch, weil dieser Prozess so frustrierend ist. Nachdem uns tagelang weisgemacht wurde, man wolle sich noch auf einen Vertragstext einigen, zauberte die Dänische Präsidentschaft heute Morgen um drei Uhr dann doch noch ihre "politische Erklärung" aus dem Hut. In einer Gruppe ausgewählter Staaten wird nun diskutiert, ob der knapp drei Seiten lange Text die Unterstützung der Staatengemeinschaft kriegen könnte. Der Text ist insgesamt so inhaltsleer und im Grunde nur eine Wiederholung des Bali-Beschlusses von 2007.

Obamas mit großer Spannung erwartete Rede war eine maßlose Enttäuschung. Statt ausreichende kurzfristige Klimaziele vorzulegen, will er uns minimale Reduktionsziele von vier Prozent als großen Beitrag für die Rettung des Planeten verkaufen. Kar ist: Seine Anwesenheit hier in Kopenhagen wird den internationalen Klimaschutz keinen Schritt voran bringen. Zur finanziellen Hilfe bei Anpassungsmaßnahmen in den Entwicklungsländern hat er auch keine konkreten Aussagen gemacht.

Antje von Broock, Kopenhagen

Donnerstag, 17.12.: Die "Klimaqueen" soll's retten?

Antje von Broock in Kopenhagen

Die gestrigen Vorgänge – der Ausschluss von den Verhandlungen und das stundenlange Warten  – stecken uns noch in den Knochen, aber es muss weitergehen. Schnell und umsichtig haben die Kollegen aus England gehandelt und einen Konferenzraum gebucht, in dem wir Internetzugang haben. Es herrscht nun angespannte Geschäftigkeit, denn zu dem eigentlichen Stress der Verhandlungen kommt nun die zusätzliche Belastung, Information aus dem Bella Centre zu organisieren. Das ist umso schwieriger, als unsere Delegation weiter reduziert wurde. Nachdem die UN uns gestern vier Personen zugesagt hatte, wurden zwei Freunde der Erde erneut abgewiesen – ohne Begründung. Auf diese Weise ist sogar unsere internationale Vorsitzende, Nnimmo Bassey, von den Verhandlungen ausgeschlossen. 

Aber es bleibt keine Zeit für Unmut und Frust: Heute reisen rund 120 Staats- und Regierungschefs an, die Verhandlungen treten in die heiße Phase. "Ich bin etwas nervös, dass wir es schaffen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor ihrer Abreise nach Kopenhagen. Die Dänische Präsidentschaft hat mittlerweile ihre Ambitionen für einen eigenen Text aufgegeben. Es wird also wieder über die Vorschläge der Vorsitzenden geredet. Hier gibt es neue Texte, die wenig Vielversprechendes und einigen Sprengstoff beinhalten. Zahlen zu Reduktionen der Industrieländer stehen nach wie vor aus.

Welche Interessen werden die Staatschefs also verfolgen? Schon warnt die deutsche Industrie vor zuviel Klimaschutz. Der Titel "Klimaqueen" wurde Merkel von den Medien verliehen, nachdem sie 2007 beim G8-Gipfel in Heiligendamm den damaligen US-Präsidenten George W. Bush das Eingeständnis abrang, dass der Klimawandel stattfinde und die Welt etwas dagegen tun müsse. Aber schon kurz darauf verblasste Merkels Ruf als Klimaschützerin wieder. In Brüssel schonte sie die Autoindustrie vor Restriktionen für deren Spritschlucker. Das Gleiche tat sie bei der Einführung der CO2-bezogenen Kfz-Steuer und bei Klimaschutzvorgaben für die Flugzeugbranche. Im Zweifel für die Industrie und gegen mehr Klimaschutz, das scheint eine Haltung zu sein, die sämtliche Staatenlenker dieser Welt eint. Merkel könnte ihren angeschlagenen Ruf als „Klimakanzlerin“ wenigstens etwas reparieren: Sie müsste dafür sorgen, dass die Europäische Union ihre Klimaziele auf minus 40 Prozent erweitert, dass die armen Länder ausreichend Finanzmittel für mehr Umweltschutz erhalten und dabei helfen, die USA und andere Hauptverursacher von Treibhausgasen endlich ins Klimaschutz-Boot zu holen. Eine schwammige Abschlusserklärung reicht als akzeptables Kopenhagen-Ergebnis jedenfalls nicht aus.

Antje von Broock, Kopenhagen

Mittwoch, 16.12.: Ausgesperrt! BUND und andere NGOs dürfen nicht mehr zur Konferenz

Im Sitzstreik: Aus Protest gegen den Ausschluss ist die Delegation von BUND/Friends of the Earth in den Sitzstreik getreten.
Im Sitzstreik: Aus Protest gegen den Ausschluss ist die Delegation von BUND/Friends of the Earth in den Sitzstreik getreten.

Mittwoch. 14.00 Uhr: Nach einem vierstündigen Sitzstreik hat Friends of the Earth geschlossen die UN-Klimakonferenz verlassen. Es ist skandalös, wie die dänische Präsidentschaft von Anfang an versucht hat, die Zivilgesellschaft zu beschränken und auszuschließen. Der ungerechtfertigte Rausschmiss von FoE und damit auch des BUND ist der Höhepunkt in einer langen Reihe von Repressionen und Einschränkungen. Wir sind frustriert und enttäuscht über diese Kriminalisierung von FoE und BUND, die jeder Grundlage entbehrt. Für uns bestätigt das den Eindruck von der diesjährigen Klimakonferenz als beispiellos intransparentem Prozess und entsprechend sehen wir ihrem Ende mit Skepsis entgegen. Auch von außerhalb der Konferenzmauern werden wir weiter versuchen, unsere Stimme für Klimagerechtigkeit zwischen Nord und Süd laut zu erheben.

Was heute passierte: Ab acht Uhr wurde die FoE-Delegation im Foyer festgehalten und von Sicherhheitsleuten bewacht. Der Sitzstreik begann gegen 9 und endete gegen 13 Uhr. Offensichtlich wurde der Sicherhheitsabteilung des Klimasekretariats die Medienaufmerksamkeit zu viel, jedenfalls verboten sie irgendwann Journalisten, mit uns zu sprechen oder Fotos zu machen. Wir wissen, dass eine deutsche Grünen Abgeordnete und der norwegische Botschafter davon abgehalten wurden, zu uns zu sprechen, um ihre Solidarität auszudrücken. Die Solidaritätsbotschaften, die uns erreichten, haben uns bestärkt, dafür sind wir dankbar. Auch andere Organisationen wie Via Campesina wurden mit der gleichen fadenscheinigen Begründung von Sicherhheitsbedenken ausgeschlossen. Nach langwierigen Verhandlungen hatte uns dann das UN-Klimasekretariat ganze 12 Personen in der Konferenz zugestanden. Zuvor waren uns 96 Plätze zugesagt worden, 12 sind inakzeptabel für ein so großes NGO-Netzwerk wie FoE. 12 Plätze entspricht natürlich auch nicht dem, was zumindest heute noch anderen Organisationen unserer Größe zugestanden wird – was im Übrigen auch lächerlich gering ist, insbesondere ab morgen, wenn wie erwähnt die Vertreter der Zivilgesellschaft noch stärker beschränkt werden.

Die Proteste anderer Gruppen vor und hinter dem Zaun wurden zum Teil gewaltsam aufgelöst bzw. TeilnehmerInnen verhaftet. FoE und BUND sind eine gewaltfreie Organisation und nicht Teil gewaltsamer Proteste. Es bleibt der Eindruck von überforderten Sicherhheitskräften und einem mehr als mangelhaften Konzept, wie mit dem berechtigten Protest am Verlauf der Verhandlungen umgegangen werden soll.

Nach dem Ausschluss von den Verhandlungen des Klimagipfels tritt die Delegation Friends of the Earth in einen Sitzstreik.
Nach dem Ausschluss tritt die
Nach dem Ausschluss von den Verhandlungen des Klimagipfels tritt die Delegation Friends of the Earth in einen Sitzstreik.
Delegation Friends of the Earth
Nach dem Ausschluss von den Verhandlungen des Klimagipfels tritt die Delegation Friends of the Earth in einen Sitzstreik.
in einen Sitzstreik.

Mittwoch, 11.15 Uhr: Yvo de Boer, der Leiter des Klimasekretariats, hat gerade mit uns gesprochen und behauptet, dass schon zu viele NGOs und andere TeilnehmerInnen im Gebäude seien und wir wegen dieser Mengenüberschreitung nicht reinkämen – das ist leider schlicht nicht wahr. Vielleicht weiß es de Boer nicht besser, aber Friends of the Earth/ BUND ist als Delegation der Zutritt verweigert worden, nicht einzelnen von uns. Andere, kleinere Organisationen sind auch betroffen. Dann sagte de Boer, dass die Proteste vor dem Konferenzgebäude mit Gruppen hier drin in Verbindung gebracht worden seien – implizit also mit FoE. Allerdings beteiligt sich FoE explizit nicht an der Aktion, die vermutlich gerade draußen läuft: die Belagerung des Konferenzgebäudes. Das ist klare Diskriminierung. Es gab jetzt das Angebot, dass eine Abordnung von uns und anderen ausgeschlossenen NGOs mit dem Klimasekretriat verhandelt und versucht, eine Lösung zu finden. Das passiert jetzt. Wir bleiben sitzen.

Empörung herrscht, nach dem VertreterInnen von Umwelt-NGOs der Zutritt zum Koferenzzentrum verwehrt wurde.
Empörung herrscht, nach dem VertreterInnen von Umwelt-NGOs der Zutritt zum Koferenzzentrum verwehrt wurde.

Mittwoch, 10.45 Uhr: BUND und Friends of the Earth machen gerade ein Sit-in im Vorraum des Konferenz-Centers. Wir sind nun offiziell für heute von den Verhandlungen ausgeschlossen. Das heißt aber, dass wir auch für die kommenden Tage ausgesperrt bleiben, weil die Zahl der NGO-Vertreter ohnehin auf ein Minimum (morgen 1.000, Freitag 90 Personen aus der ganzen Zivilgesellschaft) reduziert werden. Wir sind schockiert von diesem Vorgehen, wir protestieren gegen unseren Ausschluss von der Konferenz und das unsägliche, undemokratische Vorgehen dieser Konferenzleitung. "Sicherheitsbedenken" hieß der Grund, den Yvo de Boer unserem Delegationleiter für den Ausschluss genannt hat. FoE hat sich während dieser Konferenz nur an friedlichen Aktionen beteiligt bzw. eigene friedliche Aktionen durchgeführt. Der Ausschluss ist durch nichts zu begründen. Alle von uns sind akkreditiert und haben auch den zweiten Ausweis, der uns heute zum Zutritt berechtigen soll.
 
Andere große NGOs sind offenbar weiterhin zugelassen und haben beim Klimasekretariat für uns ihren Protest ausgesprochen. Wir fordern, wieder zugelassen zu werden, um uns wie bisher an der Konferenz zu beteiligen und – friedlich – für ein faires Abkommen mit verbindlichen Minderungszielen zu streiten. Wie lange wir hier sitzenbleiben, ist im Moment unklar. Medien berichten.
 
PS: Gerade hat uns hier im Foyer ein Parlementarier aus Kanada seine Solidarität ausgesprochen. 
 

Mittwoch, 8.50 Uhr: Böse Überraschung bei der Registrierung: Nachdem die übliche Schlange heute schneller voranging, wurden wir beim Einlass ohne Begründung abgewiesen. Das betrifft nicht nur Friends of the Earth (FoE), denen der BUND angehört, sondern offensichtlich einen großen Teil der Umwelt-NGOs. Die Vermutung ging zunächst dahin, dass es sich nur um solche Umweltorganisationen handelt, die sich potentiell an der für heute früh geplanten Belagerung des Konferenzzentrums durch das Netzwerk Climate Justice Action beteiligen könnten oder solche, die wie FoE eigene (friedliche) Aktionen im Konferenzzentrum gemacht hatten. Das ist offensichlich nicht so, sondern ein umfassender Ausschluss friedlicher Konferenz-BeobachterInnen.

Bis jetzt (seit einer Stunde) gibt es keine offizielle Begründung, weshalb NGOs nicht mehr zugelassen werden. Diese Kriminalisierung setzt dem undemokratischen Gebahren der letzten Tage die Krone auf. Wir dürfen nicht sitzen, wir dürfen nur mit Sicherhheitsbegleitung auf die Toilette.

Wir versuchen, unsere Medienkontakte zu nutzen, um über diese Aussperrung der Zivilgesellschaft zu berichten.  Es geht das Gerücht, dass wir gleich ganz rausgeworfen werden... Wir versuchen weiter zu berichten.

Antje von Broock, Kopenhagen

Dienstag, 15.12.: Lange Schlangen, EU und Bundesregierung blockieren

Angry-Mermaid-Award für Unternehmen, die dem Weltklima großen Schaden zufügen

Schlange stehen – das ist die Erfahrung, die hier inzwischen Normalität ist. Denn die UN und die dänische Regierung als Gastgeber der Konferenz haben beschlossen, die Teilnehmerzahl von Seiten der Zivilgesellschaft drastisch zu reduzieren. Wer sich jetzt noch akkreditieren will, hat große Schwierigkeiten. Gestern kamen Menschen auch nach neun Stunden Schlangestehen nicht in das Konferenzzentrum.

Das organisatorische Chaos ist aber vielleicht der kleinere Teil des Problems. Schwerer wiegt, dass die Augen und Ohren der NGOs begrenzt werden sollen: Wie zuvor angekündigt, wird die Zahl der Beobachter heute und morgen schon reduziert, am Donnerstag werden nur noch 1.000 zugelassen, am Freitag noch ganze 90. Das widerspricht nach Auffassung der NGOs den Transparenz-Prinzipien der Aarhus-Konvention, der sich sowohl Dänemark als auch die UN verpflichtet haben. Bisher ist aber kein Anzeichen zu erkennen, dass die Konferenzleitung dem Protest der Zivilgesellschaft Gehör schenken wird. Auch den BUND und seine Delegation stellt das vor massive Probleme, da nicht alle Zugang erhalten werden.
 
Undemokratisches Gebaren trifft aber nicht nur die NGOs. Der von Dänemark initiierte Prozess der informellen Konsultation geht weiter, trotz massiver Kritik der Entwicklungsländer, die eine öffentliche Debatte fordern – statt Deals hinter verschlossenen Türen. Deutschland und Indonesien werden helfen, diese informellen Runden zu moderieren. Unsere gestern an Umweltminister Röttgen gerichtete Erwartung, dass er und die Kanzlerin sich mit ihrem Gewicht und diplomatischem Geschick, das insbesondere Merkel nachgesagt wird, für einen wirklichen Erfolg hier einsetzen müssen, war also wohlplatziert. Apropos Merkel: Sie wird vermutlich am Donnerstagnachmittag im Plenum sprechen.

Wir fordern, dass die EU auf ihrem Sondergipfel, der hier am Mittwoch- oder Donnerstagabend stattfindet, ihr Klimaziel für 2020 auf mindestens minus 40 Prozent anhebt. Außerdem muss sie Schlupflöcher schließen, die derzeit bedeuten würden, dass die EU de facto keine CO2-Reduktionen mehr vornimmt bzw. die Emissionen sogar steigern würde. Und schließlich muss die EU mindestens 35 Milliarden Euro pro Jahr auf den Tisch legen, um ihre Klimaschulden gegenüber den Entwicklungsländern zu begleichen.

Die EU, die sich so klimafreundlich gibt, hat gestern zu Recht den "Fossil of the Day" (2. Platz) bekommen für massives Greenwashing und eine destruktive Verhandlungshaltung, an der die Bundesregierung, wie man auf den Fluren hört, maßgeblich beteiligt sein soll. Vielleicht hilft das heutige Treffen von Kanzlerin Merkel mit den kleinen Inselstaaten, die im wahrsten Sinne des Wortes vom Untergang bedroht sind, ihrer Haltung auf die Sprünge.

No-Logo-Autorin Naomi Klein hat heute für Friends of the Earth den Angry-Mermaid-Award verliehen für Unternehmen, die trotz gegenteiliger Versprechungen dem Weltklima großen Schaden zufügen. Rund 10.000 TeilnehmerInnen wählten per Online-Abstimmung Monsanto auf Platz eins, gefolgt von Shell und dem American Petroleum Institute auf den Plätzen zwei und drei.

Antje von Broock, Kopenhagen

Montag, 14.12.: Unterschriften für Röttgen, Glückwünsche für DONG

Antje von Broock und Tina Löffelsend übergeben Norbert Röttgen die ersten 10.000 Unterschriften der BUND-klimapetition (oben), Flashmob von FoEI (unten)
10.000 Unterschriften für Norbert Röttgen (oben), Klima-Flashmob im Bella Center (unten)

Der erste BUND-Termin des Tages: Übergabe der ersten 10.000 Unterschriften unserer Online-Petition an Umweltminister Röttgen. Immerhin will auch der Minister ein bindendes Abkommen in Kopenhagen erreichen und erkennt die Verantwortung der Industrieländer an. Leider hat er aber nicht die Gelegenheit ergriffen und konkrete Zahlen etwa für Klimaschutz in armen Ländern genannt.

Die Kanzlerin hat ja gerade noch einmal klargestellt, dass von Deutschland keine einseitigen Vorleistungen erwartet werden könnten, Röttgen stieß ins selbe Horn und sagte, mit dem 40-Prozent-Ziel für Emissionsreduktionen bis 2020 sei die deutsche Vorleistung schon erbracht. Aber nicht nur hier stimmen BUND und Norbert Röttgen nicht überein. Auch über die Frage, wie ambitionierte Klimaziele zu erreichen sind, werden wir die nächsten Jahre streiten – da war man sich wieder einig. Röttgen hatte sich jüngst für den Neubau von Kohlekraftwerken ausgesprochen, aber ihm war unsere Position dazu immerhin schon grundsätzlich bekannt.

Die EU will am Mittwoch einen Sondergipfel in Kopenhagen abhalten - und muss sich hier auf ein höheres Klimaziel verständigen. Bislang hat sie nur 20 Prozent weniger Treibhausgase bis 2020 zugesagt, notwendig wären aber mindestens minus 40 Prozent. Wenn die EU bei ihren 20 Prozent verharrt, wäre das ein schlechtes Signal für diese ohnehin schwierigen und stockenden Verhandlungen.
 
Ebenfalls am Vormittag war eine Gruppe von BUND und Klimapiraten zum dänischen Energiekonzern DONG aufgebrochen, um ihn zu seiner weisen Entscheidung von Freitag, dem Verzicht auf das neue Kohlekraftwerk in Lubmin, zu beglückwünschen. Statt dem eigentlich geplanten Protests erhielt die DONG-Vertreterin nun von uns ein "goldenes Windrad" als Ansporn, jetzt wirklich in Erneuerbare Energien zu investieren – wie es der Konzern angekündigt hat.
 
Friends of the Earth mischte heute den Verhandlungsort, das Bella Center, mit zwei Flash Mobs auf: Wir recycleten unsere blauen Ponchos von der "Welle" am Samstag und bauten uns so verkleidet in der großen Halle auf: "We stand with Africa, Kyoto targets now!" war der wiederholte Schlachtruf und lautes Klatschen stellte die Aufmerksamkeit in der Halle sicher. - Auch einige aus afrikanischen Delegationen schlossen sich uns an. Ein starkes Statement - ob es hilft?

Antje von Broock, Kopenhagen

Pressemitteilung vom 14.12.: Röttgen und Merkel müssen beim Gipfel vermitteln

Samstag, 12.12.: 100.000 und der Weihnachtsmann fluten Kopenhagen

Heute gehen wir in Kopenhagen auf die Straße: Die ENGOs (Environment non-governmental organisations), die YOUNGOs (Youth non-governmental organisations), die IPOs (Indigenous people organisations), die RINGOs (Research and independent non-governmental organisations), die TUNGOs (Trade unions non-governmental organisations), die Farmers und die Woman-and-Gender-Gruppen und viele andere, die an den vergangenen fünf Tagen in den Räumen des Bella Center bei der Kopenhagener Klimakonferenz für mehr Umwelt- und Klimaschutz gearbeitet haben. Auch die Industrie hat sich inzwischen 'NGOs' zugelegt: die BINGOs – Business and Industry Non-Governmental Organizations, die ebenfalls im Bella Center vertreten sind, obwohl man sie kaum wahrnimmt.

Zigtausende Demonstranten, darunter ca. 5.000 von Friends of the Earth International und rund 600 vom BUND, machen heute eine Riesenwelle aus blau gekleideten Menschen in der Innenstadt von Kopenhagen und fordern ambitionierte und akzeptabel finanzierte Klimaschutz-Maßnahmen, um die weitere Erderwärmung zu stoppen. Die Polizei spricht von rund 100.000 DemonstrantInnen, die durch Kopenhagens Innenstadt gezogen sind.

Mit dabei: Der Weihnachtsmann, er trägt ein Schild, auf dem er davor warnt, es könnte zu warm für seinen Job werden, schließlich braucht er Schnee und Schlitten. Auf seinem Plakat steht "Santa says STOP GLOBAL WARMING" und: "Its getting to hot for Rudolph". Vom Parlamentsplatz, wo die Welle zuerst anbrandet, geht der Demonstrationszug dann sechs Kilometer durch die Stadt zum Bella Center, wo dem Konferenzchef Yvo de Boer eine Petition überreicht wird.

Bisher ist es eine friedliche und eindrucksvolle Kundgebung, denn die knapp 200 Nationen, die hier in Kopenhagen vertreten sind, hoffen auf ein positives politisches Signal, das um die Welt geht: Runter mit den Klimagasen, für Gerechtigkeit zwischen reichen und armen Regionen, für demokratische Teilhabe aller an den Gütern der Erde, für eine zukunftsfähige Wirtschaft und eine lebenswerte Zukunft auch für nachfolgende Generationen.

Antje von Broock, Kopenhagen

   

Freitag, 11.12.: Erstaunlicher Trubel mit geringen Mitteln, Hopenhagen

Zum Wochenende werden neue Textentwürfe für eine Kopenhagen-Abschlusserklärung erwartet. Sowohl die dänische Präsidentschaft als auch die Entwicklungsländer wollen ihre jeweils eigene Version eines möglichen Beschlusses präsentieren.

Dann kommt es auf die Länderdelegationen an, was noch nachverhandelt werden kann. Eines steht schon fest: Die Nichtregierungsorganisationen, vor allem jene aus dem Süden, haben den Druck "im Bella-Center-Kessel" von Kopenhagen aufrechterhalten. Mit Dutzenden phantasievollen Aktionen innerhalb und außerhalb des Konferenzzentrums haben sie immer wieder gefordert, die globale Aufgabe anzunehmen und strikte Klimaschutzziele zu vereinbaren. Nicht ganz so sichtbar im Bella Center ist die Industrie. Draußen haben große Unternehmen wie Vattenfall, Siemens, Renault, BMW und andere die Konferenz auf Riesen-Plakaten in "Hopenhagen" umetikettiert und in der Innenstadt große Informationszentren, eine Riesen-Musikbühne und eine Reihe von Veranstaltungen gesponsert. Ihre Lobbyisten sind hier im Bella Center aber eher hinter den Kulissen aktiv und laden zu Workshops und Paneldiskussionen ein.

Nicht, dass die Industrie generell gegen ein Klimaabkommen in Kopenhagen arbeiten würde. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hatte ja schon im Vorfeld lautstark gefordert, dass man Klarheit brauche - vor allem über die Zukunft des so genannten "Kohlenstoffmarktes". Also des internationalen Handels mit CO2-Zertifikaten. Denn hier liegen große Gewinnhoffnungen für die Industrie. Im letzten Jahr wurden in diesem Bereich in der Europäischen Union bereits fast hundert Milliarden Euro umgesetzt.

Während Nichtregierungsorganisationen hier in Kopenhagen mit geringen Mitteln einen erstaunlichen Trubel verursachen, agieren Industrievertreter mit enormen Geldsummen im Hintergrund. Friends of the Earth prangert diese Praktiken seit Jahren an und wird in Kopenhagen daher einen Preis verleihen – an jene Unternehmen, die trotz gegenteiliger Versprechungen dem Weltklima großen Schaden zufügen. Der "Angry Mermaid Award" (den "Preis der wütenden Kopenhagener Meerjungfrau") werden wir am kommenden Dienstag verleihen. Morgen, am Samstag, werden erst mal über 10.000 Aktivisten, darunter rund 600 vom BUND, als große menschliche Welle die Kopenhagener Innenstadt fluten. Ihre Forderung: Klimaschutz jetzt, für Industriestaaten minus 40 Prozent Treibhausgase im Vergleich zu 1990 bis 2020.

Antje von Broock, Kopenhagen

Donnerstag, 10.12.: Luftballons tragen Klima-Botschaft nach Brüssel

Ballons mit Transparent "EU: Up your tragets", FoE-Aktivistin

Auf dem Weg zur Klimakonferenz komme ich morgens an der Büste des dänischen Atomphysikers und Nobelpreisträgers Niels Bohr vorbei. Sein bronzenes Gesicht mit den hellen Korrosionsstreifen scheint zu weinen. Vielleicht darüber, dass noch immer zu viele die einfachsten physikalischen Gesetze ignorieren. Zum Beispiel, dass wir die globale Klimabalance zerstören, wenn es nicht gelingt, die Konzentration des CO2 in der Atmosphäre auf maximal 350 ppm (parts per million –  350 ppm gilt als gerade noch akzeptable CO2-Konzentration) zu reduzieren.

Heute wird Barack Obama in Stockholm der Friedensnobelpreis verliehen. Er hat eingestanden, dass er ihn eigentlich unverdient erhält. Will er ihn sich jedoch verdienen, dann könnte er die USA auf einen Weg führen, der nicht nur friedvoller ist als in der Vergangenheit, sondern der auch künftige Klimakriege um Öl, Rohstoffe, Wasser und massenhafte Umweltflüchtlinge vermeidet. Die USA müssen ihre Treibhausgasemissionen stärker senken, als sie es sich bislang eingestehen wollen.

Auch die EU, die sich selbst gerne als Vorreiter sieht, muss mehr tun, um das eigene Ziel, die Erderwärmung auf unter 2°C zu begrenzen, zu realisieren. Mehr als 40 Prozent CO2-Minderung sind notwendig und möglich. Das hat unser europäisches Netwerk Friends of the Earth Europe (FoE) jetzt gemeinsam mit dem Stockholm Institute of Environment belegt. Klar, dass das nicht zum Nulltarif zu kriegen ist; erneuerbare Energien und Energiesparen ist dabei nur die eine Seite der Medaille, Änderungen im Wirtschaftssystem und in der Lebensweise die andere.

Den heute in Brüssel beginnenden EU-Gipfel nehmen wir zum Anlass einer Aktion vor dem Bella Center in Kopenhagen. Aufsteigenden Ballons senden den europäischen Staats- und Regierungschefs eine klare Botschaft: "Hoch mit Euren Zielen beim Klimaschutz!".

Antje von Broock, Kopenhagen

Mittwoch, 9.12.: Enttäuschender Vorschlag der Gastgeber: Kyoto am Ende?

Die Presse weiß es zuerst: Der britische Guardian hat den 13-seitigen dänischen Vorschlag veröffentlicht, der die Eckpunkte für einen möglichen Kopenhagen-Beschluss beschreibt. Die dänische Regierung hat sicher nicht mit dem Gegenwind gerechnet, der dem entgegenschlägt. Die Staatengemeinschaft, vor allem die Länder, die im Vorfeld nicht mit einbezogen wurden, sind wenig begeistert, dass die Bemühungen der letzten Jahre für den Abschluss eines Kyoto-Anschlussabkommens nun vom Tisch gefegt werden sollen.

Der Vorschlag erwähnt zwar das Kyoto-Protokoll noch, die dänische Regierung – die als Gastgeber auch die Präsidentschaft des Weltklimagipfels innehat – will jedoch ein ganz neues Klimaschutz-Abkommen und folgt damit den USA, die ein Ende des Kyoto-Protokolls wollen. In einem daraufhin spontan angesetzten Meeting wies die Gruppe der Entwicklungsländer noch einmal auf die jetzt schon gegenwärtigen Folgen des Klimawandels für sie hin. Das Mikado, das hier gespielt wird, ist für viele Menschen lebensgefährlich. Ein Warten auf das Land, das sich zu erst bewegt, wird viele Regionen der Erde in die Katastrophe stürzen.

Angesichts dessen erscheint der dänische Vorschlag, der bei den CO2-Reduktionszielen und den Finanzen – also überall dort, wo es drauf ankommt  – Leerstellen aufweist, geradezu kontraproduktiv. Reduktionsziele für die Industriestaaten sind darin nur mit leeren Klammern benannt. Konkret wird der Vorschlag nur dort, wo es um das langfristige Globalziel geht, für das die Verantwortung so prima verschoben werden kann. Dänemark verhält sich damit so wie der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen und Kanzlerin Angela Merkel. Die betonen ebenfalls vor allem das Ziel, die globale Erderwärmung bis Ende 2100 auf zwei Grad zu begrenzen. Die Industriestaaten müssen endlich begreifen: Verantwortung lässt sich nicht vertagen.

Antje von Broock, Kopenhagen

Dienstag, 8.12.: Kette abgesprungen oder Rückenwind?

FoE-Aktive mit Laptops im Konferenzcenter

Tritt man in Kopenhagen früh im Dunkeln vom Hostel auf die Straße, blinken einen hunderte Fahrradlichter an. Ungewöhnlich viele dreirädrige Kindertransport- und Lastenräder sind hier unterwegs. In Dänemark sagt man, wenn man einen schlechten Tag hatte, einem sei die Kette abgesprungen, hat man Erfolg, kommt der Wind von hinten. Das Rad gehört zum Alltag und zur Alltagssprache.

Kopenhagen hat den Delegierten des Weltklimagipfels Freifahrtscheine spendiert und so bringt uns die U-Bahn zum Konferenzzentrum. Wieder müssen alle durch die Sicherheitsschleusen. Schaut man sich in den Hallen des "Bella Center" um, scheint sich der Weltklimagipfel vor allem an den Notebooks der Teilnehmer abzuspielen. Und wenn gesprochen wird, dann fast ausschließlich Englisch.

Nachdem sich gestern rund 20 Arbeitsgruppen konstituiert haben, wird heute zu verschiedenen Themen die Zukunft des Planeten verhandelt. Für Friends of the Earth verfolge ich die Debatten zu den CO2-Emissionsreduktionszielen der Industriestaaten. Während die kleinen Inselstaaten und die Gruppe der afrikanischen Länder nicht müde werden, die Bedeutung dieses Punktes zu betonen und eindringlich auf die Gefahren steigender Temperaturen hinweisen, weichen die Industriestaaten klaren Ansagen bisher aus.

Die Klimawissenschaftler haben gefordert, die Treibhausgase in den Industriestaaten um 25 bis 40 Prozent zu senken. Bisher addieren sich deren Angebote jedoch auf nicht einmal 20 Prozent. Da wirkt es wie ein Ablenkungsmanöver, wenn die USA und die EU Vorwürfe an China richten, das Land sei beim Klimaschutz nicht ambitioniert genug. Verglichen beispielsweise mit den schwachen USA-Klimazielen ist das Angebot der EU, ihre Energieeffizienz um 45 Prozent zu steigern, wiederum akzeptabel. Ganz klar, zuerst müssen jene vorangehen, die den Klimawandel hauptsächlich verursacht haben. Entweder der Wind kommt von hinten oder die Kette springt ab.

Antje von Broock, Kopenhagen

Montag, 7.12.: Konferenzbeginn – eiskalte Füße trotz Klimawandel

Sechs Uhr. Der Wecker reißt mich aus dem Schlaf. Der erste Konferenztag beginnt früh und kalt. Um sieben Uhr treffen wir den Eis-Künstler Morton Michels aus Kopenhagen, um unsere Meer-Jungfrau aus Eis aufzustellen und mit der BUND-Mahnwache zu beginnen. Zwei Stunden später haben wir eiskalte Füße und mindestens fünf Interviews absolviert (neben ntv, RTL, ZEIT-online, Ostsee-Zeitung, Wir-Klimaretter.de  auch Al Jazeera und ABC Australia). Tausende Delegierte sind an uns vorbei ins Bella Center geströmt und haben unsere Botschaft gesehen. Die meisten wissen: Die Welt kann nicht warten, das Eis der Gletscher schmilzt rasend schnell. Kopenhagen muss ein akzeptables Ergebnis liefern.

Was aber wäre, wenn die vielen Klimaforscher und -diplomaten einfach zu Hause blieben? Wäre dann der Atmosphäre nicht schon ein wenig geholfen? Seit 17 Jahren, seit dem Erdgipfel von Rio, sind Tausende regelmäßig um den Globus herum unterwegs, um über mehr Klimaschutz zu verhandeln. 1997 in Kyoto vereinbarten die Teilnehmerstaaten, die Treibhausgase um etwas mehr als fünf Prozent im Vergleich mit 1990 zu reduzieren. Weltweit sind sie seitdem um 40 Prozent gestiegen.

Neulich im Radio begründete ein Astronaut die Notwendigkeit der Raumfahrt allen Ernstes damit, die Menschheit müsse sich ja neue Planeten suchen, da sie dabei sei, die Erde und ihr Klima zu zerstören. Auch wenn die Welt morgen untergeht, zünden wir heute noch eine Rakete...

Barack Obama will nun doch zum Ende des Klimagipfels nach Kopenhagen kommen. Erst wollte er gar nicht kommen, dann zum Anfang, nun doch zur entscheidenden Phase. Falsche Hoffnungen in die „großen Staatenlenker“ sind jedoch nicht angebracht. Wenn die Staatschefs der Welt einen Klimaschutzpakt unterschreiben, dann nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie dazu gedrängt werden. Kopenhagen muss gelingen...

Antje von Broock, Kopenhagen

Sonntag, 6.12.: Kleiner Vorgeschmack: Aaaaaaaact NOW!

10,9,8,7,6,5,4,3,2,1…hier kommt die Welle! Zwischen zwei intensiven Team-Meetings haben wir Kopenhagen einen ganz kleinen Vorgeschmack auf den 12.12. gegeben. Die BUNDjugend zusammen mit ihrem internationalen Netzwerk Young Friends of the Earth hatte Ponchos dabei und hat uns eine Kurzunterweisung in der La-Olà-Welle gegeben. Statt: "Ohhhhhhhhoh!" rufen wir nun vereint: "Aaaaaaaact NOW!".

Und jetzt wissen wir auch, wie unglaublich kalt es werden kann, wenn man nur eine halbe Stunde draußen steht. Am Samstag werden wir uns alle noch ein bisschen wärmer anziehen!

Antje von Broock, Kopenhagen

Samstag, 5.12.: Weihnachtstouristen statt Klimaaktivisten

Ich hatte erwartet, in der ganzen Stadt nur Klimaaktivisten zu sehen. Stattdessen ist Kopenhagen voller Weihnachtstouristen, die nichts von der so wichtigen Klimakonferenz ahnen. Schade, dass so viele von denen auch in unserer Unterkunft sind. Während ich versuche zu schlafen, feiern sie in der Bar im Erdgeschoss.

Zum Glück kommen morgen die anderen Kolleginnen und Kollegen aus Europa und übernehmen das Haus. Uns stehen zwei sehr intensive Wochen bevor und uns eint nicht nur der Wunsch, die Welt zu retten – wir wollen auch alle gesund Weihnachten feiern und achten daher sehr darauf, ausreichend Schlaf zu bekommen.

Antje von Broock, Kopenhagen



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Foto: eyewire / fotolia.com

Klimaschutz: Jetzt handeln!

Die Temperaturen steigen: Regisseur Nic Balthazar gelingt es, am Strand von Ostende die Dramatik des Klimawandels darzustellen. Dieser Film hinterlässt eine Gänsehaut.

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